Er ist schon ganz klassisch als Straßenmusiker durch Antwerpens Altstadt getingelt. Sein erstes Instrument aber war die Playstation. Aus diesem Spannungsfeld entwirft er den Blues neu.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 95

Blues und andere Lügen
Dijf Sanders

Was macht der Musikjournalist ohne Google? Vieles natürlich, aber um in ein Thema einzusteigen, sind die obligatorischen Klicks durch die Megalopolis der Daten doch hilfreich. Denkt man. Aus den wenigen Fakten (!), die man dort bekommt, baut man sich ein Bild zusammen, das in diesem speziellen Fall auch überaus spannend ausfällt, und befragt den Musiker entsprechend. Und Dijf Sanders lacht einen aus.
“Glaube nie dem Netz. Ich habe dort die bizarrsten Informationen über mich gelesen, keine Ahnung, wer das schreibt.”
Dann bist du also gar kein menschenfeindlicher Blues-Eigenbrötler, der elektronische Musik zwar selber macht, aber niemals hört?
“Nee, ich habe auch kein Haus voller Katzen, sondern nur eine einzige, und Aphex Twin habe ich schon immer unheimlich gemocht.”
Dabei hörte sich alles so passend an im Internet, so genialisch, wie ich das Album eben fand.

OK, dann also Neubeginn. Dijf Sanders ist der neue Blues-Held. Es gab schon ein Mini-Album auf Clone Rec., doch die neuen 15 Lieder auf “To Be A Bob” erweitern diesen Stil noch und legen ihn fest. Und das ist es, was diesem Album anhängt. Stil.
Zuletzt gab es maßlos viele Veröffentlichungen, die in Kategorien wie Folktronika, Indietronics oder sonstwie Genres gepackt wurden; von dem vieles interessant, der Großteil aber bloß unorigineller Rattenschwanz dieses Riesenhypes war. Nun würde man “To Be A Bob”, Sanders’ neues Album, wohl erst mal in genau dieser Ecke abstellen, nur mit dem Unterschied, dass über der Platte ein großes Plakat hängen müsste: “Hier ist Stil drin.”

Tom Waits aus Belgien
Auf “To Be A Bob” gibt es richtige Bluessongs, die sich gerne mit verspielter Elektronik abwechseln. Dazu singt der 26-Jährige dann ein bisschen wie Tom Waits oder vielleicht Jimi Tenor, oder er lässt es einfach und macht nur sanfte Jazzbarmusik. “Manche sagen Folktronics, Jazzpop, manche Indietronics, ich weiß es nicht, es ist schwer zu sagen … vielleicht Basstroniks, das ist mal ein neuer Style.” Ich möchte nicht wissen, wie er jetzt schmunzelt hinter seinem Telefon in Antwerpen. “Es ist der neue alte Style. Ich merke beim Jammen plötzlich, oh, es ist bluesy, ok, mache ich einen Bluessong.”

Während bei vielen anderen aktuellen Produktionen einfach in typischer Popmanier Referenzen zitiert werden und dieser Eklektizismus selbstironisches Programm wird, stehen auf “To Be A Bob” die wunderschönen Melodien für sich, Sanders nimmt sie ernst. Das macht das Album aus. Alles scheint sehr akribisch und versiert, nichts umsonst auf der Platte, trotzdem ist sie aber immer leichtfüßig, verspielt und von einer bestimmten Konkretheit. Statt kleinkarierten Kindertronics, die ja auch schön sind, gibt es hier Eleganz und Klasse. Nun muss man sich aber keinen neuen Audi A6 vorstellen, trotz des archivierten Vokabulars, das hier benutzt wird. Dijf Sanders ist alles andere als ein bierernster Musiker. Dem letzten googelschen Mythos (unterstützt durch das zugeschickte Promomaterial) vom klassisch ausgebildeten Musiker, der nur aus Zeitgenössigkeit den Computer benutzt, wird wiederum getrotzt. Angefangen Musik zu produzieren, hat er nämlich mit der Playstation und eigentlich kann er kein einziges seiner vielen Instrumente wirklich beherrschen. Aber das macht nichts aus. Der Stil entwickelt sich hier nicht aus perfekter Könnerschaft, sondern aus einem Gefühl, das jedes einzelne Lied immer wieder in anderer Form entwickelt, und überall hört man dieses Talent, die Echtheit, verzeih diese Unkonkretheit: den Abglanz von Seele, das Richtige.

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Elektronische Lebensaspekte.