Ende gut - alles gut. So denken wohl Arbeitgeber überall in der schönen neuen Welt immer öfter, wenn sie die Entlassungen für ihre obsolet gewordenen Angestellten verfassen. Dabei werden gerne alte Werte über Bord geworfen und schnell Platz für neue Möglichkeiten gemacht. Wer die Wahl hat, hat die Qual, bei Entlassungen per Mail oder Video - hauptsache kurz und schmerzlos.
Text: daniela künne aus De:Bug 46

Digitales Ende
Wege der Kündigung im Elektronischen Zeitalter
Daniela Künne | DanielaSolveig@gmx.net
Die Beendigung eines Verhältnisses, auch eines Arbeitsverhältnisses, ist eine schwierige Sache. Wie spricht man sowas aus? Davor graut nicht nur dem, der es gesagt bekommt. Gern genommen für diesen Anlass werden daher die nicht ganz so deutlichen Wege. Eines Tages jedoch muss das unsichere Nichts in ein sicheres Nichts umgewandelt werden. Weil ein Ende sonst keines ist. Ein Satz wie: “Ich glaub, das wird nix mit uns”, geäußert – sagen wir mal – in einem Hot Dog Laden, so richtig face to face, ist old school – aber mutig. Doch die Wege der Indirektheit sind vielfältig, besonders seit der Existenz elektronischer Kommunikationsmittel. Die Geschmacklosigkeiten im Beruflichen stehen denen, die man aus privatem Trennungsverhalten so kennt, an Feinsinnigkeit nicht nach. Der derzeitige Touch Down der New Economy brachte etwas mit sich, was zunächst völlig unvorstellbar schien – Entlassungen. An dieser Stelle handeln Arbeitgeber auch nur wie ängstliche Beziehungspartner. Sie haben die Möglichkeiten, die das Internet so bietet, längst erkannt und nutzen sie erleichtert aus. Untersuchungen zeigen – die New Economy kündigt anders. Bevorzugt indirekt nämlich.
Rundmail
Am häufigsten benutzt und damit auf Platz eins der quantitativen Auswertung ist die Mail. Indirekt ist hier nicht nur der Weg der Kommunikation – ohne Möglichkeit zur Reaktion im Dialog eines Telefonates oder gar eines Gespräches. Nein, auch inhaltlich lässt sich der Hang zur Indirektheit beobachten. Sie kommen gern als Rundmails daher, tun harmlos und geben es erst nach sorgfältigem Lesen frei, das individuell schwerwiegende Ausmaß ihrer Bedeutung. Beispielhaft geschehen bei dem Berliner Ableger einer Schweizer Agentur. Rundmail an alle: Freudig wird verkündet, dass der Standort nicht wie zunächst befürchtet geschlossen werden muss, sondern dass es auch am nächsten Ersten weitergehen wird. Und zwar mit folgendem Team… Erst die Aufzählung macht klar – da fehlen ja welche? – Pech, die dürfen wohl nicht mehr mitspielen. (Um exakt zu bleiben, die ordentlichen Kündigungsbriefe wurden nachgereicht.)
Ein weiteres illustratives Beispiel der Sammelkündigung per Mail liefert “March First”. Eine als “Important Announcement” verkleidete Rundmail spricht einleitend von “very difficult decisions”. Klingt unheilvoll. Schon im zweiten Absatz wird’s unverhofft konkret: “By the end of day Wednesday, 1,000 jobs will be eliminated worldwide.” Ein plötzlicher Einbruch von Emotionalität zum Ende der Mail versichert: “It’s never easy to make these kinds of decisions, especially when they impact people. (…) You sure to have questions and concerns regarding this announcement.” Ach nö. Eigentlich nicht. Steht ja alles drin, in der Mail.
Modem Media präzisierte auch noch zeitlich. Per Mail werden den 10 Prozent entlassenen Mitarbeitern 20 Minuten Zeit gegeben, das Gebäude zu räumen. Klar in einem Zeitalter, da Geld mit Informationen und nicht mehr mit – sagen wir mal – Zahnrädern verdient wird, ist auch die Gefahr des Diebstahls durch verärgerte Gekündigte größer. Und deshalb müssen auch Kündigungen schneller gehen. Eine Drehmaschine schafft keiner schnell mal so raus, eine Datei hingegen ist fix überspielt.
Quicktime-Movie
Qualitativer Spitzenreiter im Reigen der digitalen Indirektheit jedoch ist die Kündigung per Quicktime-Movie. So geschehen bei IXL. Stellen wir uns folgende Situation vor: Das monatliche Quicktimevideo aus dem Headquarter wird gemeinsam an allen Standorten geschaut. Bis hierher nichts Ungewöhnliches. Der CFO spricht, die Auftragslage sei nicht gut. Man müsse den Gürtel enger schnallen. Restrukturierungen durchführen. Deshalb würden alle europäischen Offices, bis auf das Londoner, geschlossen. Na das war doch eine überschaubare Ansage.
Komplizierter wird es für die US-Angestellten. Hier gibt es eine Ausschlussaufzählung: Folgende Offices bleiben erhalten… Da heißt es aufpassen. Schreibt mal jemand mit bitte? Ach und ein Timing gibt es auch schon: Die Änderungen werden innerhalb von 2 Wochen umgesetzt. Noch Fragen? Nein. Danke. Eins muss man ihr schon lassen, der New Economy, sie bleibt ihm treu, ihrem Ruf, besonders schnell zu sein. Die Anwesenden johlen beim Anlegen der Strichliste. Und gehen angesichts der Absurdität der Situation anschließend gemeinsam einen saufen. Was hätte sie auch sonst tun sollen. War ja keine Autorität anwesend direkt im Raum, bis auf den CFO im Quicktimeformat. Nur für den Fall, dass man eine Frage gehabt hätte.
Tja
Ein neuer Aspekt der Globalisierung: Effektiver Downsizen dank Vernetzung. Warum direkt und persönlich, wenn’s auch digital geht. Per Mail oder Quicktime über den großen Verteiler. Da ist man sich wenigstens sicher, dass alle das gleiche Maß an Informationen bekommen und das auch noch gleichzeitig. Na wenn das keine Demokratie ist. Wer noch mehr Fallbeispiele lesen möchte oder selbst gerade ein schönes in seiner Mailbox gefunden hat, kann das posten, unter: http://www.fuckedcompany.com. Die “Happy fun slander corner” dort hält auch eine Umfrage bereit: “How would you like to be fired these days?”

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Elektronische Lebensaspekte.