Digitale Filmproduktion setzt sich technisch bereits durch, nur künstlerisch gibt es weiterhin Vorbehalte. Wo Hollywood noch die Nase rümpft, setzen Off-Produktionen die ersten Standards. Form und Inhalt in der digitalen Diskussion.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 39

Warten auf die Revolution?
Digitale Filme zwischen Kino und Content

Vor einigen Jahren dachte man bei digitalem Film noch an Special Effects oder die computer-generierten Bilder von JURASSIC PARK und TOY STORY. Seit Dogma und Wenders hat man sich an Kinofilme gewöhnt, die auf Digital Video gedreht – aber nach wie vor auf Filmmaterial gezeigt werden. Im Internet dagegen werden kleine RealVideo-Fenster und stundenlang ladende Quicktime-Movies momentan noch belächelt, aber die Aussicht auf Breitband-Verbindungen hat das Filmbusiness aufgeweckt. Studios kooperieren mit “Entertainment-Portals” und decken sich vorsorglich mit Lizenzen auf Netz-taugliche Filme ein, um damit künftig ihre “Plattformen” zu bestücken (siehe August-Debug über Streaming Media). In diesem Bereich konkurrieren die Unterhaltungs-Riesen mit zahlreichen Start-Ups, die als digitale Abspielstationen jedoch auch abseitige und experimentelle Kurz- und Animationsfilme zeigen und damit bereits eine klare Zielgruppe haben.

Kino im Netz

Produktionsfirmen und Filmverleiher investieren schon länger eifrig ins Online-Marketing für Kinofilme. Nur Film-on-Demand steckt aufgrund mangelnder Bandbreite sowie der ungeklärten Format- und Verwertungsrechtsfragen noch in den Startlöchern fest. Ob das Internet nun per Set-Top-Box über den Fernseher oder Film auf dem Computer-Bildschirm läuft – die Konvergenz-Frage ist immer noch offen.

Dieses Jahr wurde der erste speziell fürs Internet produzierte lange Spielfilm, QUANTUM PROJECT, vorgestellt – allerdings nicht zum Online-Schauen, sondern zum kostenpflichtigen Download. Trickfilmproduktionen wie TVLoonland experimentieren währenddessen mit einer interaktiven Mischung aus Film und Online-Game. Und immer mehr Filmproduktionen wollen künftig auf Digital Video produzieren – aber die Filme deshalb noch lange nicht übers Netz vertreiben. Vielmehr begleitet und erleichtert digitale Technik vor allem die klassische Filmherstellung und -distribution.

E-Cinema

Digital-Kameras werden immer billiger und das Material ist es schon. Dennoch haben viele Produzenten und Regisseure aus ästhetischen Gründen Vorbehalte. Hier können interessante Filme Überzeugungsarbeit leisten, indem sie nicht den Look von gängigen Kinofilmen nachahmen, sondern die technischen Möglichkeiten von DV auskosten – und Filmhochschulen, indem sie die digitalen Aspekte der Herstellung in die Ausbildung aufnehmen. Im Postproduktionsbereich hat sich digitale Technik bereits durchgesetzt. Kaum eine Filmproduktion arbeitet noch ohne digitalen Schnitt. Digitales Mastering heisst das neue Zauberwort. Das Filmmaterial wird gescannt und kann – leichter und genauer als analog im Kopierwerk – in Realzeit nachbearbeitet werden. Der momentane Quasi-Standard ist hier 2K (d. h die Filmauflösung liegt bei 2.000 Pixeln – bei Zelluloid sind es 4.000) und in der Umsetzung noch relativ teuer. Digitales Mastering kann sich lohnen, sobald der Film in mehreren Formaten vertrieben werden soll, da die Daten auf beliebiges Material, sei es Zelluloid, Video oder eben digital ausgegeben werden können.

Sobald sich die digitale Projektion, E-Cinema, etabliert hat, werden bei digital gedrehten oder postproduzierten Filmen auch die Kosten für die Kopien wegfallen, da man die Filmdaten über Satelliten und Server verschicken kann. Ein erster Standard könnte das “Digital Light Processing” der Beamer von Texas Instruments werden. Sobald für diese Geräte die Preise sinken, werden viele Kinos auf- und umrüsten. Es hat tatsächlich etwas Absurdes, von digital vorliegenden Filmen 35mm-Kopien zu ziehen und diese in riesigen, schweren Filmdosen in die Kinos zu transportieren – um in vielen Fällen, nachdem der Film nicht mehr gezeigt wird, das Zelluloid zu vernichten, um Lagerkosten zu sparen. Da bewahrt man doch lieber ein paar Terra-Byte Daten auf.

Fernsehen im Multiplex

Digitaler Film bedeutet also noch nicht das Ende des Kinos. Der kollektive und ästhetische Aspekt des Kinoerlebnisses ist nicht auf den Bildschirm übertragbar. Und das Filmbusiness lebt immer noch von der Einträglichkeit der beim Kinobesuch ausgelösten Emotionen und Sinneseindrücke und muss deshalb vor den neuen Medien erstmal keine Angst haben. Filmfirmen werden dennoch auch bei DV und im Internet mitmischen – und sich hoffentlich ein bisschen von der dort sichtbaren Kreativität inspirieren lassen.

Die Kinoumsatzzahlen sind in den letzten Jahren – durch Multiplexe und Blockbuster à la TITANIC und EPISODE 1- ständig gestiegen. Dieser Markt wird nicht freiwillig aufgegeben werden. Aber ein Zukunfts-Szenarium sieht so aus: Multiplexe werden die ersten Kinos sein, die sich digitale Projektionsanlagen leisten können. Da sich hier langfristig immense Kosten für Transport und Lagerung sparen lassen, sinken die Eintrittspreise und das Mainstream-Kino wird ein digitales Massenmedium. Da passt es auch, dass der neureiche Verleiher Kinowelt Fußballspiele auf die Kinoleinwand bringen will. Kleine Kinos, die ohnehin schon ihre Nische im Arthouse-Bereich gefunden haben oder finden mussten, könnten dann noch einige Zeit die letzten Horte der 35mm-Projektion sein.

Content ist King

Neue technische Möglichkeiten bedeuten nicht per se neue Erzählweisen. Digital hergestellte und aufwändig postproduzierte Filme, die als Beispiele für eine neue Bildsprache herhalten sollen, müssen enttäuschen, wenn für das Herstellungsverfahren eindeutig mehr Aufwand betrieben wurde als für die Story. Dagegen bekommen viele unabhängig und mit kleinem Budget mit DV gedrehte Filme keine Aufmerksamkeit, wenn sie nicht als Referenzprojekte für neue Technologien großer Hard- oder Softwarehersteller fungieren. Viele DV-Filme haben ohnehin keine Chancen ins Kino zu kommen und setzen auf das Internet als Vertriebsweg. Vorbild vieler Filmemacher sind dabei erfolgreiche Low-Budget-Streifen wie BLAIR WITCH PROJECT, die gezeigt haben, dass man auch mit Bildern jenseits des gängigen Filmgeschmacks erfolgreich sein kann – wenn, wie im Fall von BWP in den USA, das Online-Marketing stimmt. Doch auch bei BWP wurde das Geld dann an den Kinokassen verdient. Bis für “Bewegtbild-Content” im Netz angemessen bezahlt werden kann, dauert es wohl noch eine Weile.

Während mit DV gedrehte Filme gerne Kino wären, vertrauen alternative Tools zur digitalen Low-Budget-Filmherstellung auf ihr Medium. Tim Burton und David Lynch machen’s vor, sie werden für Shockwave Flash-Filme produzieren. Der Animations-Nachwuchs hat mit Flash kreative Freiheiten und danach die Distributionsmöglichkeit übers Netz. Trickfilme lassen sich mittlerweile sogar mit Game Engines “drehen”: “Quake”-Spieler haben irgendwann gemerkt, dass man mit den Spiele-Charakteren prima Geschichten erzählen kann – und diese sich auch abspeichern lassen. “Machinima” gilt seither als revolutionäres Herstellungsmittel für computer-generierte Animationsfilme im Ultra-Low-Budget-Bereich.

Kleine digitale Filme haben somit als einzige ihren Platz im Netz schon gefunden. Online-Filmfeste wie Resfest oder Onedotzero und Plattformen wie Bitfilm oder Atomfilms sehen sich als Umschlagplätze für neue Talente. Finanziell rechnet sich das allerdings für beide Seiten noch nicht – erst in Breitband-Zeiten werden die Zuschauer an ihren Rechnern bereit sein, für Filme aus dem Netz zu bezahlen.

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Elektronische Lebensaspekte.