Text: Sascha Kösch aus De:Bug 02

Numbers Never Lie ”Distress” von Greg Egan

Als Australier steht Greg Egan in der kleinen Welt ultrahipper Sciencefiction Autoren etwas verlassen da. Deshalb grübelt er viel, so zumindest unsere platte Annahme. Waren seine ersten Romane “Quarantine” und “Permutation City” (wir trauen uns nicht, den deutschen Titel zu nennen, erschienen jedenfalls unglaublicher Weise bei Bastei Lübbe), jeweils einem Thema gewidmet und philosophierten mit einer unnachahmlich deepen pseudowissenschaftlichen Story um Quantensprünge bzw. künstliche Intelligenz und die Portierung des Bewußtseins auf Rechenprozesse herum (was man bei oberflächlicher Lektüre als zumindest verwirrend empfinden muß), so widmet er sich in seinem neusten Werk (oje), “Distress”, dem Zentrum der Wissenschaftlichkeit selbst, der (oder sagt man dem?) TOE. Nicht toe wie Zeh, sondern die Theory Of Everything. Der Schlußstrich unter der Unified Field Theory sozusagen. Das was lange nach Einstein kommt. Also die Theorie von allem, ein offensichtlich kniffliges Thema, das man keinem anderen als Greg Egan zutrauen sollte. Die Basis der Wissenschaftlichkeit selbst und die entscheidenden Parameter, die alles erklären. Auch was “Erklären” eigentlich heißt und wie man das Erklären mit der Materie verbindet. Natürlich ein Fluch in den Augen derer, die sich an Mystizismus klammern (Say No To Toe flackert über die Werbeshirts), auch noch in der Mitte des 21 Jahrhunderts.
Andrew Worth, ein Kameramann (Kamera implantiert, versteht sich, allein um der Szene willen, in der er den Film rausrücken muß) für SeeNet, einen Wissenschaftssender, der sich die Zeit mit Dokumentarsendungen über die Moral der kurzweiligen und noch kurzzeitigeren Wiederbelebungen von Mordopfern vertreibt, bekommt den Auftrag auf dem Kongress der TOE-Physiker, an dessen Ende die neue, endgültige Theorie von allem verkündet werden soll, ein Interview mit der aussichtsreichsten Kandidatin zu drehen, Violet Mosala. Was er nicht ahnt, wir aber (logischerweise auch in der besseren Position) wissen, ist, daß er sich in einen Strudel logischen Wahnsinns verstrickt, bei dem Viren der Logolalie, zusammen mit der bösen Fratze des Logozentrismus und einer gehackten Insel, eine Art verdrehten Big Bangs auslösen, in dessen Zentrum ein Software-Autor Namens Kaspar, diverse Ignoranz Kulte und eine letzte Krankheit Namens Distress stehen.
Nicht viel verraten, hoffentlich. Wie jedes Buch von Greg Egan ein ziemlich atemberaubendes gleichzeitig ernstes und überdrehtes Ding zwischen ideologischem Minimalismus und fast übernatürlich schwindelerregender allesumfassender Logik. Irgendwo zwischen Snowcrash und Ian Banks Büchern angesiedelt, dürfte jeder, der schon mal ein Buch von Greg Egan gelesen hat, wissen, was es bedeutet, wenn man sagt, daß er sich konsequenter weiterentwickelt als fast jeder andere Science Fiction Autor dieser Tage.

Greg Egan
Distress
Harper Paperbacks
(www.harpercollins.com/paperbacks)
ISBN 0-06-105264-7

Relativ easy und vor allem billig zu bestellen via: http://www.buecher.com
Oder auf die deutsche Übersetzung im Bastei Verlag warten, die erfahrungsgemäß ein Jahr zu spät kommt.

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