Steve Kotey: Kein Bart, aber Beardo
Text: Felix Denk aus De:Bug 110


Neben den Chicken Lips kümmert sich Steve Kotey hauptsächlich um sein Bear-Labeluniversum. Im Zeichen des Bären pinselt er allen Spielarten von Disco so lange den Bauch, bis sie zu kichern anfangen.

Beardo House
Im Internet hat sich ein Typ namens Ishkur gerade die Mühe gemacht, die elektronische Musik zu kartografieren. Ergebnis dieser Mammut-Fleißaufgabe: unzählige Kringel, Pfeile und Linien, die sieben Genres mit 180 Subgenres verbinden, allerhand Nischen mit obskuren Randerscheinungen in Beziehung setzen und ästhetische Minidifferenzen in 1189 Klangbeispielen nachvollziehen. Diesem Daten-Irrgarten kann man manche Erkenntnis abnötigen: Speedgarage beispielsweise ist nur zwei Kringel und drei durchgezogene Linien von Italo-Disco entfernt, praktisch in nächster Nachbarschaft also.

Was in dieser Weltkarte der elektronischen Stilvielfalt fehlt, ist Beardo-House. Dabei wäre dieser neue House-Hybrid ein interessanter Fall, den man obendrein toll bebildern hätte können. Die Luftballons aus der New Yorker Hippie-Disko The Loft, der gläserene Aufzug aus dem Schickeria-Schuppen Baia Del Angeli an der Adria, dazu Fela Kuti in bunten wallenden Gewändern. Das wären die Quellen aus den siebziger Jahren. Dann bräuchte man noch die Bärte von Hanspeter Lindström, Prins Thomas und Todd Terje, denen die neue House-Spielart seinen Namen wohl verdankt. So in etwa ließe sich diese runtergepitchte, psychedelische Afro-Krautrock-Disko darstellen.

Die Bären sind los
Ein Fenster sollte auch für Steve Kotey reserviert sein. Als DJ ist der Londoner so was wie der Botschafter der Chicken Lips. Mit seinen Labels wie Bear Funk, Big Bear, Bear Entertainment kommt auch er als Namenspate für Beardo House in Frage. Allerdings unwissentlich: “Beardo House? Nie gehört. Klar wäre ich stolz, wenn ein ganzer Musikstil nach mir benannt würde.“ Und so abwegig wäre das gar nicht. Seit 2001 sammelt er auf seinen diversen Labels ganz unterschiedliche House-Stücke, die einen historischem Weitblick und eine Liebe zu Disko mit viel Echo und Reverb teilen. Ob das nun konkret in Richtung Balearic, Italo, Cosmic, Deep- oder Acid-House geht, ist gar nicht so wichtig. Entscheidender ist, dass der Blick zurück mit einem verdrehten Humor geschieht. Also genau das, was die nerdige elektronische Weltkarte im Internet schlecht darstellen kann, auch wenn es um den ganzen Globus verteilt Leute gibt, die ihre Disko-Liebhaberei mit Spaß am Obskuren verbinden. Und deren Platten Steve Kotey auf seinen Labels veröffentlicht. Die Sorge, dass einmal auch die letzte Retro-Nische erforscht ist, dass es in abgelegenen Alpentälern vielleicht keine Musikrichtung mehr auszugraben gibt, raubt ihm trotzdem nicht den Schlaf: “Dann hören wir halt wieder Acid-House.“ Warum nicht.

Steve Kotey ist DJ, Labelbetreiber, Produzent, Remixer, Reedit-Bastler. Er lässt kaum etwas aus, das man in der elektronischen Musik auf die Beine stellen kann. Trotzdem ist es immer das Musikmachen, das ihn am meisten begeistert. Sein erstes Projekt hieß Akwaaba, was “Willkommen“ auf Ghanaisch heißt. “Das war ein Spaßprojekt“, sagt er heute. “Wir haben unzählige Musiker ins Studio bestellt und dann einen langen Joint geraucht und die aufgenommenen Spuren zusammengebaut.“ Mit ihrem harzig-verdrehten Disko-Dub kamen sie auf zwei LPs auf Discfunction, dem Label der Idjut Boys, das Mitte der neunziger Jahre ganz groß im NuSkool-House-Geschäft war. Neben vielen Remixen und Reedits heißt heute sein Hauptprojekt Lordy. Da geht es um Psychedelik-Disko-Rock mit jaulenden Gitarren und viel Funk in den Basslines. Unterstützung im Studio bekam Kotey von Andy Meecham von den Chicken Lips und Pete Z von Block 16. Nach einer EP auf Bear Funk und einer auf Bear Entertainment soll dieses Jahr noch ein Album rauskommen. So wie diverse Maxis von Loggaphon, ein Projekt, das Steve Kotey mit Max Essa betreibt, der gerade eine EP auf Bear Entertainment veröffentlicht hat.

Helden nerven
Der amerikanischer Neurowissenschaftler David Levitin hat neulich ein Buch veröffentlicht, in dem er argumentiert, dass die musikalisch prägenden Jahre bis zum Alter von fünf Jahren sind. Die Musik, die wir bis dahin gehört haben, ist bis in die hintersten Windungen unseres Gehirnes gespeichert und prägt fortan unsere Wahrnehmung von Musik. Steve Koteys Hirnströme hat Levitin zwar nicht untersucht, als Beleg für seine These funktionieren sie allemal. “Mein Vater stammt aus Ghana und hat oft Afro-Beat und HiLife zu Hause gehört. Aber auch meine Mutter hat immer Platten aufgelegt. Besonders mochte sie Kid Creole & the Coconuts.“ Bis heute hat Steve Kotey eine Schwäche für Produzenten wie Walter Gibbons, Francois Kervorkian und Norman Whitfield. “Aber auch für die Rockplatten dieser Zeit“, ergänzt er.

Mit einem echten Zeitzeugen war Steve Kotey neulich im Studio: Chas Jankel, der bei den Blockheads Keyboard spielte, der Band der Rock-Disko-Legende Ian Dury. Später hatte Jankel einige Solo-Hits wie Ai Na Corrida. Bei der Zusammenarbeit mit Kotey entstand der Track Sooner or later, ein pumpender Piano-Track mit einer weichen Gesangslinie. Altmodisch und dabei sehr charmant. Steve Kotey schwärmt von der Zusammenarbeit: “Der hat noch bis vier Uhr morgens am Ausdruck der Gesangparts geprobt. Dann hat ihm seine Frau gesagt, dass er endlich aufhören soll.“ Am nächsten Morgen ging es wieder los.
http://www.di.fm/edmguide/edmguide.html

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Elektronische Lebensaspekte.