Die Chilenin Alejandra Iglesias hat zwar im krawalligen London ihre Herzensheimat gefunden, setzt in ihren Sets aber lieber auf die subtilen Momente. Das macht ihre aktuelle Mix-CD auf Crosstown Rebels so wertvoll für stille Genießer.
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 118

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Glücksmomente ohne Partyalarm
Dinky

Get Lost. Verliere dich! Ein Imperativ, der es in sich hat. Es geht darum, loszulassen, den Morgen zu begrüßen, nicht an morgen zu denken, sich selbst zu vergessen und dabei die Welt zu umschließen. Der Moment der Afterhour ist ein heiliger des Techno-Universums und wahrscheinlich ein Ur-Ritual menschlicher Existenz. “Was kommt nach Techno? Dienstag“, ist eine viel gesprochene Huldigung an den tagelangen Exzess.
Dinky kennt sich aus mit exzessiven hedonistischen Verausgabungen. Wer seit zwölf Jahren DJ ist, setzt sich unweigerlich damit auseinander. Die logische Schlussfolgerung nach Auflegen, Produzieren und einem eigenen Label ist sicher auch der altbewährte DJ-Mix. Dinkys jetzt erschienener Mix in der Get-Lost-Reihe des englischen Labels Crosstown Rebels ist in dieser Hinsicht aber ihr Erstlingswerk. “Naja, es ist natürlich nicht meine erste Mix-CD. Aber eben mein erster kommerzieller Mix. Früher, da habe ich mal einen Mix für Sven Väth gemacht. Das war aber so ein Ibiza-Ding. 8000 Kopien, just for the island.”

Die Schwierigkeiten der Gestaltung ihres Mixes lagen also natürlich nicht im Mischen oder in der erst mal frei assoziierten Trackauswahl. Dinky ist Resident in der Panoramabar und spätestens seit ihrem Hit auf Cocoon jedes Wochenende in den Clubs der Welt unterwegs. So hatte sie sofort viele Platten im Kopf, die sie auf den Mix für die Ewigkeit bannen wollte. Und genau dort ergaben sich Probleme. “Es war teilweise wirklich etwas frustrierend. Gerade weil ich schon so lange auflege, wollte ich ein wenig von meiner Geschichte zeigen. Ich wollte also viele Klassiker in den Mix einbetten, aber es war sehr schwierig, bestimmte Stücke von Künstlern zu lizenzieren.” “Es ist ein langwieriger Prozess”, fügt Matthew Styles hinzu, der bei unserem Gespräch dabei ist. Matthew, seines Zeichens Label-Manager bei Crosstown Rebels, kümmerte sich um die Lizenzierungen für die mittlerweile dritte Get-Lost-CD. “Es ist teilweise unmöglich, was die Leute für einen Track verlangen. Das ist für ein Label unserer Größe überhaupt nicht finanzierbar.” Trotzdem: Manchmal sind es auch rein kommunikative Probleme. Der Verleger von Arthur Russell zum Beispiel antwortete einfach nicht.

Entertainment ohne Hit-Peitsche

Was also tun, wenn man als DJ nicht die Stücke bekommt, die man auflegen will. “Nein, so schlimm war es nicht. Ich war zwar zu Beginn etwas traumatisiert, weil ein Stück nach dem anderem nicht geklappt hat, aber ich bin am Ende sehr zufrieden mit dem, was dabei herausgekommen ist.“ Die Idee hinter der Get-Lost-Reihe ist nicht die eines sommerlichen Clubmixes. Eher geht es darum, die Stimmung der Afterhour einzufangen, die Atmosphäre des nicht enden sollenden Exzess zu fotografieren, die schönen Augenblicke der völligen Losgelöstheit sowie die freakigen Momente der kurzen Geistesgegenwärtigkeit musikalisch zu erzählen. Das gelingt Dinky auf magische Weise sehr gut. Nie hat man bei dem Mix das Gefühl, dass sie sich eines vermeintlichen Hits bedienen muss, um den Zuhörer bei der Stange zu halten. “Ich spiele jeden Track aus dem Mix auch auf Partys. Klar, ich bin auch ein Entertainer, aber dafür brauche ich nicht die Hitpeitsche auszupacken.”
Dinky umrahmt den Mix mit zwei eigenen Stücken ihres Labels Horizontal, die zu Beginn mit dem sehr tooligen Intro “Lost in the Front“ und dem stark perkussiven “Horizontal“ das Thema für die erste Hälfte des Mixes setzen: minimaler House. Seidenstickerartig webt Dinky Track an Track, kurze Edits, so dass es der gesamte Mix bei immerhin neunzehn Stücken auf gerade mal eine Stunde bringt. Natürlich sticht mal das ein oder andere Highlight heraus, so wie Dennis Ferrers “Son of Raw“ im Loco-Dice-Remix, aber immer klingen diese Tracks eher wie eine subtile Hommage an vergangene Glücksmomente als nach akutem Partyalarm. Dinky will den Sommer nicht zwanghaft noch einmal hochleben lassen, sondern schafft einen Mix, den man auch gerne an den dunklen Tagen zu Hause hören kann.

Dass Dinkys Verbindung zu Crosstown Rebels so herzlich und tief gehend ist, fühlt sich nicht sonderlich überraschend an. Dinky lernte Labelbesitzer Damian Lazarus in London kennen, vielleicht irgendwo im Nebel der von seinem Labelmanager Matthew Styles organisierten Afterhour in der berüchtigten T-Bar. Seitdem ist Dinky nicht nur als DJ auf der Crosstown Rebels Agency sowie Künstlerin auf dem gleichnamigen Label, nächstes Jahr bringt sie hier auch ein Artist Album heraus, auf dem sie unter anderem auch mit dem chilenischen Superstar der 80er, Jorge Gonzales, zusammenarbeitet. “Jeder im Techno hat seine Crew, seine Familie. Meine ist definitiv Crosstown Rebels.” Vielleicht gefällt Dinky auch die lockere britische Art oder die Sprache. Immerhin hat sie ziemlich lange in New York verbracht und musste dort nach 9/11 sehr plötzlich abreisen. Nach kurzer Zeit in Chile kam sie dann 2002 nach Berlin, wo sie schon als junge Tänzerin die Energie der unendlichen Feier aufgesaugt hat. Wer weiß, vielleicht muss man sich manchmal erst verlieren, um sich wieder zu finden.

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Elektronische Lebensaspekte.