Nach Simulation und Effektproduktion tapst der digitale Film langsam zu einer eigenen Sprache. Erste Gehversuche waren auf dem digitalen Filmfestival One Dot Zero zu sehen. Jake Nights Kurzfilm "Solary Man" etwa, zeigt, dezent manipuliert, wie man mit einer Kamera seiner eigenen repititiven Alltagsmonotonie im grau-blauen Filter auf die Spur kommt.
Text: Caspar Borkowsky aus De:Bug 68

Gursky lernt laufen

Der digitale Film watschelt weiterhin quäkend in seiner Frühphase rum. Streng nach Marshall McLuhan ist er noch nicht über das Nachahmungsstadium bereits vorhandener Medien hinaus gekommen. Bisher lässt sich kein wirklich systemeigener Code anschreiben. Die unter schwerem Rechnereinsatz erquetschen Effekte sind bekannt oder bekommen eben einen netten Twist, aber eine wirklich eigene Sprache? Ein eigenes Zeichenrepertoire? Fehlanzeige. Es erinnert an den Beginn der Kinematographie, die auch Jahrzehnte brauchte, bis sie sich vom bloßen Abfilmen bereits bekannter Phänomene oder dem simplen Aufzeichnen von Theatervorführungen lösen konnte. Doch es keimt Hoffnung. Das Filmfestival “onedotzero” betreibt bereits seit einigen Jahren Schnittstellenforschung in Sachen digitaler Film.

Binär-Filmfestival
War “onedotzero” zunächst eine noch wenig beachtete Lokalveranstaltung in London, fährt das Binär-Filmfestival inzwischen radikalen Globalisierungskurs: Tokio, Stockholm, Prag, Barcelona, Hongkong und zum zweiten Mal bereits Berlin standen im letzten Jahr auf dem Reiseplan.
Mit thematisch zusammengestellten Sammelsurien versuchen die Macher, einen Überblick der verschiedenen Felder digitaler Bild- und Tonforschung im neuen Jahrtausend zu geben. Altbewährtes und –bekanntes wie schnell-schießende Videoclips, knackig-bunte Flashfilmchen oder der neueste speicherfressende Spieletrailer bieten ein paar amüsante Einblicke in den Stand der Manipulierbarkeit von Bildpixeln. Aber das ist alles nicht wirklich neu. Interessant dürfte es erst wieder in dem Moment werden, wenn der totale Realismus in Computerspielen erreicht ist. Dann wird man sich endlich die Frage stellen, was sonst noch so möglich ist, abgesehen eben von der perfekten Simulation. Bis dahin werden die Maschinen wohl noch ein wenig für das erste Etappenziel schwitzen. Wir warten ab und vertreiben uns die Zeit mit den ersten zaghaften Versuchen, den digitalen Möglichkeiten eine intelligente narrative und sprachliche Ebene abzukritzeln. Bei den “onedotzero”-Screenings in Berlin stach besonders ein Beitrag aus England heraus: Jake Nights Kurzfilm “Solary Man”.

Und täglich grüßt der Pizzakarton
Ein Mann liegt auf dem Boden, leerer Gesichtsausdruck. Man erfährt nicht, warum er regungslos auf dem Teppich eines 08/15 Großraumbüros liegt. Alles ist in einem millenium-schick grau-blauen Grundton gehalten. Der Mann steht auf, geht einen endlos langen Gang hinunter, Ende der Sequenz. Er wohnt in einem sich ewig wiederholenden Gebäude, sein Weg zur Arbeit ist die U-Bahn, er geht einkaufen, alle Menschen um ihn herum sehen gleich aus, der Businessanzug als Uniform. Digital montierte, repetitive Endlosstrukturen, die an künstliche Gurskys erinnern, prägen sein Leben: Sein Wohnblock besteht aus einer Reihe modernistisch-minimaler Hochhausfassaden ohne Variation. Da kann selbst der Realsozialismus einpacken. Man sieht Einstellung auf Einstellung, die jede für sich genommen ein montiertes Breitwandbild des Meisters der intelligenten Monumentalphotographie, Andreas Gursky, sein könnte. Der junge Mann fragt sich, was mit seinem Leben ist. Hat er gestern gelebt?
Er beschließt, sich eine Kamera umzuhängen, die automatisch in regelmäßigen Abständen Fotos schießt. Man sieht ihn bei der Arbeit, der Fotoapparat wird selbstständig ausgelöst, niemand registriert es. Egal, wo die Kamera im folgenden losgeht, die Figuren im Film bleiben stoisch ignorant, obwohl der Effekt für den Zuschauer spektakulär ist, sie sehen den technisch überzogenen Moment des Auslösens.

Ein paar Tage später schaut sich der namenlose Held die ersten vier Filme in der Mittagspause an. Er sieht: Seine Wohnung in ihrer simplen Tristesse, den Ticketautomat der U-Bahn, seinen Arbeitsplatz im Großraumbüro, den Supermarkt in seiner Anonymität der endlosen Einkaufsreihen. Und jeden Tag eine völlig identische Bilderreihe. Er stellt fest: “My life is rotating”. Dann schließt sich die Zirkulationsschleife des Films, es wird klar, warum er am Anfang auf dem Boden liegt. In einer Kontrastierung zu dem restlichen Ablauf, der monoton träge dahingleitet, gibt es plötzlich eine enorme Verdichtung der Zeitachse: ein Kollege stolpert über ein Kabel, in einer digitalen Sequenz wird eine stretchende Superzeitlupe mit Rotationseffekt der Kameraperspektive etabliert, ein anderer Kollege haut eine Kaffeetasse um, dem Helden fliegt ein Pizzakarton in den Nacken, er fällt um. Soviel dazu.

Monotonieforschung im Eisberglook
Das Thema von “Solary Man” ist nicht neu. Aber die Art und Weise, wie die dezent manipulierten Bilder die Intentionen des Films und seine Grundstimmung unterstützen, verfügt über eine besondere Qualität. Die Dauerfalle großbudgetierter Blockbuster-Produktionen, mit digitalen Effekten Altbekanntes nachzuahmen, und sei es auch noch so progressive Sci-Fi, wird hier intelligent umgangen. Ist man bei Hollywoods bemüht dollen Feuerwerken entweder gelangweilt oder so spitzfindig, sich an der doch noch nicht wirklich vorhandenen Perfektion aufzuhängen, gibt es in Nights kleinem Monotonieforschungswerk keine Möglichkeit der Flucht in die Verurteilung. Diese Bilder passen und man muss sich ihnen stellen. Der immer anwesende eisig grau-blaue Filter und die technisch produzierten Vorlagen (Architektur, Stadtbild, Apparaturen) und digitalen Bilder reproduzieren eine Welt der perfekten Monotonie. Aber genau an dieser Monotonie kristallisiert sich trotzdem noch eine Differenz heraus, in diesem Fall die des Stolperns über das Kabel und des fliegenden Pizzakartons. Zur Diagnose einer all-technischen Welt bedarf es also der ebenfalls rein technischen Apparaturen, in diesem Fall der umgehängten Kamera mit Selbstauslöser, zur Unterbrechung der Monotonie bedarf es aber scheinbar einer profanen Nahrungsverpackung beschleunigt von Muskelkraft im Raum. Debug empfiehlt: Lieber mal wieder gut essen gehen.

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Elektronische Lebensaspekte.