Digitalfilme allerorten. Was verschiebt sich eigentlich mit den neuen digitalen Produktionsmittel, wie verändern sie die filmische Ästhetik konkret? Haben die vielen neuen Medienfestivals drum herum recht? Verena Dauer fasst das mal alles für uns zusammen,
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 68

Prima künstlich
Die Potentiale des Digitalfilms

Digitalfilm allerorten. DV-Filme sind mittlerweile auf eigenen Festivals zu sehen. Sei es auf dem Nodance seit 1997 in Utah, das als erstes Festival nur DVDs abspielte. Oder um die Ecke das Backup Filmfestival in Weimar, gegründet 1998. Selbst die Berlinale hat eine eigene digitale Sparte. Und sowas treibt auch belustigende Blüten wie die “DiveFilm.com”, eine Website speziell für Digitalfilmtaucher, an. Oder die Screenings auf dem IFP Filmmarkt in New York, wo die eingesendeten Digitalarbeiten als Bedingung auf dem Windows Media Player abspielbar sein müssen. Oder eine New Yorker Digitalfilmschule mit dem kuriosen Namen “DV Dojo”.

Digitale Produktion
Als Hardware taucht da erstmal die DigiCam auf und deren High End-Fassung, die 24p-Kamera. Ihr Können durfte man an den eindrucksvoll überfrachteten Bildern der letzten Episode von Star Wars bewundern. Multiformatig kann man mit ihr für NTSC oder PAL aufnehmen oder einen 16mm, 35mm und einen schlechteren 70mm-Look-a-like draus machen. Leider verspricht sie keine demokratischeren Produktionsmittel für Indiefilmer, denn sie ist teuer – zu teuer für den Heimgebrauch. Vielleicht hilft das Warten aufs Digitalfernsehen, sie passt praktischerweise auf die TV-Distributionsformate HDTV und SDTV. Als nächstes muss der digitale AVID-Schnittplatz dazu, klaro. An ihm hängen die Special Effects und die Pallette an Hard- und Softwaretools für ihre Generierung. Parallel kommt für den Normalmensch nach dem digitalen Filmen der Schnitt am heimischen Computer mit Premiere oder Final Cut. Für Holly Willis vom amerikanischen Digitalfilm-Magazin RES werden durch diese Entwicklung alte Strukturen angebröckelt: “DV bricht die normale Herstellungsreihenfolge Script, Geldauftreiben, Produktion, Postproduktion auf. Die verschiedenen Sphären des Produktionsprozesses verschmelzen, sobald man während des Drehens gleichzeitig schneiden kann.” Das fertige Filmlein wird nun selbstgemacht übers Internet vertrieben. Vom kommerziellen Aspekt wollen wir lieber nicht so viel reden.
Dass Online aber tatsächlich viel Wirbel gemacht werden kann, hat 1999 der Marketinghype um den Wackelhorror Blair Witch Project vorbildlich bewiesen. Der Verleih Artisanet hatte als clevere Marketingstrategie das Filmmaterial auf der Webseite für echt erklärt und die Gerüchteküche um die Authentizität angeheizt. Die Low Budget Produktion spielte darauf allein in den USA mehr als 100 Millionen ein.

Mehr Bewegung
Man kann sich aber jetzt mal drauf einigen, dass DV Teil einer Techno-Revolution ist: Digital ist besser. Aber kein Grund, das Ende des Zelluloids auszurufen, wie es Matt Hanson vom Onedotzero-Festival in der Anfangseuphorie 1997 tat. Trotzdem, die Vorteile liegen auf der Hand. Angefangen beim non-linearen Schnitt, bei dem man das Material komplett neu und immer wieder durchrumpeln kann. Bei der DV wird genauso frohlockt, dass nun ästhetisch viel mehr drin ist. Vor allem die “künstlerische Freiheit” einer ungetrübten Schaffensfreude. Mit der Handkamera kann man sich auf alles stürzen und herumtüfteln. Das ist zweifelsfrei eine Chance, endlos rumspielen zu können. Bloß ohne Ordnung im Kopf kann das planlose Drauflosgefilme in der Postproduktion saumäßig teuer werden. Beim Filmmaterial wie 16- oder 35mm muss dagegen jeder Meter überlegt werden.
Heißt das trotzdem Demokratisierung des Mediums? Jau, jeder kann sich theoretisch mit qualitativen Ausmaß einen Film zusammenschneidern. In der Praxis heißt das: Voll authentische Bilder schießen mit urbaner Guerilla-Romantik. Das war oft auf MTV zu sehen und da besonders als Doggycam auf dem Kopf eines Boxers. Man sieht, die Kamera bietet viele und neue visuelle Möglichkeiten. Ein ganz banales Argument soll aber noch angeführt werden, auch wenn‘s lächerlich klingt. Holly Willis: “Mehr Frauen können Filme drehen. Um die schweren Filmkameras zu tragen, musste man bisher immer ziemlich stark sein oder groß und in dieses Schema passen. Als Körpererweiterung wie bei einem Cyborg bewegt sich die Kamera auf einmal anders, viel flexibler. Manche dieser Kameras sind winzig und liefern neue Perspektiven. Harmony Korine hat bei Julien Donkey Boy Kameras in der Größe von Lippenstiften überall am Drehort versteckt.”

Dogma und andere Digiästhetik
Experimentalschnickschnack hin oder her, eventuell kauft man sich so ein cooles Teil nur fürs nächste Verwandschaftsfest? Stichwort Dogma. Bei der Familienfeier von Thomas Vinterbergs Dogmafilm “Das Fest” (1998) war die DV-Kamera mit ihrem Miniformat wie geschaffen, den emotionalen Katastrophen auf den Leib zu rücken. Dogma, das war das strenge Manifest von Lars von Trier, der 1995 mit seinem Keuschheitsschwur eine back-to-the-basics-Ästhetik mittels der DV etablieren wollte. Mit Handkamera, Originalbeleuchtung und –musik und viel Spontanität sollte gleichfalls die Handlung auf die Dauer eines Tages reduziert werden. Mittlerweile gibt es eine Reihe an teils gelungenen, teils anstrengenden Filmen aus allen möglichen Ländern. Als ästhetischer wie inhaltlicher Anschub ist die Bewegung doch super.
Eine weitere, schöne neue Digitalästhetik entstand beispielsweise beim Verknoten von DV und Special Effects zu grafischen Hybriden. Richard Linklaters “Waking Life” (2001) wurde mit Schauspielern auf DV gedreht und in der Postproduktion völlig animiert. Aus den übermalten Videobildern wurde später eine Art Comic, der per Software weitaus realistischer scheint wie bei der herkömmlichen Rotoskoptechnik der alten Walt Disney-Filme.

Narrative Struktur
Die äußere Veränderung gibt auch dem Inhalt einen Kick. DV kann analog zum non-linearen Schnitt die narrative Struktur aufbrechen. Noch einmal Holly Willis: “Nonlinearität war schon immer eine marginalisierte Form wie beispielsweise die experimentellen französischen Romane der 60er Jahre. Die Möglichkeiten von DV, Text, Musik und Bilder zusammenzuformen verbinden sie damit. Ihre Eigenart ist einmal die Klarheit des Bildes. Außerdem kann sie Frames innerhalb von Bildern schaffen, die wie der Computerdesktop aussehen. Genauso gibt es unterschiedlich große Bilder oder ein Bild aus drei oder vier Kästen wie die Splitt Screens bei ‘Time Code’ von Mike Figgis. DV greift den Avantgardefilm auf und belebt seine Tradition wieder. In den USA wurde Filmgeschichte lange nicht in den Schulen unterrichtet. Nun werden endlich alte Techniken bei Videoinstallationen, Videoumgebungen und Rave-Videos benützt. Der fundamentale Unterschied ist natürlich, dass das traditionelle Kino, wie wir es kennen, ein Kind seiner historischen Periode war. Unsere Kultur ist heute völlig anders.”
Da wären wir wieder beim neuen Zeitalter. Letztendlich ist die DV einfach ein weiteres Tool, das man in seinen Alltag einfummelt. Neben dem Laptop, dem Organizer und dem Handy, mit dem man Minifilme aufnehmen kann. Alles sehr schön, extra Hypen wär aber doof.

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Elektronische Lebensaspekte.