In Bezug auf Hollywoods Filmdistribution birgt das Netz ein gefürchtetes Potential. Die beiden derzeitigen Plattformen Movielink und Transmissionsfilms straucheln im Test allerdings entweder an harten Ausleihbedingungen, schlechter Qualität oder eingeschränktem Angebot. Film ab.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 68

Video ohne Demand
Die ersten Schritte der Filmbranche ins Netz

2002 war ein gutes Jahr für Hollywood. Spider-Man, der Herr der Ringe Teil 2, Harry Potter, Eminems Leinwand-Debut – sie alle sorgten für Rekordumsätze in den Kinos. Seit 1959 sind nicht mehr so viele US-Amerikaner ins Kino gegangen wie im vergangenen Jahr. Und das, obwohl die DVD dem Kinobesuch mittlerweile fast den Rang abgelaufen hat. Zumindest, wenn es ums harte Geld geht. Mit der Spider-Man-DVD wurden innerhalb der ersten Woche 190 Millionen Dollar eingefahren, in den Kinos erspielt der Film zur Eröffnung ”nur” 115 Millionen Dollar.
2002 war aber auch ein gutes Jahr für vernetzte Filmfans. Fast jeder erfolgreiche Film tauchte noch vor seiner Premiere im Netz auf. Gegen Ende des Jahres tummelten sich rund fünf Millionen Nutzer gleichzeitig in diversen Tauschbörsen. Allein das Edonkey 2000-Netzwerk, genutzt hauptsächlich zum Tauschen von Hollywood-Hits, bringt es auf rund 300.000 simultane Nutzer. Sein Nachfolger Overnet verzeichnet noch einmal rund 100.000 tauschende Filmfans.
Stellt man die beiden Jahresendbilanzen gegenüber, lassen sich daraus jede Menge Schlüsse ableiten. Wie etwa dieser: Tauschbörsen sind für Hollywood keine Gefahr. Oder auch: Es gibt einfach noch zu wenig billige DVD-Brenner. Oder zu wenig Breitband. Oder: Ohne Tauschbörsen ginge es Hollywood noch besser. Vielleicht schmeckt das Popcorn in Kinos aber auch einfach besser als das aus der Mikrowelle. Oder man will beim ersten Date nicht unbedingt gemeinsam auf einen Computerbildschirm starren.
Oder ganz einfach: Das Netz hat Potential. Möglicherweise könnte es mal eine große Rolle in der Filmdistribution spielen. Vielleicht sogar irgendwann einmal DVDs ersetzen. Fragt sich nur, welche Rolle Tauschbörsen dabei spielen werden.

Movielink: zu sehr Hollywood

Keine, wenn es nach dem Willen der fünf großen Hollywood-Studios geht. Gemeinsam haben sie im November letzten Jahres ihre Filmplattform Movielink.com gestartet. Das Ziel: Eine kostenpflichtige Alternative zu den Tauschbörsen aufbauen. Eigentlich eine gar nicht so abwegige Idee. Nicht jeder will Tage auf seinen Download warten oder sich stundenlang mit der Frage beschäftigen, welcher DivX-Codec denn nun für diesen oder jenen Film gebraucht wird. Dennoch hat Movielink ein Problem. Es ist zu sehr Hollywood.
Der schon von DVDs bekannte Ländercode wird von dem Portal mal eben per IP-Nummern-Mapping ins Netz übertragen. Wer nicht aus den USA auf Movielink.com zugreift, wird ganz einfach ausgesperrt. US-amerikanischen Nutzern präsentiert Movielink rund 240 Filme zum Download, darunter ein paar alte Kamellen mit Grace Kelly und Cary Grant, aber auch Neuerscheinungen wie Spider-Man oder Men in Black 2. Kostenpunkt: je nach Film zwischen drei und fünf Dollar. Dafür kann der Film nach dem Download bis zu 30 Tage “ausgeliehen” werden. Beginnt man einmal, sich den Streifen anzuschauen, deaktiviert er sich jedoch nach 24 Stunden mittels DRM von selbst und wird dann automatisch von der Festplatte gelöscht.
Zum Digital Rights Management (DRM) setzt Movielink auf Windows Media oder wahlweise auch den Real Player, dessen Durchsetzung wird aber mittels eines eigenen Movielink-Managers verwaltet. Dieses Programm fungiert als eine Art Download-Manager und kümmert sich ganz nebenbei auch noch um das Verwalten, Abspielen und Entsorgen der ausgeliehenen Filme. Natürlich gibt’s das erstmal nur für Windows, an einer Lösung für Macs arbeitet man angeblich. In der Praxis dürfte die aber auf sich warten lassen, da Macs derzeit sozusagen eine DRM-freie Zone sind. Weder Microsoft noch Real Networks bieten ihre Media-Player für MacOS mit Rights Management an.
Im Test zeigte sich Movielink anfangs noch reichlich wacklig. Um den Film erst einmal auf die heimische Festplatte zu befördern, brauchte es einige Telefonate mit dem Customer Service, doch da ging er dann dummerweise verloren. Nach einem weiteren Anruf und einem zugegebenermaßen mit weniger als zwei Stunden ziemlich fixen Download klappte es dann endlich – und enttäuschte. Knapp 500 Megabyte Windows Media-Daten können einfach keine akzeptable Bildqualität bieten, sondern rangieren irgendwo knapp unter VHS.

Transmissionfilms: Indie und P2P

Geht es nach Jed McCaleb, dann werden Tauschbörsen in Zukunft eine noch größere Rolle beim Vertrieb von Filmen spielen. McCaleb ist der Programmierer des Edonkey-P2P-Clients, der für Filmfans zur ersten Wahl geworden ist. Außerdem schuf er im letzten Jahr Overnet als dezentralen Edonkey-Nachfolger. Und er ist verantwortlich für die Technik von Transmissionfilms.com, dem ersten auf P2P basierenden kommerziellen Filmvertrieb. Im Vergleich zu Movielink ist Transmissionfilms vor allen Dingen eins: nicht Hollywood. Im Angebot der Site, die zum Redaktionsschluss dieser Debug noch an ihrem “Hard Launch” bastelte, sind bisher nur eine handvoll Independent-Produktionen. Ein Roman Polanski-Streifen von 1966, ein paar unbekannte japanische Filme, ein wenig White Trash.
Vetrieben werden die Filme über McCalebs Overnet. Bisher läuft das noch etwas zäh, da nicht allzu viele Nutzer zwei Dollar für das “Anmieten” eher obskurer Indie-Filme zahlen wollen, wenn es im gleichen Netzwerk Hollywood-Hits für umsonst gibt. Im Test war der Wunschfilm nach rund drei Tagen kontinuierlichem Hintergrund-Transfer auf der heimischen Festplatte. An Microsofts DRM kommt man auch bei Transmissionfilms nicht ganz vorbei, und deshalb gibt’s auch dieses Angebot erstmal nicht für Mac-User. Europäer werden aber zum Glück nicht ausgesperrt.
Die Ausleihbedingungen sind ein bisschen freundlicher gestaltet als bei Movielink. So lässt sich ein Film – hat man einmal die nötige Lizenz dazu erworben – innerhalb von fünf Tagen beliebig oft anschauen. Alternativ dazu lassen sich Filme auch für zehn Dollar ohne Beschränkungen “kaufen” oder für zwei Dollar ganz konventionell streamen. Die Bildqualität der Downloads ist deutlich besser als bei Movielink, dafür sind die Dateien aber auch doppelt so groß.

Hollywood gegen den Esel

Weder Transmissionfilms noch Movielink werden etwas daran ändern, wie sich Hollywood und das Netz im Jahr 2003 entwickeln werden. Doch beide Plattformen sind Modelle dafür, wie Filmvertrieb im Netz funktionieren könnte – beziehungsweise nicht funktioniert. Beide setzen auf DRM, doch damit könnte man sich in Verbindung mit freundlichen Lizenzbedingungen ja noch einlassen. Die vermisst man bei Movielink bisher jedoch. Bis zu fünf Dollar für einen Film zu verlangen, den es in der Videothek um die Ecke für weniger Geld und in weit besserer Qualität gibt, wird zudem nicht besonders viele Cineasten überzeugen. Aber zum Glück müssen wir Europäer uns darum ja keine Sorgen machen.
Trasmissionfilms dagegen ist ein interessantes Modell für Indie-Content-Vertrieb. Ausgesuchte Filme für ein ausgesuchtes Publikum. Dazu P2P, um nicht sinnlos Bandbreite zu verschwenden – das könnte funktionieren. Vielleicht nur als Nische. Eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Movielink ist das Angebot damit jedoch allemal.

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Elektronische Lebensaspekte.