Acht Jahre nach seiner Aynthing-Goes-Housespielwiese im Berliner WMF, arbeitet Dixon mit seinen Innercity-Nächten am Comeback des Deephouse. Dabei sind BPM und Krawall genauso unwichtig, wie bei seinem Projekt Wahoo.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 95

110 BPM im Morgengrauen

Die Fahrstuhltür geht auf und die Party fällt dir entgegen. Das würde dir so passen. Das passt jedem, der einmal Christopher Walken in Abel Ferraras ”King of New York“ aus dem still gefassten Lastenaufzug ins brüllend ekstatische HipHop-Loft hat treten sehen. Das ist die Inversion des Höllenschlunds: der Partyschlund, der sich ohne Vorwarnung vor einem aufsperrt. Und ein winziges, ein ganz winziges Schmunzeln zeigt sich auf Walkens festgefrorenen Gesichtszügen.
Berlins ”Weekend“-Club im 12. Stock des Haus des Reisens mit direktem Blick auf den Alexanderplatz holt das Erlebnis von der Leinwand. Vollendet wird es aber erst, wenn einmal im Monat Dixon hier zusammen mit Daniel Best zur ”Innercity“-Nacht lädt. Wenn im Weekend ansonsten gerne Electroclash mit Live-Gitarre für eine aufgescheuchte Handtaschenmeute gespielt wird, der Musik komplett egal ist, fährt Dixon die BPM und die Krawallsignale so weit herunter, bis die, die wirklich hinhören, das Christopher-Walken-Grinsen aufsetzen. In diesen Momenten, so ab vier Uhr früh, ist Dixon der Deephouseking of Berlin. Das war lange nicht mehr so.

Dixon:
Das jetzige Hochgefühl hatte ich das letzte Mal bei den Nächten mit Mitja Prinz im WMF, vor acht Jahren. Das war eine Zeit, da konnten wir alles machen. Moodymann haben wir geholt. Romanthony. Das war ein stranges Booking. Wenn man Romanthonys Tracks hört, denkt man, was für ein Genie. Erlebt man ihn dann live, merkt man, er ist einfach nur ein handfester Trinker, der beim Produzieren die Regler verwechselt. Das war ein großer Abend. Damals habe ich House-Musik aufgelegt, House-Musik im Radio gehört, House-Konzerte im Club gesehen. Es hat mich komplett umgeben.
Wenn ich heute aus dem Studio komme, dann lass’ mich in Ruhe mit House, dann gibt es all dies ganze andere Zeugs. Vor drei Jahren hätte ich gesagt: Broken Beats, das mache ich gerade. Aber im Moment, ich weiß nicht, da ist eine Carl-Craig-Nummer drin, eine Kerry Chandler, eine Emperor Machine, irgendwie alles.
Als DJ verstehe ich mich noch als Hüter von klassischem House, aber damit stehe ich nicht mehr auf dem einsamen Berg. Ich habe genauso einen Hang zu I:Cube oder Lindström. Nur wenn alle Lindström plus 4 spielen, spiele ich ihn minus 4. Aber eine Schnittmenge zu den üblichen Minimal-Verdächtigen ist da, neuerdings.
Die ”Innercity”-Veranstaltungen werden immer von einem Gimmick begleitet werden, einem T-Shirt, einer Badelatsche, einem Bier. Ich will Innercity als Marke etablieren, um meine Musik zu pushen, die in dieser 4-Millionen-Stadt sonst niemand spielt. Das ganze Zeug, das auf Innervision, der 12Inch-Reihe zu Innercity, rauskommen wird – Âme, Markus Worgul, Henrik Schwarz, Lindström – ist verdammt stark und passt genau in die Zeit. Die Idee ist: Du spielst auf der Innervision-Nacht, danach produzierst du einen Track, der wiedergibt: Das war für mich die Nacht.
Das findet Gilles Peterson gut, Ewan Pearson aber auch und Carl Craig obendrauf, es ist totaler Konsens. Es hat einen Vibe und eine gewisse Einfachheit, es geht nicht mehr darum, 24 Haken zu schlagen, es geht um ein Element und das wird gut verpackt.
Heute habe ich im Weekend wieder die Freiheit, die ich damals im WMF hatte. Ich buche Alex From Tokyo. Und? Kennt den irgendein Schwein? Aber es läuft.”

Neben den Innercity-Nächten und der angegliederten Innervisions-Plattenreihe ist Dixons zweites Standbein natürlich Wahoo, sein Projekt mit Georg Levin, dessen erster Release ”Make em shake it“ unlängst von dem UK-Ibiza-volle-Peilung-Vulgärhouselabel Defected lizenziert wurde.

Dixon:
Zu Wahoo ist unsere Meinung: Niemand kennt Wahoo. Das Album, das im nächsten Frühjahr kommen wird, wird ganz anders klingen als ”Make em shake it“. Die zweite von den drei geplanten Vorab-EPs, ”Holding you“, ist definitiv kein Partytune, eher romantisch balearic. Die dritte, die noch nicht draußen ist, nimmt sich das ”That night“-Thema von unserem Jazzanova-Remix in einem discoiden Michael-Jackson-Stil vor. Viele der Tracks entstehen, weil wir sagen: Eigentlich wollen wir ein Housealbum machen, aber hör mal, der Song ist so gut, da sollten wir die Bassline mehr runternehmen. Ist die Bassline unten, stellen wir fest, wir könnten auch das Tempo noch drosseln, das unterstützt den Song noch stärker. So kommen wir zu vielen Stücken auf dem Album, die gar nicht mehr wirklich House sind. Wir machen ein Song-Album mit Wahoo. Bei Wahoo hört meine House-Gralshüterei auf. Deshalb wird Wahoo-Zeugs auch nicht auf Innervision rauskommen.

Tja, gute Zeiten, schlechte Zeiten, plötzlich kann Dixon wieder sagen: ”Wofür ich mich einsetze, das muss Tiefe haben und ein bisschen verspult sein“, und alle wollen ihm wieder zuhören. Und dies schicksalsprägende Erlebnis haben, aus dem Weekend-Fahrstuhl zu steigen und mitten in einer Meute zu stehen, die zu 110 BPM im Morgengrauen abgeht.

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Elektronische Lebensaspekte.