Genug mit den Satiren und gesellschaftskritischen Komödien, jetzt soll uns Hollywood wieder liefern, was wir wirklich wollen: Helden und Action. Ridley Scotts Sandalenfilm "Gladiator" protzt mit beidem.
Text: ingrid arnold [ingrid.arnold@gmx.net] aus De:Bug 36

/kino Digitale Sandale Ridley Scotts GLADIATOR Nach mehreren ebenso guten wie erfolgreichen kleineren Produktionen, die dann auch noch die Oscars abgeräumt haben, kommt nun wieder die richtig fette Variante. Wenn der Regisseur dann noch Ridley Scott heisst, der Film GLADIATOR, und damit das lang vernachlässigte Genre “Sandalenfilm” wiederbelebt wird, dann könnte man dem Film zutrauen, die TITANIC für 2000 zu werden. Wir befinden uns im Jahr des Herrn 180. Maximus (Russel Crowe), treuer römischer General und als Thronfolger des alten Kaisers vorgesehen, wird verstossen, als sein Imperator Marcus Aurelius von dessen Sohn Commodus (Joaquin Phoenix) vorzeitig ums Leben gebracht wird. Der neue Kaiser tötet auch die Familie des Rivalen, und Maximus wird als Sklave verschleppt. Als berühmter Gladiator kommt er schliesslich nach Rom, um Rache zu nehmen. Bis zu den im Filmtitel versprochenen Kampfszenen im Colosseum wird man erstmal auf die Folter gespannt. Das erste Drittel des Films soll die Motivation des Helden für seinen späteren Rachefeldzug begründen. Deshalb absolvieren wir eine ganze Schlacht im kalten Germanien, siechen mit dem Imperator dahin und blicken immer wieder in farbgefilterten Zeitlupen-Rückblenden auf Maximus’ Familie in der schönen spanischen Heimat. Ein übergeordnetes Anliegen, wie den Befreiungskampf von Sklaven in SPARTACUS, wird es hier nicht geben. Stattdessen geht es um persönliche Rache, um Manipulation und Machtgewinn: der perfekte Inhalt für Scotts oberflächliche Bilderwucht. Ridley Scott ist ein Ästhet, das Charakterisieren von Nebenfiguren kann dann schon mal zu kurz kommen. Und Scott ist kein auteur, er schreibt seine Drehbücher nicht selbst, deshalb sind ihm schwer nachvollziehbare Plot-Elemente, etwa dass der grosse Soldat Maximus sich ganz ohne Widerstand von Sklavenhändlern einpacken lässt, nicht unbedingt anzulasten. Bekannt geworden für die visuelle Kraft seiner Weltentwürfe und das stilsichere Schaffen von Atmosphäre, ist Scott aber in den letzten Jahren ohnehin eher durch Holzhammer-Symbolik und eine Vorliebe für militärischen Drill aufgefallen. Von der Klasse seiner früheren Werke ALIEN und BLADE RUNNER waren seine Filme ab THELMA & LOUISE schon ziemlich weit entfernt. Und GLADIATOR wirkt nun leider über weite Strecken endgültig, als hätte ihn der Scott-Bruder Tony (TOP GUN, TRUE ROMANCE) inszeniert. Nur die Eleganz der Bilder und Bewegungen lässt vermuten, dass es sich hier doch um etwas Besseres handeln könnte. Unter der perfekten visuellen Oberfläche leidet auch die in einem Gladiatoren-Film unabdingbare Erfahrung von Körperlichkeit. Die Kämpfe sind oft in engen Einstellungen gefilmt, und dennoch sieht man sie, als stünde man auf der Tribüne. Sicher nicht das, was man will, wenn man ins Kino geht. Dennoch: Der Schweiss trieft, das Blut spritzt, und die Rache kommt bestimmt. Die Musik kann in so einem Film auch nicht mehr Vangelis besorgen, dazu muss Hans Zimmer, sonst immer für Tony-Scott-Filme zuständig, seinen Bombast-Sound ablassen. Alles passend für einen klassischen Buddy-Movie eigentlich, nur ist es einer ohne Buddies, denn Maximus ist ein Einzelkämpfer. Seine Figur ist die einzige halbwegs klar gezeichnete, was sicher auch Russell Crowes Präsenz zu verdanken ist. Phoenix gibt seinen Commodus überzeugend, aber eindimensional als teuflischen Caligula. Der Herrscher ist alt, die Frau ist schön. Und alle Co-Gladiatoren müssen sowieso bald sterben. Oliver Reed hätte aus seinem Gladiatoren-Ausbilder Proximo vielleicht noch mehr machen können, wäre er nicht mitten in den Dreharbeiten gestorben; sein Filmtod wurde mit einem Double von hinten gedreht. Die Schlachtszenen zu Beginn und die Gladiatorenkämpfe sind dennoch das Beeindruckendste. Denn manchmal erfolgt ein besonders schicker Stilbruch durch Strobo-Effekte, schon in SAVING PRIVATE RYAN gern benutzt, die hier eben nicht mit Maschinengewehr-Sound korrespondieren, sondern archaische Schwertkämpfe zerhacken. Für den genannten Effekt werden einzelne Bilder “verlängert”. Das sieht dann aus wie Fotografie mit langer Belichtungszeit; Gegenstände – gerne spritzendes Blut – stehen gleichsam im Bild. Da andere Bilder dafür rausgeschnitten werden, behält die Sequenz ihre ursprüngliche Länge: Jump Cuts sozusagen mit malerischem Resultat; die so manipulierten Szenen wirken wie aus einem Anime. Das schafft einerseits Distanz und macht gleichzeitig aus all dem Blut und Gore einen nachvollziehbaren Alptraum. Manche der Action-Szenen funktionieren so nicht als Auflockerung und Entladung, sondern als weitere Erklärung für den emotionalen Zustand der Haupfigur. In die Effekte wurden trotzdem nicht ausreichend viele der ausgegebenen Millionen investiert; etwas weniger langweilig-bombastische Massenszenen, teils sogar in Riefenstahl-Ästhetik, hätten es stattdessen auch getan. Die Story latscht ansonsten so dahin, dass man enttäuschenderweise nicht von einer Neudefinition des Genres, weder mit aktuellen filmtechnischen Möglichkeiten, geschweige denn erzähltechnisch, sprechen kann – etwas, das Scott mit seinen Science-Fiction-Filmen noch gelungen ist. Aber diesen Film kann nicht allein die Regie vergeigt haben, geben wir also dem Produzenten, Story- und Screenplay-Autor David Franzoni die Schuld. In den GLADIATOR-Online-Foren gab es eine Menge Diskussionen, was in so einem spektakulären Film denn nun alles computer-generiert sein könnte. Aber tatsächliche CGIs waren wohl nur Teile des Colosseums, es musste deshalb nicht komplett nachgebaut werden. Die Statisten wurden, klar, künstlich multipliziert. Und die Tiger waren wohl echt – ob real vor Ort ist was anderes. Vielleicht macht der Film ja auch mehr Spass, wenn man sich beim Schauen diesen Fragen widmet.

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Elektronische Lebensaspekte.