Digitale Filme haben nach wie vor das Zeug zur Subversion der Filmbranche - anders erzählen müssen sie dafür aber gar nicht. In den Unterrichtsplänen der Hochschulen ist von den einer digitalen Revolution aber noch wenig zu merken. Ingrid Arnold hat sich umgehört.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 68

Die Technik steht bereit, es fehlt an Inhalten
Filmstudium und Digitalität

Im Dezember 2002 hat Wim Wenders in Hamburg eine Professur angetreten, im neuen Studiengang Medien an der Hochschule der bildenden Künste. Das klingt erstmal nicht allzu spannend, gab es doch von ihm als Regisseur außer einem Bap-Film und dem braven Beitrag zu “Ten Minutes Older” in letzter Zeit nicht viel zu sehen. Aber man kann von seinen Filmen halten, was man will: Wenders ist einer der fleißigsten Lobbyisten des digitalen Films in Deutschland. Und da kann es ja nicht schaden, dass er die Beschäftigung damit an der Uni fördert. In der Ausbildung scheint es nämlich beim Thema digitaler Film noch zu hapern: Die Technik steht bereit, es fehlt an Inhalten.

Auch Wenders will interdisziplinär arbeiten, damit der digitale Film “alte Formen wieder beleben” kann, aber auch “neue Formen erfinden”. Welche könnten das sein? Von neuen Erzählformen ist seit Jahren die Rede: Jedes Video-Festival und jede Medienkunstausstellung will sie erkunden – erzählt wird dann aber selten etwas, weil das ja den Ruch des Reaktionären hat, Hollywood und so. Im Independent-Bereich dagegen geht auch im Erzählkino nur noch wenig ohne DV, weil das so schön nach “Dogma” klingt. Und jeder halbwegs erfolgreiche Filmemacher mit einer DV-Kamera spricht von der Revolution – und muss damit allerdings die Produktionsbedingungen meinen, nicht die schlechtere Bildqualität.

Digitalität im Film, was kann das sein?

Dass der digitale Film zu einem etwas inhaltsleeren Begriff verkommen ist, mag auch an der Unklarheit darüber liegen, was mit Film gemeint ist. Digitale Filme sind ja nicht automatisch Medienkunst. Zwar haben sich Avantgardefilm und Videokunst frühzeitig mit dem Einfluss der neuen Medien und mit der Digitalisierung beschäftigt. Aber auch die Filmindustrie hat sich die Technik früh angeeignet – und damit durchaus Innovatives geschaffen, angefangen bei Coppolas “One from the Heart” über, natürlich, George Lucas bis zur digital animierten “Toy Story”. Doch erst seit Dogma 95 herrscht die Überzeugung vor, dass der digitale Film das Kino auch aus dem Independentbereich heraus revolutionieren kann. Der “erleichterte Zugang zu Produktionsmitteln” und billiges Material erlauben mehr Do-it-yourself, neue Distributionswege (Internet, Satellit und DVD) eröffnen sich. Mehr Experimente sind möglich, die Fantasie scheint befreit.
Andererseits werden gerade die Produzenten des Blockbuster-Kinos auch künftig auf eine Angleichung der Dramaturgie von Kinofilmen an Videospiele und Internet drängen – dunkle Erinnerungen an frühe Van-Damme-Filme und zuletzt “Resident Evil” werden wach. Was, wenn das die einzigen neuen Erzählformen sind? Die nicht neue und ernüchternde Erkenntnis: Die Zukunft des kommerziellen digitalen Erzählens sind wohl tatsächlich interaktive Spiele mit narrativem Charakter. Denn im Filmbereich selbst scheint sich nicht viel zu tun. Das bestätigt ein Blick auf die Ausbildungssituation.

An der Hochschule und anderen Institutionen

Während an Kunsthochschulen wie der für Medien in Köln Studiengänge zu “audiovisuellen Medien” oft pragmatisch zwischen Film und Medienkunst unterscheiden – wo dann viel und gern mit digitalen Formen experimentiert wird -, beziehen an Filmhochschulen nur die wenigsten Fächer die Digitalisierung in den Curriculum ein. Und wenn, dann stehen, wie an der Filmakademie Baden-Württemberg im Studienfach Mediadesign, “Themen wie Interactive Storytelling, Game Development, Interactive Media Technologies (EPGs, Media Browser etc.), Immersive Erlebnisräume sowie die Entwicklung neuer Rezeptions- und Interaktions-Devices” im Vordergrund; es geht also gar nicht mehr um Film.
Die Master School Drehbuch, eine Initiative des Filmboard Berlin-Brandenburg, hofft weiterhin, Autoren zum “wirklich guten Drehbuch” zu verhelfen. Doch will sie sich auch “modernen Formen des Erzählens” nicht verschließen: Zusammen mit der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) hat sie deshalb die “academy of converging media” ins Leben gerufen, weil “hoch qualifizierte Spezialisten” gebraucht werden, um “die Geschichten von morgen zu schreiben”. Unterschieden wird in den Kursen zwischen Stoffentwicklung für interaktive Medien und Stoffentwicklung für kooperative Systeme. Gemeint sind in beiden Fällen vor allem Games. Das Ziel: eine “Professionalisierung der Medienindustrie”.
Die Berlinale schließlich veranstaltet dieses Jahr den ersten “Talent Campus”. Rund 500 internationale junge Menschen aus den Bereichen Drehbuch, Produktion, Regie, Kamera und Schauspiel sollen sich mit etablierten Profis austauschen können, Kontakte knüpfen und sich mit der gesamten Bandbreite des Filmschaffens auseinandersetzen: “Von neuesten technologischen Entwicklungen und stilistischen Trends bis zu ethischen Fragen.” Explizit um digitalen Film geht es also auch hier nicht – obwohl sich den Teilnehmenden laut Presseinfo Fragen stellen sollen “zum Einfluss digitaler Technologien und zu neuen Wegen des Erzählens”. Wobei wir immer noch am Anfang wären: auf der Suche nach neuen Erzählformen für den Kinofilm.

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Elektronische Lebensaspekte.