Ein Mann ist kein Objekt der Begierde, auch nach 40 Jahren Emanzipation nicht und in Polen erst recht nicht. Mit sexy Schwänzen lässt sich also gut Differenz erzeugen. Das polnische DIK-Magazin setzt auf Otherness statt Politik.
Text: Kito Nedo aus De:Bug 104


Der schwule Ghandi Polens
DIK

Aus seiner homophoben Einstellung macht Lech Kaczynski, der aktuelle polnische Präsident, kein Geheimnis. Bei seinem letzten Berlinbesuch im März erklärte der nationalkonservative Politiker, dass eine Förderung der Homosexualität die europäische Zivilisation gefährde und zum “Aussterben der Menschheit” führen würde. Unter solch realpolitischen Umständen bedarf es eines besonderen Gründergeistes, und Karol Radziszewski, Erfinder und Chefredakteur des seit März 2005 erscheinenden polnischen Homomagazins “DIK”, besitzt ihn. Im Editorial zur zweiten Ausgabe heißt es ganz patriotisch: “Unser Land ist in schrecklichem Zustand. Der Geist des Landes muss erneuert werden. Wir sind dabei, den Grundstein für eine heimische polnische homosexuelle Kultur zu legen.”

Auch wenn der Gedanke nahe liegt – als genuin politisches Engagement will Radziszewski in unserem email-Interview sein Projekt jedoch nicht verstanden wissen: “Wahrhaftig, die Situation ist wirklich nicht schön. Polen ist ein sehr homophobes Land. Aber DIK ist absichtlich non-politisch, obwohl seine Publikation als politischer Akt gesehen wird. Ein Mädchen sagte mir mal, dass ich mit jedem Atemzug kämpfe und dass ich wie Ghandi bin. Haha. Scheinbar ist der bloße Fakt, queer zu sein, politisch. Ich denke, dass es ein Teil unseres Projektes ist, die Schwulenfrage apolitisch zu stellen.”

Vielmehr scheint es Radziszewski, der auch als Künstler und Mitbetreiber einer nomadischen Galerie arbeitet, bei der Herausgabe von DIK um das “Soziale” zu gehen, das solch ein Unternehmen mit sich bringt. “Ein Magazin herauszubringen ist eine Art künstlerischer Strategie”, schreibt Radziszewski und verweist darauf, dass die Dinge, die ihn an der Kunst am meisten interessieren, in “direkter Beziehung zu Personen und Aktivitäten” stünden. “Für mich ist ein Zine gleichwertig mit einem Gemälde oder einer Zeichnung.” Neben großformatigen Fotografien und Zeichnungen enthält DIK vor allem Interviews (in polnischer und englischer Sprache) mit Schauspielern, Schriftstellern und bildenden Künstlern wie etwa mit dem polnischen Autor Michal Witkowski, dessen Queer-Roman “Lubiewo” (2004) in Polen zum Bestseller avancierte und derzeit für Suhrkamp ins Deutsche übersetzt wird. Oder mit der in Berlin lebenden polnischen Video- und Performance-Künstlerin Katarzyna Kozyra, die sich für ihre Videoinstallation “Men’s Bathhouse” (1999) mit einem Plastikpenis bestückte und sich dergestalt mit versteckter Kamera in ein Budapester Männerbad einschlich. Auf der Biennale in Venedig erhielt sie für diese Arbeit einen Ehrenpreis. “And how does it feel, to walk around with a dick like that?”, wird sie irgendwann im Gespräch gefragt. Flankiert wird der Text von einem Portraitfoto der Künstlerin, auf dem sie zwei gehäkelte, hühnerförmige Frühstückseierwarmhalter in die Kamera hält, und einer Art Küchentisch-Stillleben mit kunsthistorischer Penisattrappe und Pellkartoffel. So pendelt DIKs visuelle Sprache zwischen zweierlei Intimität: diesen Portraitphotographien und Bildstrecken mit gut aussehenden, respektvoll abgelichteten Jungs – mit denen ein Hauch von Centrefold-Ästhetik durch das Heft weht. Pornografisch wirken diese Bilder nicht, und so sind sie wohl auch nicht gemeint. Eher ist Pornographie ein Faktor in einer größeren Gleichung, an deren Ende etwas anderes steht, wie etwa bei Radziszewskis “Coloring Pages”, die sexuelles Gewimmel grafisch zu einem reizvollen, fast abstrakt wirkenden Bildteppich verdichten.

Besessen von Photographie
Radziszewski: “Queer Culture inspiriert mich, da gibt es eine Menge Pornographie. Auf der einen Seite ist Pornographie etwas, das mich anturnt, und auf der anderen Seite auch etwas, das visuell sehr attraktiv ist, ganz formal, ohne jeden erotischen Aspekt. Erst mal macht mich etwas an, dann erscheint eine sehr konkrete visuelle Form. Das ist das Merkwürdige mit Photographie in meiner Arbeit. Ich bin davon besessen, Typen zu fotografieren. Ich brauche jedoch keinen Kontakt mit meinem Modell. Für mich ist eine Kamera ein starkes Medium. Allein das Fotografieren macht mich an. Wenn ich einen Typen sehe, den ich mag, denke ich nicht daran, mit ihm ins Bett zu gehen, sondern ein Bild von ihm zu machen. Für mich sind Fotosessions sehr aufregend. Vielleicht ist in der Photographie ein unerfülltes Begehren gefangen.”

Zu seinem initialen Impuls befragt, DIK herauszugeben, meint Radziszewski: “Was mich am meisten interessiert, war das Problem der ‘Otherness’ in der homosexuellen Kultur. Du liest ein Interview zwischen zwei Fags in einer anderen Weise als eine ähnliche Unterhaltung, moderiert von einem politisch korrekten, heterosexuellen Journalisten. Das fand ich interessant. Zusätzlich gibt es die Frage des Tabus, mit dem männlicher Erotismus belastet ist. Und dabei meine ich nicht mal Homoerotismus, sondern die Tatsache, dass in unserem Land ein Mann nicht als Objekt der Begierde gilt. Polnische Typen kümmern sich nicht sehr um ihr Aussehen, deswegen kannst du einen Queer auf der Straße sofort erkennen.”

Um DIK zu lesen, braucht es wegen der kleinen, eng gesetzten Schrift auf den durchgängig metallgrauen, stumpf reflektierenden Seiten viel Demut. Das erklärt Radziszewski aus dem Produktionsprozess heraus: “Mit jeder neuen Ausgabe hat DIK ihren eigenen Stil, das hängt wirklich von der Laune unserer Grafikerin Monika Zawadzka ab – sie ist großartig. Unsere neue ‘Special HipHop’-Ausgabe ist sehr lesbar (Arial, 12 Punkt) und im Schwarzweiß-Layout. Es verändert sich also die ganze Zeit.”

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Elektronische Lebensaspekte.