Text: Oliver Koehler aus De:Bug 68

Teilst du einen Film mit mir?

Spätestens als Star Wars “The Phantom Menace” vor dem Kinostart 1998 auf Servern weltweit gesehen wurde, ist klar: Musik teilt sich mit Film die Bandbreite. Sofort schlugen in Hollywood die Alarmglocken, mit dem ungefähren Wortlaut: “Hört auf meine Filme zu downloaden, sonst gibt’s keine mehr!” warnte etwa Jedi Guru George Lucas die Filmsharer. Doch in gewisser Weise schützt die Kinoleinwand Film vor problemloser grenzenloser Kopierwut – deutlicher als beim Format Musik. Und oft hat man beim Angebot, am PC-Bildschirm ein Film zu sehen, als Antwort gehört: “Das muss man doch auf der breiten Leinwand im Kino sehen”?
Was bislang eher im Hintergrund steht, sind die Chancen, die das Phänomen Filmsharing in sich birgt. Bei einer Zahl von etwa 3 Millionen Menschen, die sich in Deutschland häufig oder zumindest gelegentlich Videos herunterladen, hat man es – je nachdem wie man es nimmt – mit einer Kaufhaus großen Videothek oder mit einem Alexandria der Film-Museen zu tun. In dem Potenzial mehrerer Millionen vernetzter Festplatten mit filmischer Kultur schlummert eine völlig neue Definition eines kulturellen Gedächtnisses. Was aber diese Kultur so einzigartig macht, ist die Notwendigkeit der Nutzer, ihre Info- oder Kulturspeicher miteinander zu vernetzen, also die Inhalte zu teilen. Wo die Festplatten die grauen Zellen dieses Gedächtnisses bilden, verbinden die Kazaa’s und iMesh’s wie Synapsen unsere kulturellen Zellen miteinander. Filmsharing ist also Vertriebskanal und Speicherort zugleich! Perfekt, oder? Allerdings wie bei Musik immer eher was für den Mainstream: Versuch mal, etwas Abwegiges zu finden, beispielsweise “Crimewave” von Sam Raimi. Unmöglich. Mit dem handelsüblichen, DSL-süchtigen Teenager fällt der Austausch von Raritäten schwer. Verübeln kann man es nur der Industrie, die Filme streicht. Je enger der Griff auf die Inhalte offline wird, desto mehr wird sich das Angebot online zwangsläufig anpassen.
Das sind Punkte, an dem Filmsharing eine pragmatische Grenze erreicht. Doch mit der Zeit und zunehmender Copyright Freizügigkeit liegt die Vermutung nahe, dass sich spezifische, subkulturelle Tausch-Communities bilden können. Wer hätte zu Napsters Zeiten gedacht, dass es so was spezielles wie Soulseek für Electronika Nerds geben könnte? Es besteht die Hoffnung, dass nicht nur eben jenes an den Rand gedrängte Angebot, sondern auch das Interesse daran über längere Zeit bestehen kann. Frag mal British Pathé: Die Nachrichtenfirma British Pathé hatte Ende November 2002 mehr als 3.500 Stunden aus dem Bestand ihrer Wochenschauen oder “Newsreels”, u.a. aus der Zeit des zweiten Weltkriegs, kostenlos online zur Verfügung gestellt. Innerhalb der ersten drei Tage nach der Eröffnung ihres Filmarchivs hatten sie mit 250.000 Nutzern und beinahe 50.000 Downloads ihr monatliches Limit von 46 GB bei weitem überschritten. Filmsharing im Netz: Es muss kommen!

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Elektronische Lebensaspekte.