On The Road mit Daniel Wang: Aljoscha Weskott begleitet das Wunder aus New York durch Europa und trifft King Britt.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 72

Careless Whisper mit King Britt
Mit Daniel Wang zwischen New York und Antalya

Während wir uns in unserem Roundtable zu Disco noch streiten, ob man Disco akademisch nachbauen oder hedonistisch leben sollte, war Aljoscha Weskott auf Discogott und Balihu-Labelbetreiber Daniel Wangs Europatour ganz dicht dran an der Synthese von beidem. Ein kurzes Spotlight.

Als Daniel Wang in der Lobby des Sheraton-Hotel zu Lissabon gegen 1.15 auf King Britt traf, war letzterer in einem tranceartigen Zustand, Professor Wang hingegen topfit. Prof. Wang hatte sich zuvor einige Stunden ausgeruht, um sich dann einem an John Travolta angelehnten “Preparing for Disco”-Ritual zu widmen, das wohl als Hommage an eine unwiderbringlich verlorene Zeit zu verstehen ist und in seiner aktualisierten Form neben dem Föhnen, dem Abwegen der Outfits, auch eine unverzichtbare Selbst-Spiegelung der Working-Class-Existenz simuliert, um schließlich einer ganz anderen Figur zu begegnen. Eher einer kosmopoltischen Rushdi-Persona, die alle historischen Disco-Zeichen aufgenommen hat und zu einem quietschlebendigen Archiv vereinigt, das “Make your Transition” flüstert, ohne Neurosen zu produzieren. Eine leichte Anspannung lag auf seinem Gesicht. Metro Area waren nicht gekommen. Er musste nun allein mit seinem Theremin und italienischen Disco-Platten NYC vertreten. Schnell ein kurzer Robot-Dance im Hotel-Gang des 14. Stocks. Eine kurze Ablenkung, wohl auch eine Reminiszenz an seine Jugend, als viele seiner Freunde Kaugummis vor dem Breakdance einwarfen, um den mechanischen Körper-Ausdruck auch auf der Gesichts-Oberfläche zu spiegeln. Einfach eine totale Spannung erzeugen. Darum geht es. Auch ohne Kaugummi. Die Nacht versprach zu gelingen. Prof. Wang hatte an diesem Tag schon viele Wege zurückgelegt. Jede Stadt, die er bereist, ist erstmal eine Begegnung mit einer anderen Sprache. Prof. Wang ist wohl einer der wenigen Zeremonienmeister des sprachbasierten Kultur-Transfers im DJ-Circuit. Er spricht 6 Sprachen: Chinesisch, Japanisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Italienisch. So tritt er tagsüber auch hier und dort als Übersetzer in Erscheinung. Was sich aber auf jeder Reise wiederholt und über die Jahre ein wichtiger Bestandteil geworden ist: Der Besuch eines Aquariums. Überall muss er in die verborgene Unterwasserwelt eintauchen, computeranimierte Tafeln über Fisch-Vorkommen der Mutter Erde studieren, die ein oder andere Wellen-Installation bestaunen, um dann in einem angrenzenden Aquarium-Shop einer internationalen Spielzeug-Kette, die auf Unterwasser-Plastik- und Plüschtier-Utensilien spezialisiert ist, ein Erinnerungsstück mitzunehmen. In Lissabon entschied er sich für einen Pulli mit einem Thunfisch-Motiv. In Berlin gibt es übrigens die gleichen Dinge. Dort kaufte er eine Scholle aus Stoff. Am Abend folgte Prof. Wang einer Einladung der Betreiber des Clubs LUX und aß gebratenen Thunfisch in einem Hafen-Restaurant der gehobenen Mittelklasse. Während des Essens war zu beobachten, wie der Aufdruck auf seinem neuen Pullover immer mehr an Konturen verlor, das Motiv förmlich zu verschwinden drohte. Wir sprachen darüber. Daraufhin ließ er sich entschuldigen und brach Hals über Kopf ins Hotel auf. Erst gegen 0.00 wurde ich wieder empfangen, um an seinen Vorbereitungen teilhaben zu dürfen.
Um 1.20 dann in der Hotel-Lobby, wo Prof. Wang schon 5 Minuten mit King Britt verweilte, ein unbedachter Satz, der nur aussprach, was längst offensichtlich war: “You look very tired, King Britt.” Das war unhöflich von mir. Momentan müsse er eben jeden Tag eine andere Stadt bereisen, gestern Porto, davor Bologna. Da bliebe nur Zeit für drei Stunden Schlaf. Aber schließlich, so fuhr er fort, liefern wir den Leuten die Soundtracks ihres Eskapismus. Und das sei doch etwas sehr Schönes. Dann kam die Promoterin und alle verschwanden in der Nacht. Am Morgen, auf der Rückfahrt vom Club ins Hotel, stimmte Daniel Wang “Careless Whisper” von Wham an. Nun war es nicht mehr weit bis Antalya.

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Elektronische Lebensaspekte.