Gratwanderer in Aufbruchstimmung aus der Hansestadt
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 127


Gänsehautfeeling im Do-it-yourself-Verfahren. Die Hamburger Solomun und Trolio haben erst mit ihrem Kulturclub Ro Diy, dann mit ihrem Label “Diynamic Music” ihre Vorstellung von House als Seelenklempner für Sturmböen-geplagte Hanseaten umgesetzt. Darauf stehen auch Pariser wie Laurent Garnier.

Auch wenn die Tage des legendären Front-Clubs schon lange gezählt sind, gehört House immer noch zu Hamburg wie Michel und Reeperbahn. Anders als etwa Frankfurt am Main, wo sich um die Clubinstitution Omen auch gleich richtungweisende Labels wie Eye Q und Harthouse gebildet haben, blieb Hamburg dagegen noch lange ein weißer Fleck auf Deutschlands Labellandkarte. Seit einiger Zeit weht aber ein frischer Wind von der Waterkant – kleine, familiär geführte Labels wie Dial und Liebe Detail wirbeln mit ihren lässig-eleganten Klängen ordentlich Staub auf den Tanzböden der House-Nation auf. Auch die Veröffentlichungen des vor zweieinhalb Jahren von Mladen Solomun und Adriano Trolio gegründeten Labels “Diynamic Music” nehmen derzeit einen Stammplatz in den Koffern solch unterschiedlicher DJs wie Anja Schneider, Lawrence oder Laurent Garnier ein. Der gebürtige Bosnier Solomun ist mittlerweile selbst zu einem weltweit gefragten Plattendreher geworden und der ebenfalls von Beginn an zum Diynamic-Stall zählende Martin Stimming ein heißer Kandidat für den Newcomer des Jahres.

Die Gründe für den Erfolg sind dabei wohl nicht in banaler Oberflächenästhetik und Corporate-Identity-Strategien wie dem prägnanten Namen und dem wie eine geballte Faust auf jedem Cover prangenden “DIY” zu suchen. Vielmehr ist es wohl die unnachahmliche Leichtigkeit, mit der auf Diynamic die scheinbar so festzementierten Gewissheiten der alten neuen Diva House-Musik mit jedem Release aufgebrochen und dabei Oldschool-Fundamentalisten, Disco-Connaisseure und Rave-Hedonisten gleichermaßen in Verzückung gesetzt werden. Anders als zum Beispiel Deephouse-Shootingstars wie Sascha Dive oder Johnny D, die House auf ein elementares Groove-Skelett reduzieren, beziehen Diynamic-Tracks ihre Wirkung aus dem Erhalten von Paradoxien. Melodiösität und Deepness, barock-orchestrale Arrangements und simple Funktionalität, Detroit und Chicago – das alles sind plötzlich keine Widersprüche mehr, sondern Elemente eines Sounds, der voller erhabener Schönheit durch den Club schwebt, keine Angst vor Strings und Pianoeinsatz hat und dabei trotzdem mit beiden Beinen auf dem Boden der Tanzfläche steht.

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Solomun

Locker bleiben
Den bei solcher Opulenz gelegentlich aufkommenden Kitsch-Vorwürfen begegnet Labelchef Solomun gelassen. ”Wir sind alle sehr musikalisch und lieben Harmonien. Ob das jetzt kitschig ist oder nicht, liegt immer im Ohr des Hörers. Wichtig ist für mich, dass die Musik meine Seele streichelt und sich ein Gänsehautfeeling einstellt, manchmal mag ich aber auch monotone stampfende Beats. Im Unterschied zu anderen haben wir aber anscheinend den Mut, das auch zu produzieren.“
Dass der viel zitierte Punk-Imperativ “Do it yourself” nicht nur im Namen steckt, sondern tief im künstlerischen Selbstverständnis von Solomun und Trolio verwurzelt ist, haben die beiden schon vor fünf Jahren bewiesen, als sie mit ihren DIY-Parties die Handbag-infizierte Hamburger Partyszene umkrempelten. Aus der Idee entstanden, einmal im Monat eine Party für ihre Freunde zu veranstalten, wuchs schnell die Pflichtveranstaltung für Hamburgs House-Afficinados. Dank viel Eigeninitiative setzte man auch beim Lineup neue Maßstäbe. ”Unserer Meinung nach kamen damals einfach keine interessanten DJs mehr nach Hamburg. Das Booking lief meistens über Freunde und Freundesfreunde. So kamen wir dann an Künstler wie Joakim, Daniel Wang oder Larry Heard. Diese Leute hatten da auch immer Lust drauf und haben das ohne Agentur zum Freundschaftspreis gemacht“, erzählt Adriano Trolio. Nach einiger Zeit wurde das Korsett einer klassischen Party aber zu eng. Aus DIY wurde der Kulturverein Ro DIY e.V, man zog vom Nobistor in einen Hinterhof des Schanzenviertels und setzte vor die Feierei ein buntes Rahmenprogramm aus Lesungen, Ausstellungen und Filmvorführungen. Der Horizont des ehemaligen Kurzfilmproduzenten Solomun endet denn auch nicht bei 4/4-Takt, Bassdrum und Snare.

”Letztendlich ist ja alles ein großes kreatives Feld. Uns war es immer wichtig, auch an andere künstlerische Szenen anzudocken und nicht nur das reine Technopublikum anzusprechen, denn wir haben selbst sehr viele Kontakte zu Künstlern, Literaten und Filmemachern. Die haben sich natürlich gefreut, mit dem Ro DIY ein Forum geboten zu bekommen.“
Den nahe liegenden Vergleich mit den Hamburger Kollegen von Dial lehnt Adriano Trolio dann auch gar nicht ab, eine Verortung von Diynamic in der linken Kulturzene um Pudelclub und Roter Flora geht ihm aber zu weit.
”Gerade weil wir in diesem Schanzenumfeld und auch über unsere Freunde tagtäglich mit diesen Strukturen konfrontiert sind, fühlen wir uns natürlich eher links. Politisch aktiv sind wir aber nicht.“

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Kollektiv Turmstraße

Aus Party wird Label
Einen Wendepunkt markiert der Beginn des Jahres 2006. Als zum einjährigen Geburtstag des Ro DIY 500 Gäste in einem für 200 ausgelegten Laden waren, setzte die Polizei Solomun und Trolio ein Ultimatum: Entweder sie zahlen die höhere Konzession oder machen den Laden dicht. Man entschied sich für die Schließung und tauschte Unabhängigkeit gegen Professionalität, denn die DIY-Parties gingen fast nahtlos im neu gegründeten Übel & Gefährlich weiter. ”Im Gegensatz zum Ro DIY haben wir jetzt eine stabile Basis und können viele hochkarätige Künstler einladen, es ist aber natürlich auch nicht mehr so intim und persönlich. Früher waren wir völlig autonom, jetzt müssen wir versuchen, eine Gradwanderung zu finden zwischen unseren eigenen Interessen und den Interessen des Clubs“, beschreibt Solomun die Unterschiede. Einen weiteren Schritt in Richtung Professionalität stellt schließlich die Gründung von Diynamic Music dar, die in denselben Zeitraum fällt. Ermutigt durch die Resonanz des Publikums auf die eigenen Stücke und mit dem Support des ebenfalls in Hamburg ansässigen Vertriebs Wordandsound bringt man schnell die ersten Releases unter Dach und Fach. Dass Diynamic lange Zeit auf eine Kerntruppe bestehend aus Solomun, Stimming, Adriano und H.O.S.H. alias Holger Behn beschränkt war, hat laut Solomun ganz einfache Gründe. ”Bei H.O.S.H. und Stimming war nicht nur entscheidend, dass sie tolle Musik machen, sondern auch menschlich zu uns passen. Es war aber gar nicht so, dass wir keine anderen Künstler aufnehmen wollten, im direkten Vergleich fanden wir nur deren Musik einfach besser. Das man sich privat gut versteht, ist da natürlich ein toller Nebeneffekt.“

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HOSH

Mittlerweile haben sich die Labelstrukturen aber gewandelt. Trolio ist nicht mehr selbst als Produzent aktiv, sondern hält dem durch zahlreiche DJ-Bookings und Remix-Aufträge beschäftigten Solomun den Rücken frei. Für das Artwork der Platten zeichnet ein befreundeter Grafiker verantwortlich. Seit einem Jahr betreibt Diynamic zudem eine eigene Booking-Agentur für die eigenen und ausgewählte Fremdkünstler (u.a James Mowbray, Paulo Olarte). Das bedeutet nicht nur eine Menge Arbeit, sondern lässt die ständige Gratwanderung zwischen Selbst- und Fremdbestimmung zum Alltagsprinzip werden. Angst vor einem Kontrollverlust angesichts von zu schnellem Wachstum haben die beiden Hamburger aber nicht, vielmehr hat man den Eindruck, als herrsche bei Diynamic derzeit eine Aufbruchstimmung, die man in der von Depressionen geplagten Labellandschaft mit der Lupe suchen muss.

Im Januar folgt der Umzug in ein größeres Büro und auch musikalisch hat man an der Elbe die Handbremse gelöst. Die gerade erschiene Doppel-Compilation “Saturday I´m In Love” ist nicht nur Retrospektive, sondern zeigt auch mögliche Wege, in die sich der Diynamic-Sound in Zukunft entwickeln könnte. Neben Leuten aus dem Umfeld wie Kollektiv Turmstraße oder Trickski finden sich darauf auch internationale Künstler wie der Londoner Jay Shepheard und die Norweger Ost & Kjex. Letztere steuern mit dem vocallastigen “Sicksnack” dann auch den Track bei, der sich am weitesten vom konventionellen Diynamic-Sound entfernt. Als Zukunftsperspektive schließt Solomun eine verstärkte Hinwendung zu Pop nicht aus, Basis bleibt aber weiterhin Clubmusik. Für 2009 fest eingeplant ist ein Künstleralbum von Stimming sowie die Gründung eines Sublabels, auf dem Stücke mit verstärktem Live-Sample-Charakter veröffentlicht werden sollen. Bevor Solomun sich selbst den lange gehegten Wunsch nach einem Album erfüllt, lässt er seine alte Passion als Filmemacher für zwei Videoclips wieder aufleben. ”Wir probieren gerade ziemlich viele neue Sachen aus. Man kann nicht immer nur meckern und sagen, alles sei schlecht, sondern muss auch mal etwas wagen. Mit Diynamic haben wir dafür ein Forum geschaffen“, fasst Adriano Trolio die gegenwärtige Situation zusammen. Auf seinem Fundament aus hanseatischem Pragmatismus, DIY-Bewusstsein und Avantgardeanspruch wird dieses Forum mit Sicherheit noch lange Bestand haben.

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Elektronische Lebensaspekte.

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