Was passiert eigentlich, wenn man die vielbeschworenen Eigenschaften der Neuen Medien auf Dokumentarfilme anwendet? Wir fragen bei der Amsterdamer Stiftung und Designagentur Mediamatic nach, die in einer Serie von Workshops mit den Möglichkeiten des interaktiven, anders linearen Erzählens experimentiert und stellen euch ein digitales System vor.
Text: Anne Schreiber aus De:Bug 68

Erzählst du mir, so erzähl ich dir
Digitaler Dokumentarfilm

“What do you believe in?” war im November 2002 die Headline des International Documentary Filmfestival Amsterdam, kurz IDFA, das einen kritischen Blick auf unsere mediale Realitätswahrnehmung wirft. Anlässlich dazu bot Mediamatic einen Workshop für Dokumentarfilmer an, in denen die ästhetischen Möglichkeiten der “Neuen Medien” erprobt, sowie interaktive Wege des Erzählens erforscht werden sollten. Der Workshop beim IDFA ist nicht einziges Projekt-Teil einer Reihe, die Mediamatic seit drei Jahren organisiert. Unter der Überschrift “Designing Behaviour” experimentieren nicht nur Filmemacher, sondern auch Designer, Künstler oder Radiomacher mit den Gestaltungsmöglichkeiten interaktiver Prozesse.

Mediamatic
Der Fokus auf die interaktiven Möglichkeiten durch Neue Medien ist Kernkonzept bei Mediamatic, das aus zwei Teilen besteht: der von Willem Velthoven und Jans Possel in Groningen Mitte der 80er Jahre gegründeten Stiftung und dem Beratungs- und Entwicklungsbüro für Webauftritte, “Interactive Publishing”. Aus der Stiftung gehen heute eine unregelmäßig offline erscheinende Zeitschrift, CD-Rom- und DVD-Publikationen hervor. Außerdem zahlreiche andere Aktivitäten im kulturellen Bereich wie die sonntäglichen Projektpräsentationen im Mediamatic Salon, Ausstellungen, Vorträge, die Workshops oder eben Parties, interaktiv natürlich. Interaktiv?

Klaas Kuitenbrouwer, der die Workshops leitet, weißt darauf hin, daß der Begriff “Interaktivität” durch den inflationären Gebrauch zwar an Bedeutung verloren habe, immer aber noch jedoch die Art und Weise kennzeichne, wie Neue Medien kulturelle Strukturen verändern. Diese seien mehr und mehr durch Partizipation bestimmt. Eine Partizipation, die mehr und mehr designt werden muss. “Designing Behaviour” bedeutet hier also, der Frage nachzugehen, wie ein (digitales) System sich seinem User gegenüber verhält und wie sich der User umgekehrt gegenüber dem (digitalen) System verhält.

Korsakow-was?
Wie sieht die Übertragung dieser Ansätze auf die Produktion und Rezeption des Dokumentarfilmens aus? Für den Workshop im November bspw. wurde das von Florian Thalhofer entwickelte Korsakow-System benutzt. Ein Computerprogramm ist Grundlage für das Korsakow-Syndrom, ein Dokumentarfilm über Alkohol, der aus ca. 150 kurzen Einzelfilmen besteht, die aus einer Datenbank erzeugt werden. Während ein Clip läuft, werden Links zu thematisch passenden Clips generiert, der Betrachter kann sich einen Link aussuchen und navigiert so durch den Pool an Filmen. Auf der Seite der Produktion bedeutet dies, dass der Dokumentarfilmer das Material, das sich bei der Recherche angesammelt hat, gleichwertig präsentieren kann. Die einzelnen Szenen müssen nicht wie beim Film einem festen Drehbuch untergeordnet werden, einem Plot, der ja immer das Ergebnis von Selektion und Verwerfung großer Teile des filmischen Materials ist. Anders als der Cut, der eine absolute Entscheidung bedeutet, erhält der Link eine Vielzahl an Möglichkeiten aufrecht. Über die Menge, die Dauer, die Vertiefung sowie die Richtung der Information kann der User entscheiden. Und sich damit ein eigenes Bild machen. Das charakteristische Merkmal des Dokumentarfilms, sein Versuch Authentizität wiederzugeben, wird durch die Auswahlmöglichkeit durch den User perspektivisch gebrochen und bereichert die narrativen Möglichkeiten klassischer Dokumentation um ein ästhetisches Mittel, postmoderne Realität zu erzählen.

Hm.
Klingt eigentlich gut, ist aber dann auch nicht interaktiver als Zappen vorm Fernseher. Das Aufbrechen des linearen Erzählflusses durch die lose Verteilung kurzer Erzählsequenzen, die vom Betrachter oder Leser selbst zu einer jedes Mal individuellen Story aufgelesen werden, die aber am Ende, d.h. dem Verlassen der Software wieder unverändert in ihren Ausgangszustand rücken und in ihrer Grundstruktur nicht verändert werden können, vermittelt nur den Anschein von Interaktion. Die Selektion des Cut wird einfach nur weiter nach hinten geschoben: Welche Themen werden dokumentiert, welche nicht? Auf welche Momente richtet sich die Aufmerksamkeit, welche werden übersehen? Aber vielleicht geht es auch mehr um den Prozess des Filmemachens im Spiegel des Erzählers. Technisch einfach zu erlernende Systeme wie das Korsakow-System jedenfalls sind ein guter Ausgangspunkt für die Erzeugung eigener kleiner Filme. Ob die genauso clever werden wie die von Florian Thalhofer, ist damit aber nicht garantiert.

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Elektronische Lebensaspekte.