Niemand lässt so smart die Retrostile krachen wie die Dirt Crew. James Flavour und Break 3000 flechten aus Trance, Eurodance, Daft Punk und Erasure eine Dance-Matte, die längst nicht so fettig ist wie ihre Haarmatte.
Text: sami khatib aus De:Bug 89

Retrokleid schlägt Technoleid
Dirt Crew

Im Hamsterrad der Retrozitate erfuhr im Techno-Jahr 2004 so manch heimlich geliebtes, ehrlich gehasstes oder sonst irgendwie beiseite geschobenes Subgenre ein heiteres Wiederauferstehen. Acid läuft immer noch tapfer in der Drittverwertung, ein verschmitztes Trancerevival versprüht mollfarbene Glückseligkeit und die omnipräsenten 80ies-Synthie-Sounds haben sich längst ihr eigenes Retrogenre gezimmert. Und nun: French House entdeckt Eurodance und Retrotretmühle fressen Techno auf? Weit gefehlt.
Retro ist nicht Retro, und was House mal vom Techno lernte, schmeißen Dirt Crew heute unter umgekehrten Vorzeichen wieder auf die Technofloors: unbekümmerte Funkiness und massive Bassrundungen. House-Techno statt Tech-House heißt die Devise. Dass das nicht nur mit vier Fäusten für ein Halleluja funktioniert, sondern viel akribische Kleinarbeit mit Retrozitaten auf technisch erweiterter Stufenleiter bedeutet, liegt eigentlich auf der Hand.

Was scheint da also näher, als Oldschool-Verfallsdaten zu verlängern, Retrointervalle zu kürzen und die Spuren eindeutiger Traditionslinien weiter munter zu verwischen?
Dirt Crew jedenfalls haben die Karten neu gemixt und fahren gut damit. French House sticht Breitwand-Techno, Oldschool-HipHop verbündet sich mit Jack’s House und spielt ein fettes Grand. Trance unterliegt knapp und die Buben von Daft Punk trumpfen.
Einen Masterplan für ihre Hitmaschine haben die Dirt-Crew-Jungs zwar nicht gleich mitproduziert, spätestens aber seit ihrer EP “808 Lazerbeam/Dark Side” (Moodmusic) gelten sie zu Recht als einer der Newcomer 2004. Tracks wie “Rock da House” und die ersten Dirt-Crew-EPs “Cleaning up the Ghetto Part 1 und 2” (My Best Friend) wurden genauso Hits wie das James Flavour/Break 3000-Projekt “Sweet Slave” (Lasergun Rec.).
Ein Blick auf die Vorgeschichte der Dirt-Crew-Hälften James Flavour und Break 3000, beide mittlerweile um die 30 Jahre alt, entziffert einen Teil ihres Erfolgs als Resultat einer klassischen Clubsozialisierung in den 90ern.
Der oberfränkische Wahl-Berliner Felix Eder zog gleich nach dem Abitur an die Spree, fängt ein Kultur- und Filmwissenschaftsstudium an, wird 1997 DJ, organisiert Partys und produziert seit 2000 als James Flavour selbst. Schnell sind auf “Highgrade” die ersten Credits mit minimalem Dubhouse verdient, als 2004 David Duriez’ Label “Brique Rouge” anklopft. Fortan erliegt Felix dem Charme von funkigem Deephouse, hält sich selbstredend von barocken Houseopern fern und schwört letztlich einem gewissen Minimalismus niemals ab.

Die wesentliche Walze

Den Blick fürs Wesentliche, für die massive Dancefloorwalze, teilt er mit dem kölschen Niederländer Peter Gijselaers aka Break 3000. Aus Peters Vorliebe für dark-belgische Härte wie Front 242, gepaart mit einer soliden Heavy-Metal-Sozialisation, destilliert sich über die Jahre ein Faible für oldschoolige Electro-Sounds. Schon 1992 stehen erste Releases für KK Records an.
Trotzdem, “auch wenn ich früher noch längere Haare hatte, fand ich Sachen wie Erasure super”, relativiert Peter sofort eindeutige Zuschreibungen. Felix indes will die nahe liegende Geschichte von den sich anziehenden Antipoden à la “Deephousepopper trifft EBM-Metaller” nicht ganz bestreiten, wenn er freimütig einräumt: “Ich war früher schon eher ein Popper.”
Egal, letztlich wird der Einfluss von Haarlängen auf die präferierte Musikrichtung ohnehin überschätzt. So ist es ausgerechnet die Liebe zu französischem Deephouse, im Verein mit einer Verehrung für Daft Punk und ausgefeilte Basskurven, die die beiden musikalisch vereint. Als Produzententeam wird man sich schnell handelseinig und mit der HipHop-Reminiszenz “Dirt Crew” sind Name und Gründung eines Oldschool-Deeptechno-Duos perfekt.
Das war 2003. “Wir waren ziemlich gelangweilt von dieser ganzen Minimalscheiße in Deutschland”, resümiert Peter die damalige Stimmungslage. “Minimal muss ja nicht gleich unfunky heißen”, findet auch Felix. Mittlerweile ist ein eigenes Label hinzugekommen (Dirt Crew Recordings), und die beiden ersten dort erschienenen Dirt-Crew-EPs “What you want/Nervous” und “Largo/He He” scheinen es ihren Vorgängern gleichzutun: mächtiger Oldschoolrave mit linksrheinischem Qualitätssiegel.
Dirt Crews “schmutziger” Retroaspekt bezieht sich dabei nicht ausschließlich auf alte Sounds, sondern viel eher auf die Struktur von oldschooligem Ravetechno.
Peter: “Wenn wir schon produzieren, wollen wir klingen wie die großen Franzosen.”
Wenn das mal eine Ansage ist, werden wir an dieser Stelle abermals zu berichten haben. Versprochen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.