Kopflastigkeit ist nicht ihr Ding.
Text: Björn Schaeffner aus De:Bug 111


Mit Geschichtslektionen aus Detroit oder Chicago haben Digitaline wenig im Sinn. Dafür heizen Grégory Poncet und Laurent Bovey unheimlich instinktsicher dem Dancefloor ein. Das Minimal-Design der Schweizer ist jetzt in Albumlänge auf Cadenza erschienen.

Hier ist alles in Bewegung. Wellenförmig lassen Digitaline im Rex Club ihre Polyrhythmen durch die Menge schwappen: ein ständiges Ziehen und Stoßen von Snares, Kicks und Bassdrums. Bald klonkig und plockernd, bald flirrend und zirpend, gespickt mit quirligen Sprachsamples und durchwirkt von melancholischen Flächen. Beat um Beat kommt die slick geölte Partymaschine aus Lausanne immer mehr in Fahrt. Die Pariser Crowd dankt es mit Pfiffen und Kreischen.

Laurent Bovey und Grégory Poncet, die beide ein Hauch von distinguierter Nerdyness umgibt, gehören schon seit langem zum Cadenza-Clan. Überhaupt verströmt die vornehmlich aus Berlin angereiste Truppe an diesem Abend einen ausgesprochen familiären Groove. Und auch nicht wirklich untypisch für einen Act des Luciano-Labels: Am Anfang ihrer musikalischen Liaison stand das Feiern. Die beiden Mittzwanziger, die in früheren Jahren in Post-Rock-Bands am Schlagzeug und hinter der Gitarre wirkten, lernten sich übers Partymachen kennen.

Seit 2003 organisieren die zwei in Lausanne auch eigene Partys im Rahmen des Kollektivs 34m2. Der Funken zum Produzieren zündete auf einer Afterhour der späteren Dachkantine-Macher. Ein prägendes Umfeld für die beiden Musiker, zumal Digitaline in diesem Zürcher Club sozusagen großgeworden sind. Grégory: “In der Dachkantine haben wir unglaublich viel gelernt, auch weil uns dort die größten Pannen unterliefen.“

Dann war da natürlich ihr Mentor Luciano. Laurent: “Als wir Lucien unsere Sachen erstmals zeigten, stand Cadenza noch ganz am Anfang. Und wir mussten unseren Sound zuerst entwickeln.“ Mit der “Rubicube/Belladonne“-EP legten Digitaline dann im September 2005 eine schon fast prototypische Cadenza-Platte hin. Grégory: “Ich habe mich schon öfters gefragt, zu welchem Label unsere Musik sonst noch passen würde, habe darauf aber nie eine vernünftige Antwort gefunden. Es ist schon so: Mit Cadenza sind wir auf ganz spezielle Art verbunden.“

Nicht dass die zwei darüber ihre Soloprojekte vernachlässigen: Grégory brachte als Gregorythme je eine EP auf Bruchstücke und Minibar heraus, von Laurent alias Laps erscheint im Mai auf Smallville seine Debütplatte. Dabei wirken die beiden im Duo insgesamt effizienter, was auch daran liegen mag, dass sie die Kooperation zu mehr Disziplin zwingt. Wobei man sich natürlich gelegentlich auch in die Quere kommt. Etwa, indem man sich beim Liveact gleichzeitig eine Hi-Hat reinhaut. Jeder ist halt etwas anders gestrickt. Grégory: “Ich könnte einen Break manchmal noch länger rauszögern, während Laurent schon früher wieder rein will.“

Einig sind sich die beiden, dass der Digitaline-Sound ganz im Dienste des Dancefloors zu stehen hat. Das trifft natürlich auch auf ihr Album “Anticlockwise“ zu.

Laurent: “Kopflastigkeit ist nicht unser Ding. Es soll einfach whooosh machen.“ Was simpel tönt, bringt umso programmatischer das Sample “Let the Beat Go“ auf den Punkt: Dem Eurobeat-Mantra verhelfen Digitaline in “La Fenêtre“ zu einem Comeback. Ob das augenzwinkernd gemeint ist? Vielleicht, dahinter aber einen Hang zu abgebrühter Oldschool-Referentialität zu vermuten, wäre schlicht vermessen. Wie sagen doch Grégory und Laurent: “Detroit und Chicago? Wir haben uns eigentlich nie irgendwelche Säulenheilige zum Vorbild genommen. Irgendwann sind wir einfach hier gelandet.“
http://www.cadenzarecords.com

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Elektronische Lebensaspekte.