Wenn Samstags Nacht die Clubs am toben sind, schickt DJ Cameo auf BBCs Urban Radiosender 1xtra die neuesten Grime-Dubplates durch den Äther und erklärt den Kids Britanniens das Einmaleins einer Szene, die dabei ist, sich vom lokalen Phänomen zu einer eigenen Subkultur zu entwickeln.
Text: Christian Fussenegger aus De:Bug 97

Die Musik offen halten

Im Radio-Business bedeutet “graveyard-shift” soviel wie: Arschkarte. Die Sendeplätze tief in der Nacht sind das Abstellgleis für alternde Moderatoren oder Radio-DJs mit etwas zu schrägem Musikgeschmack. DJ Cameo hat so eine “graveyard-shift” auf dem BBC Urban-Sender 1Xtra, Sonntagmorgens von 2-6 Uhr. Das Unglaubliche daran: Seine Show “Pirate Sessions” hat die höchsten Hörerzahlen auf dem Sender. Jedes Wochenende hocken zehntausende Kids in walisischen Weilern, schottischen Bergdörfern oder Kleinstädten in Cornwall vor ihren Radios, um für ein paar Stunden die Langeweile aus ihren Kinderzimmern zu vertreiben, um “Hype Tunes” zu hören und um sich von Piratenradio-Veteran Cameo eine Szene erklären zu lassen, die zwar weit weg ist, aber doch nah genug, um sich als ein Teil davon zu fühlen. Denn hier geht’s um Grime und UK Garage, um 4/4 und Vocal-Tracks. Oder ganz einfach um “UK Street Music”. Und die ist inzwischen schon wieder im Visier der Behörden.

Cameo, bei deinem letzten Besuch hattest du erzählt, dass Grime beim diesjährigen Notting Hill Carnival quasi verboten war. Lethal B’s Chart-Hit “Pow” darf in einigen Counties immer noch nicht öffentlich gespielt werden. Und jetzt dieser Hoodie-Ban. Man scheint es auf euch abgesehen zu haben.

Cameo: Naja, ich versuch’s mal zu erklären. Du hängst in einem Club ab, wo du stundenlang nur zu Scheiß wie “I’m going to the candy-shop” den Kopf nicken kannst. Wird dann auf einmal ein Track wie “Pow” gespielt, rasten natürlich alle aus. Die Leute fangen an, sich rumzuschubsen, auf und abzuspringen – das ist ähnlich wie moshen bei einem Rockkonzert. Und die vornehmlich weißen Clubbesitzer kriegen es mit der Angst zu tun: ein Mix verschiedener Ethnien, schwarze, weiße, asiatische Kids, auf einem Haufen? Tanzen die nur – oder zieht einer gleich ein Messer, eine Knarre? Die kapieren nicht, dass das nichts mit Gewalt zu tun hat, dass es nur der Vibe ist. Das hat nicht mal was mit Rassismus zu tun, eher mit Paranoia. Aber die Einzigen, denen ich wirklich einen Vorwurf machen würde, das ist die Polizei. Die wissen nämlich, was Sache ist. Aber statt uns zu helfen, gucken sie weg und erlassen Ordnungsmaßnahmen oder sogar Verbote. Denen ist alles Recht, solange sie nachts nicht zu irgendwelchen Clubs gerufen werden. Und das Absurde ist: Die Betroffenen, also die Musiker und die Fans, merken gar nicht wirklich, dass sie unterdrückt werden – in einem demokratischen Land.

Für euch setzt sich also niemand ein, keine anderen Musiker, keine Politiker?

Cameo: Im Moment nicht. Und auch die Szene selbst hält still – aber das ist ein grundsätzliches Problem mit den schwarzen und asiatischen Kids. Die kriegen ihren Mund nicht auf. Die Einzigen, die protestieren, das sind die weißen Kids. Vor einigen Tagen traf ich vor dem BBC-Gebäude auf ca. 200 weiße Kids, die auf Tim Westwood warteten (der britische DJ Tommek). Sie wollten ihn zur Rede stellen, fragen, warum er in seiner Show UK-HipHop nicht unterstützt. In unserer Szene denken viele, dass weiße Kids keine Identität hätten – aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die lieben Mike Skinner und Kano, und sie waren es, die Dizzee groß gemacht haben. Und so langsam dämmert es auch dem Establishment: weiße Kids, die Ghetto-Musik hören und Hoodies tragen? Die Cuts und Lines in der Frisur haben und sich nichts mehr vorschreiben lassen? Diese “Urban Culture'” wird zum Problem, wir müssen was dagegen tun, bevor unsere Kids ganz verloren sind!

Hat die Musik überhaupt noch eine Chance sich weiterzuentwickeln, unter solchen Vorzeichen?

Cameo: Bei Garage gibt’s keinen Stillstand, das wird nicht aufhören. Was in den letzten beiden Jahren passiert ist, dieser riesige Schub durch die MCs auf den Grime-Tracks, das hatte sich schon ’97-’98 angekündigt, und so richtig seit dem Erfolg von SoSolid. Aber erst jetzt ist die Zeit reif. Früher haben viele Leute nicht mit mir geredet – ich hing damals mit den SoSolid-Jungs ab, und viele dachten deshalb, ich sei ein Schlägertyp. Oder Leute wie Riko durften nicht auf Raves auftreten, weil sie als Gangster galten. Das hat sich alles geändert, die Szene ist größer denn je. Jetzt müssen wir nur aufpassen, dass wir die anderen Seiten von Garage, nämlich die 4/4-Tracks, die Vocals und die Breakbeats nicht vergessen, um das Ding so offen wie möglich zu halten. Und es muss wieder mehr Qualitätskontrolle her – was auf einigen Piratensendern läuft, ist einfach zu chaotisch. Fünf MCs pro Stunde, die sich beinahe um das Mic kloppen, das ist nicht die Lösung.

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Elektronische Lebensaspekte.