Im verzerrten Viereck zwischen Miami Bass, Four Tet, Dancehall und brasilianischem Baile Funk bounct sich Diplo zur heißen Nummer dieses Sommers. Als echter Florida-Boy ist er natürlich auch ein lebender Bass-Schwamm.
Text: Eric Mandel aus De:Bug 86

Basswelten aufgesogen

Glaubt man seinem Kampfnamen, ist Wesley “Diplo“ Pentz der letzte Diplodocus. Und die Frage, wie ein für ausgestorben gehaltener Zehntonner zur Musik kam, muss natürlich am Anfang eines Gesprächs stehen, schon um über die transatlantische Distanz das Eis zu brechen. Treffer, Pentz lacht schnarrend. “Es gibt keine besonders gute Story zu dem Namen. Ich wollte als Kind Paläonthologe werden und hab im Garten meiner Mutter alle möglichen Sachen ausgegraben, auf der Suche nach Knochen. Irgendwann war ich drüber weg. Naja, später hing ich mit einem Mädchen ab, und ich nannte sie ‘Stegosaurus’, wegen ihrer Lippen, und sie gab’s mir zurück, indem sie mich ‘Diplo’ nannte. Als ich meine ersten Produktionen machte, blieb der Namen hängen. Und ich hab keinen besseren gefunden.“ Zur Werksentschlüsselung taugt der Hinweis also nicht viel, sieht man mal von dem Umstand ab, dass der Diplodocus zu den Dinosauriern gehört, denen die Forschung lange Zeit zwei Gehirne unterstellt hatte. Eine gewisse Schizophrenie ist dem Werk des jungen US-Künstlers nämlich durchaus eigen. So rollte diesen Sommer immer mal wieder ein Bastard aus Dancehall und Garage-Riddim durch die Tanzhallen, über den die Stimme von Sandra Melody fragte: “Have You Heard The Newsflash?“ Und der Newsflash lautete: Diplo aus dem sonnigen Florida wird eine heiße Nummer diesen Sommer. Aber dann äußerte Diplo sich noch einmal selbst zum Sommer, und die Message hieß: “Summer’s Gonna Hurt You!“, und die Beats drehten sich träge und introvertiert durch die vielen Parts der beiden Seiten der gleichnamigen EP, in denen allerlei eher bizarre Ideen wie in einem langen Traum auf- und abblendeten, um nie wiederzukehren. Klang eher nach Daedalus oder Four Tet als nach schwitzigen Nächten im festen Griff der Basswellen. Dieser Entwicklung entprechend wurde auch der Arbeitstitel “Bounce Aesthetic“ zugunsten des etwas neutraleren “Florida“ fallen gelassen, unter dem das Album dann auch endlich auf Big Dada erscheint. Denn obwohl Tracks wie “Indian Thick Jawns“ und “Money Power Respect“ immer noch ordentlich bouncen, ist “Florida” ein Autorenalbum geworden, und zwar ein autobiographisches. Vor seinem Umzug nach Philly hat Diplo in Fort Lauderdale und später Miami gelebt, Bassmusik aufgesaugt und mit 10 Sekunden Samplerzeit und einem Tapedeck die ersten HipHop-Tracks gedrechselt – einer seiner damaligen Partner hat das Florida-Artwork entworfen. Es folgte ein Jahr in Japan und nach seiner Rückkehr die Trennung von seiner Freundin, und all das wurde dann auch irgendwie Klang: “’Summer’s Gonna Hurt You’ hat mit dieser Trennung zu tun, und es ist auch ein Abschiedslied an den Sommer. Die Sommer in Philly sind super, aber die Winter sind tödlich. Jedenfalls: Wenn ich Musik mache, dann narrativ, es geht um Stories und Ideen.“ Dabei hatte Will Ashton von Big Dada ursprünglich Dancehall-Beats bestellt, so ungefähr von der Sorte wie die auf dem ersten (und einzigen) Demo, das der gerade in Japan weilende Diplo ans Dada-Headquarter geschickt hatte. Aber wie das so ist beim Rumschrauben: “Viele der Ideen auf der Platte kommen aus straighten Dancehall-Riddims und sind dann über die Monate nach und nach in diese Arrangements geflossen. Die sind immer weiter gewachsen, weil ich nicht immer nur Track für Track rausgefeuert habe, sondern mich erstmals in Ruhe und mit Plan mit einem Album befasst habe. Wenn du tanzen willst, musst du mein Mixtape kaufen, das Album dagegen ist 100% ich.“

Wir brauchen Bass
Nicht nur auf den Mixtapes fand zur gleichen Zeit das Saurauslassen statt, sondern vor allem in seinen Sets der Partyreihe Hollertronix, die er vor drei Jahren initiierte. Hier legt er – als echtes Kind Floridas – gemeinsam mit Partner Low Budget vor allem Bassmusik auf: Dirty South und Dancehall-Reggae der gröberen Sorte, dazu obskure 80s-Joints und natürlich Miami Bass, die letzte ordentliche Musik, die Florida seiner Ansicht nach hervorgebracht hat, obwohl jetzt auch Timbaland dorthin gezogen ist. Und Hollertronix wächst stetig. “Mittlerweile übernimmt Hollertronix einen wesentlichen Teil meines Lebens und ich werd’s nicht mehr los. Ich wollte aufhören, aber es geht weiter und weiter.“ Neuen Stoff für seine Selection konnte er sich auf einer Arbeitsreise nach Brasilien besorgen. Dorthin folgte er den Spuren einiger Mixtapes, die ihn stark an die eigene Arbeitsweise erinnerten – und über die man sich hier auf einer famosen, von Daniel Haaksmann zusammengestellten Compilation auf Essay informieren kann: “Yeah, Baile Funk, genau mein Ding. Die Kids da haben vielleicht 300 Dollar an Equipment rumstehen und machen diesen dicken, simplen Sound. Ich selbst komme vielleicht auf 1000 Dollar. Es gibt jetzt auch noch portugiesische Vocals auf der neuen Version von ‘News Flash’, die gefällt mir auch am besten.“ Die Überarbeitung erfolgte, als die erwähnte erste Version nicht zur Zufriedenheit in den Staaten aufrockte. “Den Leuten hier ist der Bashment-Style etwas suspekt, also habe ich noch diesen Baile-Funk-Part und Vocals von Vybz Cartel dazugetan. Philly hat eine der größten Reggae-Communities an der Ostküste, und als Vybz hier gespielt hat, hab ich sein Mangement kontaktiert. Die Vocals wurden noch am gleichen Tag bei mir um die Ecke aufgenommen.“ Angesichts der Tatsache, dass die neue Version unter dem Namen “Diplo Rhythm” der eindeutige Hit der Platte ist, bleibt die Frage, was aus den anderen Riddims geworden ist, sofern sie sich nicht in die Feinstruktur der Albumtracks verflüchtigt haben. “Es gibt noch ‘ne Menge. Ich hab viel davon anderweitig verwendet, weil ich keine Vocalists hatte und dann eben eher instrumental wurde. Das kann ja bald ein bisschen anders aussehen.“

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Elektronische Lebensaspekte.