Diplo hat in letzter Zeit eigentlich kaum noch etwas außer Remixen releast. Aber die Genres, Namen, Hypes, die man mit Diplo aka Wesley Penz assoziiert, lassen einen das glatt vergessen: Hollertronics, Bashment, Baile-Funk und natürlich M.I.A.
Text: Johnnie Stieler aus De:Bug 107

Der Baile-Funk-Importeur
Diplo

Dafür aber ist er als DJ rings um die Welt um so umtriebiger, hat sein eigenes Label Mad Decent gestartet, nebenher noch einen Film über die Baile-Funk Szene produziert und seine Podcasts (das Mad Decent Radio) sind legendär. Wir trafen ihn zu einem Interview in – wo sonst – Tokyo.

Um mal gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wie bist du eigentlich zu Brasilien und Baile Funk gekommen? Es gibt eine ganze Menge Leute, die dich für einen bösen Ausbeuter armer brasilianischer Ghetto-Kids halten.

Zu meiner Entlastung kann ich entgegnen, dass ich mit DJ Marlboro angefangen habe zu arbeiten. Es gab damals – wie heute – kaum eine Musikinfrastruktur. Die brasilianische Szene ist eine Cash-and-carry-Ökonomie. Die Kids machen ihre Shows, bekommen vielleicht 50 Glocken, wenn sie ihre Songs an Produzenten verkaufen. Das war’s dann schon. Was ich dann gemacht habe, war vor allem, diese Musik anderen näher zu bringen. Bonde de Role habe ich auf mein Label geholt. Wem das missfällt, was ich in Brasilien mache, der war wahrscheinlich noch nie da. Der versteht diese Art von komplexer Kultur nicht. Ich mache mir da keine moralischen Vorwürfe. Ich bringe diese Musik direkt und ohne Umwege zu anderen. So rau, wie sie eben ist. Und natürlich hat dieser Stil auch meine Art, Musik zu machen, beeinflusst. Ich war eben oft mit DJ Marlboro auf Tour und habe dann die Tracks mit M.I.A. produziert. Die Musik selbst ist jetzt auch außerhalb Brasiliens akzeptiert worden. Früher war das nicht einmal in Brasilien so, sondern es gab Favela Funk nur in Rio. Der einzige Vorwurf, den ich mir machen kann, ist der, die Musik nach außen gebracht zu haben und damit auch die Wahrnehmung in Brasilien selbst verändert zu haben. Jetzt verändert sich auch die Musik. Die Jungs können jetzt reisen, Catra, Sandrinho und Marlboro werden auch im Ausland gebucht.

Wie siehst du den Backdraft nach der ersten Baile-Funk-Welle? Sogar die Werbeagenturen haben Funk Carioca für sich entdeckt.

Lass’ es mich mal so ausdrücken: Als ich vor zwei Jahren da war, traf ich dort Daniel Haaksman aus Berlin. Er und ich sind letztlich die beiden Einzigen geblieben, die Funk Carioca tatsächlich mal lizenziert haben und versuchen, da etwas aufzubauen. Das ist tatsächlich harte Arbeit. Alle anderen erzählen einfach Scheiße.
Die Menschen dort haben schlicht diese Favelamentalität. Die interessieren sich nicht für Verlagsrechte. Die wollen ihre Shows, die Kohle in bar und den Respekt im Viertel. Daniel hat ihnen gezeigt, dass eine Ökonomie außerhalb der Favela auch für sie funktionieren kann. Und genau das versuche ich eben auch. Niemand in Brasilien redet schlecht über Daniel oder über mich. Aber über Brasilien reden sie viel, die Journalisten. Ich rede mehr über Brasilien als über andere Dinge mit Journalisten – obwohl die meisten noch nie da waren. Nicht mal die Brasilianer reden so viel über Brasilien.

Hast du neue Künstler auf deinem neuen Label Mad Decent?

DJ Blackstar aus Baltimore, ein faszinierender Typ. Seine EP kommt in den nächsten Wochen raus, auf Vinyl und auf iTunes, denn das ist nun mal die einzige Möglichkeit, Musik sofort an die Menschen zu bringen. Und dann produziere ich noch einen Film: “Favela On Blast”. In Brasilien. Über Funk und über die ganze Kultur drumherum. Der soll so werden wie “Stylewars“ – der Dokumentarfilm über HipHop aus den frühen Achtzigern. Unter anderem mit Denise Garcia von Toscographics, die “I’m ugly but I’m trendy” produziert hat und auch Teile meines Films mitproduzieren wird. Es gibt vielleicht drei oder vier authentische Filme über Rio Funk. Meiner wird sich mehr an das US-Publikum richten. Das ist für mich tatsächlich mal was ganz anderes, Screenwriting und Produzieren. Gedreht wird der Film von einer brasilianischen Crew. In ein paar Wochen gehe ich wieder zurück und schau mir das an. Es ist sehr schwierig und sehr teuer, in den Favelas zu drehen. Es ist schwer, dort zu vertrauen. Es gibt da keine Genehmigungen, man muss so mit der Polizei und den Leuten klarkommen.

Du warst gerade in Japan?

Sonarsound Tokio hatte mich eingeladen. Dort gibt es wenig Funk und ich promote meine Sachen und Funk Carioca, auch weil die Japaner eigentlich auf brasilianische Musik stehen. Aber frag’ mich doch noch was über Ausbeutung!

OK. Wie viel Geld hast du mit M.I.A. verdient?

Das weiß ich gar nicht so genau. Ich warte da noch auf meine Lizenzabrechnungen. Ich verdiene mein Geld mit Auftritten, nicht mit Platten. Ich bin ja immer noch bei Ninja Tunes und schulde denen noch Geld für meine erste Produktion. Ich gehöre schon zu der Generation von Musikern, die mit anderen Dingen als dem Musikmachen Geld verdienen müssen. Es gibt keinen richtigen Platz für mich in der Musikindustrie. Ich verkaufe nicht genug Platten.

Echt?

Ja. Wirklich. Man muss sich schon selbst um Lizenzierungen kümmern, um Mixtapes, um Shows und um eigene Parties, Beziehungen und das ganze Zeug aufbauen – eben dauernd am Start sein. Wenn ich mal Geld verdiene, dann vielleicht mit “Bonde de Role“ – die ich ja auch selbst produziert habe. Und noch mal zum Geld: Ich habe 80.000 Dollar in Favela on Blast gesteckt, dass ist in ungefähr das, was ich in diesem Jahr letztendlich verdient habe. Also hoffe ich, dass ich mit dem Film richtig Geld verdienen werde. Fragst du eigentlich jeden, den du interviewst, wie er sein Geld verdient?
Ich bin sehr froh, dass ich nicht arbeiten gehen muss wie jeder andere. Noch vor zwei Jahren war ich Lehrer …

Lehrer? Du?

Ja. Ich. Ein richtiger Schullehrer.

Für was?

Musik und Computer. Hast du mal das Hollertronics-Cover gesehen? Das ist der Schulhof und die Kids sind von meiner Schule. Die waren für mich die Progressivsten – die nahmen ständig Mixtapes auf und handelten die untereinander. Ohne Vorbehalte und den ganzen Käse, der sich sonst so abspielt.

Und wieso ausgerechnet Lehrer?

Na ich wollte eben nicht bei Subway Sandwiches zusammenklappen. Die Schule zahlte besser und ich konnte meine E-Mails lesen. Aber mal ernsthaft: Ich wollte einen Job, bei dem ich das Gefühl haben konnte, etwas Gutes zu tun. Ich wusste bis dahin nicht, dass man als DJ auch eine Existenz aufbauen kann. Ich habe eben nur bei den Hollertronics-Parties aufgelegt und damit ein paar Dollar verdient.

In Deutschland bist du richtig populär.

Echt? Na vielleicht liegt ‘s an meinem deutschen Nachnamen: Pentz. Und warum hat mich dann noch keiner gebucht?

Du hättest eigentlich im Juni in Berlin spielen sollen – aber bist dann doch nicht gekommen.

Ich kann mich nicht wirklich dran erinnern. Hm. Woran lag’s noch mal …

Ich habe ja öfter das Gefühl, du legst nur da auf, wo die Sonne scheint und die Leute ein wenig reicher sind: Miami oder in Tokio …

Oh ja! Sind denn die Leute in Berlin reich?

Nein, wir sind in Berlin arm und es regnet die ganze Zeit.

DJ Marlboro war da – aber der meinte, es wäre eine komische Crowd da gewesen. Vielleicht lag es auch daran, dass Brasilien verloren hatte und Marlboro ziemlich neben sich stand. Ich sollte eigentlich definitiv in Berlin spielen. Bis jetzt hat’s nicht geklappt. Aber ich will wirklich bald hin. Februar oder März nächstes Jahr, wenn die nächste EP auf Mad Decent herauskommt.

Und die heißt?

Die EP? Keine Ahnung. Diplos neue Musik. Wird aber gut. Versprochen.

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Elektronische Lebensaspekte.