Cyril Etienne des Rosaies sorgt sich darum, dass die Fackel der Housemusik nicht erlischt. Mit seinen eigenen Produktionen als DJ Deep und seinen Ausgrabungen alter Klassiker kämpft er bis zur Erschöpfung.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 106

House

Kulturgut Housemusik
DJ Deep

”Ich weiß, dass sich das jetzt vielleicht sehr seltsam anhört, aber die Wahrheit ist, dass ich wirklich Angst habe. Das ist der Grund, warum ich all diese alten House-Platten wiederveröffentliche. Ich verliere eine Menge Geld damit. Die Verkaufszahlen sind mager. Das Mastern alleine nimmt schon viel Zeit in Anspruch, weil die alten Bänder teilweise verschwunden sind und wir tricksen müssen, damit die Tracks gut klingen. Ich weiß, wie gut diese alten Platten sind. Ich weiß, dass sie auch eine jüngere Generation wegblasen und beeindrucken können. Aber ich habe Angst, dass Housemusik, so wie ich sie kenne und liebe, verschwinden wird. Genauso wie der Transmat-Sound plötzlich verschwand. Ich möchte einfach, dass Kids und junge Produzenten die Chance haben, diese alten Klassiker zu hören und hoffentlich von ihnen inspiriert werden, etwas Neues zu probieren.“
Cyril Etienne des Rosaies aka DJ Deep redet sich langsam in Fahrt, ohne dabei unentspannt zu wirken. Er ist ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Einer, der mit musikalischer Beliebigkeit und schnöder Funktionsware nicht viel anfangen kann. House Music (und wenn er House sagt, meint er eben auch Transmat. Wäre er Amerikaner, würde er wahrscheinlich einfach den Begriff Dance Music verwenden) steht im Zentrum dieser Leidenschaft, die für ihn mehr ist als nur Musik, sondern eine Kultur, die es zu erhalten und immer wieder neu zu definieren gilt. Seit fast zwanzig Jahren – seit er ein Teenager war und nicht nur den Backkatalog des legendären New Yorker House-Labels NuGroove auswendig vorwärts und rückwärts aufsagen konnte – geht ihm das so. Jetzt, als Mittdreißiger, hat er die Rolle des Vermittlers, des Archivars und manchmal auch die des puristischen Bedenkenträgers gewählt, um den heutigen Teenagern die musikalischen Segnungen der House- und Techno-Frühphase näher zu bringen. Dafür hat er neben seinem Label Deeply Rooted House, auf dem Leute wie Kerri Chandler und DJ Gregory mit frischen Tracks gleichzeitig Traditionspflege betreiben, auch noch House Music Records gegründet, auf dem er alte Klassiker von Terry Hunter, Mike Dearborn oder K.Alexi wieder veröffentlicht. Und in Kooperation mit dem in Sachen musikhistorischer Wiederaufbereitung fachkundigem britischen Label BBE hat er die Compilation-Serie ”City to City“ zusammengestellt, auf der House- und Techno-Perlen aus New York, Chicago und Detroit von der rohen Magie und Aufbruchsstimmung der späten Achtziger und frühen Neunziger erzählen.

Ein Nerd in House
”Als ich anfing aufzulegen, war ich jung und kämpferisch. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal mit Laurent (Garnier) im Auto saß und im Radio, beim größten Sender Frankreichs, lief ‘Acid Tracks’ von Phuture. Während die Platte lief, fing der Moderator an, sich über sie und House und Techno an sich lustig zu machen. Und dann nahm er die Platte und zerbrach sie. Einfach so. Live im Studio. Das war so ein Schock, dass wir anhalten mussten.“ Wenn er solche Anekdoten erzählt, kann man immer noch das Unverständnis, den verletzten Stolz und den Trotz bei ihm spüren. Auch wenn er heute schnell sein entspanntes Lächeln wiederfindet.

Dass Cyril zu DJ Deep und zu einem der bekanntesten französischen House-DJs wurde, war purer Zufall. ”Ich war nie daran interessiert, ein DJ zu werden. Ich habe leidenschaftlich Platten gesammelt, das war alles“, erzählt Cyril. ”Als ich Laurent Garnier kennen lernte, war er schon ziemlich bekannt und kurz darauf wurde er ein richtiger Star – vor allem in England. Laurent brauchte also jemanden, der für ihn einsprang, wenn er nicht in Paris war, und da fragte er mich. Ich glaube, ihm gefiel, wie intensiv ich mich mit der Musik auseinander setzte, wie sehr sie mein Leben ausfüllte. Ich war damals noch sehr jung und konnte überhaupt nicht auflegen. Er machte sich immer über mich lustig, weil ich Platten nicht mixte. Ich bewunderte seine technischen Fähigkeiten, aber mir war der Mix damals vollkommen egal. Ich lernte allerdings sehr schnell, wie wichtig die richtige Technik ist, um die Leute im Club auf eine Reise mitzunehmen.“ Als Laurent Garnier Cyril Mitte der Neunziger schließlich als Warm-Up-DJ für dessen ”Wake Up!“-Partys im Pariser Rex Club engagierte, war er sozusagen im Himmel angekommen, denn so bekam er die Chance mit einigen seiner größten Helden aufzulegen: Derrick May, Lil Louis, Chez Damier, Ron Trent, alle waren sie da. Jede Nacht eine Lektion der puren Lehre, in schwitzigem Funk und rohem Soul.

Ich hab’ noch eine Maxi in Paris
Mit strahlenden Augen erzählt er, wie Lil Louis mit sechs Plattenkoffern nach Paris gekommen war, mit denen er wahrscheinlich drei Tage am Stück hätte spielen können, und mit seiner Nachhilfestunde in (afroamerikanischer) Musikgeschichte, die er den französischen Ravern verpasste, erst einmal den Dancefloor leerfegte. ”Alles ist heutzutage so professionalisiert und durchfunktionalisiert. Platten sind sauber und druckvoll produziert, DJs sind technisch perfekt, alles ist formalisiert. Ich hätte nichts dagegen, wenn plötzlich ein neuer Derrick May auftauchen würde, und plötzlich ist wieder alles wild und durcheinander, roh, aber leidenschaftlich und neu“, sagt Cyrill und fügt gleich darauf an, dass er nicht klingen möchte wie ein alter kulturpessimistischer Rock-Veteran. Von der Leier, dass früher alles besser war, bekommt auch er Kopfschmerzen. Er weiß auch, dass man die Unbekümmertheit und Naivität der Ära, in der alles neu und aufregend war und Produzenten nicht einmal wussten, ob es ein Publikum für ihre Musik geben würde, nicht wiederbeleben kann. Aber trotzdem mahnt er, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. ”Wir brauchen neue Herausforderungen. Die Technologie ist so weit fortgeschritten, so auf den Benutzer und den Zweck zugeschnitten, dass die eigene Kreativität nicht mehr herausgefordert wird. Alles ist schon angerichtet und vorgekaut, die einzige Herausforderung, die es noch gibt, ist die einzelnen Teile zusammenzusetzen. Die Leidenschaft geht verloren.”
Um die oben erwähnten ”City to City“-Compilations zu realisieren, wurde seine Leidensfähigkeit und sein Idealismus immer wieder auf neue Proben gestellt. Denn nicht alle alten Helden teilten sein Sendungsbewusstsein. Wenn er über den langwierigen Prozess des Aufstöberns, Lizenzierens und Masterns der Hits seiner Jugend spricht, wirkt er zum ersten Mal müde. ”Es dauerte alles sehr lange. Viele von den Produzenten von damals haben ein wenig den Bezug zur Business-Realität von heute verloren und haben erst mal astronomische Vorschüsse verlangt. Die konnten gar nicht nachvollziehen, warum ich die Track überhaupt wieder auf Platten pressen lassen will, wenn ich sicher sein kann, dass ich damit kein Geld verdienen würde. Eine Menge Überzeugungsarbeit musste also geleistet werden. Und ehrlich gesagt hat mich der ganze Aufwand wirklich ausgebrannt. Es ist desillusionierend, wenn man das Gefühl hat, selbst bei den Künstlern nur auf Widerstand zu stoßen. Ich werde mit Sicherheit nicht ewig Platten wiederveröffentlichen, die mir etwas bedeuten, seit dem ich achtzehn bin. Das ist mir klar geworden.“ Für einen Moment geht ihm der Elan, die Überzeugung, das Richtige zu tun, in einem Anflug von Erschöpfung und Frustration verloren. Aber als es kurz darauf um die nächsten Releases seiner beiden Label geht, leuchten seine Augen schon wieder. ”Ich habe da noch einen ganzen Haufen nie veröffentlichter Mixe von Mike-Dunn-Klassikern: ‘God Made Me Funky’, ‘Let There Be House’, ‘Magic Feet’. Und noch ein paar andere Sachen. Die müssen raus. Wenn es nach mir ginge, würde das alles viel schneller gehen.“

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Elektronische Lebensaspekte.