Dj Funk wurde mit 6 entjungfert. Seitdem pumpte er den Sex durch Chicagoes Dance Music und verpasste dem Label Dance Mania den unverwechselbaren Hüftstoß-Crunch. Nach einer langen Ruhepause haben die frnzösischen Mega-Hipster von Ed Banger den allein erziehenden Vater zu einem Comeback überredet. Genau rechtzeitig.
Text: Alexandra Droener aus De:Bug 107

Legende

Zu viel booty in der Büx?
DJ Funk

Für DJ Funk kann es gar nicht genug Ärsche geben, die sich ihm bei seinen DJ-Sets wie die Hinterteile von rolligen Katzen entgegenstrecken.
Dünn, drahtig und völlig unberührt von szenekompatiblen Modetrends steht er in dem Berliner Club, in dem er nur ein paar Stunden später vom DJ Pult aus Sex mit dem gesamten verschwitzten Publikum haben wird. So zumindest werden sich Gäste auf dem Heimweg fühlen: endlich mal wieder so richtig durchgebumst.

Charles Chambers aka DJ Funk gehört zur späten, zweiten Generation Chicagoer House-Legenden.
Was Frankie Knuckles Ende der 70er auf den Weg bringen konnte, hatte sich Anfang der 90er international gemütlich gemacht, die House Acts aus Chi-Town waren die erklärten Lieblinge der Dance-Music-Bewegung, ganze Rudel von DJs kauften blind, was immer auf den führenden House- und Acid-House-Labels wie DJ International, Trax oder Dance Mania von ihren Idolen Lil’ Louis, Farley Jackmaster Funk, Adonis, Steve Silk Hurley und vielen mehr auf Vinyl gepresst wurde. Während sich zur gleichen Zeit in Detroit utopieverliebte, zornige Afroamerikaner zur technorevolutionären Untergrundwehr zusammenschlossen, dachte sich ein junger DJ in Chicago, dass es wohl besser wäre, seine eigenen Tracks von Tape auf Platte zu bringen, um endlich seinen nervigen Fans in den Clubs genüge zu tun. Schließlich tobte jedes Mal die Tanzfläche, wenn er seine garantiert Pianolauf-freien und außergewöhnlich schnellen Eigenkreationen ins Tapedeck schob. Toll, was ist das?
Das, meine Lieben, ist Ghetto Music. Und weil wir in Chicago sind, wo alles “da unten im Haus” gespielt wird, nennen wir es Booty House.

Wie ist der kleine Charles Chambers aufgewachsen, wo bist du geboren?

Wo ich geboren wurde? In Chicago, Illinois natürlich. Aber eigentlich bin ich in ganz Amerika großgeworden – wir zogen von Chicago nach Kalifornien, dann nach Michigan in die Nähe von Detroit und erst später wieder zurück nach Chicago.

Von welchem Zeitraum sprechen wir hier, zwischen 1 und 16 Jahren? Eine wichtige Zeit also, besonders auch für deine musikalische Entwicklung, oder?

Ja so in etwa. Ich wurde als Jugendlicher von einer Menge unterschiedlicher Kulturen beeinflusst und das hört man auch deutlich in meiner Musik.

Wie sieht dein familiärer Hintergrund aus, hast du Geschwister?

Nein, ich bin ein typisches Einzelkind. Meine Großmutter und meine Tante haben mich großgezogen. Ich hatte sehr viel Zeit für mich selbst, und das ist eigentlich der Hauptgrund, wieso ich DJ geworden bin. Das war alles so neu und spannend. Ich habe ständig vorm Radio gehangen und WBMX gehört, vor allem Farley Jackmaster Funk – da habe ich meinen Namen her, Funk – du weißt schon. Ich wollte unbedingt der nächste Funk sein! Er hat mich wirklich beeinflusst wie kein anderer. Am Anfang hatte ich kein Geld, um mir gutes Equipment zu leisten, was habe ich also getan? Ich bin los und habe mir ein 8-Tracks gekauft für 4 Dollar und dann zwei, weil sie so unglaublich billig waren, und hab’ damit aufgelegt. Angeschlossen an die Stereoanlage natürlich, nicht etwa an einen Mixer und dann: doop, doop, doop. Irgendwann hatte ich genug Geld zusammengespart für Platten und Plattenspieler und wurde ein richtiger DJ.

Das wird dir nicht gerade deine Tante oder deine Oma beigebracht haben, was dachten sie darüber?

Die haben mich für verrückt erklärt: “Plattenspieler für 200 Dollar? Was soll das? Wofür? DJ? Was ist das?“ Plattenspieler kosteten eigentlich nur 20, 30 Dollar damals; wieso ich so viel Geld für einen einzigen ausgab, nur weil er einen Pitch hatte, haben die beiden überhaupt nicht verstanden. Sie hielten mich für einen seltsamen Jungen, einfach nur irrsinnig.

Was hast du damals für Musik gehört?

Zu Hause hörten wir R&B, Jazz, Soul und so etwas, aber meine ganz persönliche Wahl war HipHop. Noch vor House. Es war 1982, “Jam On It“ von Newcleus kam raus – “Whicky, whicky, whicky“ – das war’s. Wir waren Breakdancer, wir sind mit einem Stück Pappe oder Linoleum runter in die Stadt und haben getanzt, für Geld, ernsthaft. Ich war ein richtiger Breaker. Es ging alles nur ums Tanzen, Tanzen, Tanzen, bis ich eines Tages dachte: “Mann, der DJ macht mich so glücklich. Ich will das auch machen!“

Funk sitzt in ein riesiges Sofa gekuschelt und baut um sich herum die Utensilien für eine erfolgreiche Nacht auf: Vodka, pur aus der Flasche, und diverses Rauchwerk. Die Fragen nach seiner Familie scheinen ihm unangenehm zu sein, Einsamkeit und die Verwirrung eines verlassenen Kindes spiegeln sich auf seinem Gesicht wieder. Erst der Gedanke an seinen besten Freund päppelt ihn wieder auf, hallo Musik!
Es fällt nicht schwer, sich Funks Jugend als gelebte Wild-Style-Doku vorzustellen, obwohl um die 40, nimmt man ihm den Erwachsenen schwerlich ab. Er redet viel, gerne und schnell, hüpft von Thema zu Thema wie ein Zicklein auf der Wiese, ohne jemals den Hauptgrund unseres Interviews aus den Augen zu verlieren: DJ Funk.
Seine persönlichen Anliegen, seine Nachrichten an die Welt pulsieren in jedem seiner Sätze und der Subtext knufft dir ständig in die Seite. Schwierige Fragen brauchen nicht gestellt zu werden, Funk erledigt das ganz gut selbst.

Ich lasse mich gerne beeinflussen, immer. Auch wenn ich nach Europa komme, ich sauge alles auf, was ich höre, will alles wissen. Du gibst mir eine Idee, eine Anregung und ich setze es um. Klar, viele Ideen hast du auch allein mit dir selbst, aber die besten sind die spontanen Eingebungen, die du hast, wenn du mit Leuten redest, Begeisterung für Musik austauschst: “Wow!“ dies, “Wow“ das und Bang! mach ich einen Song daraus. Wenn ich dir nachher meine neue CD gebe, wirst du merken, dass sich mein Stil weiterentwickelt hat. Jedes Genre sollte sich weiterentwickeln, sonst kann es nicht überleben. Im ersten Moment denkst du vielleicht, dass die Tracks genauso klingen wie meine alten Stücke, aber höre genau hin: Der Sound hat sich entwickelt, die Produktion ist einfach neu. Ich finde auch, ein Künstler sollte nur dann etwas herausbringen, wenn es auch tatsächlich gut genug ist. Nicht nur deshalb, weil er zufällig einen Plattendeal hat. Nur weil es gerade möglich ist, solltest du es nicht unbedingt tun, das ruiniert nur deinen guten Namen. Ich habe deswegen sehr lange nichts veröffentlicht. Aber jetzt habe ich wieder Material, das es Wert ist gehört zu werden. Den meisten DJs ist es egal, sie bringen jeden Scheiß raus und verlieren dabei ihre Qualität. Wenn das passiert, musst du hart an dir arbeiten und versuchen wieder neu zu starten und nicht einfach immer so weiterzumachen. Das geht auch den ganz Großen so, und warum? Weil sie all das nur noch fürs Geld tun. I do it for the LOVE!

Funk ist ein lustiger Mann und muss laut lachen über sein eigenes Pathos, kichernd stellt er richtig: “Und für Sex und dann fürs Geld, aber erst aus Liebe.”

Die Nacht schreitet fort, Funks Aufmerksamkeit nimmt ebenso ab wie der Pegel des Vodkas in der Flasche auf dem Tisch vor ihm: “Nein danke, kein Eis, bitte.”

Welche Rolle spielt Chicago für dich, inwiefern hat die Stadt deine Musik beeinflusst, wie viel Einfluss hast du an Chicago zurückgegeben?

Die Frage tanzt zick-zack über Funks Stirn und es dauert etwas, bis ein großes “Jede Menge!” in den Raum geschmettert wird, nur um gleich wieder weg von Chicago hin zum globalen Tausendsassa abgelenkt zu werden:

Aus Chicago und Detroit habe ich mir vor allem Dance Music angehört, aus New York und LA eher HipHop, aber für mich ist einfach alles wichtig. Es gab da diesen DJ, Clint. Clint X. Ich bin so wie er, nur in neuer, aber trotzdem so wie er. Er hat damals damit angefangen, all diese europäischen Techno-Platten zu spielen, die kein anderer Chicagoer DJ angefasst hätte …

Europäische Techno-Platten? Was genau meinst du damit? Welche waren das? Wann? Englischer Bleep Techno? Acid?

Na ja, alles, was hier drüben produziert wird, in Deutschland, Frankreich, London – euer Techno hört sich einfach anders an als unserer. Irgendwie besser. Das war so um ’89 herum. Das hat mich sehr beeinflusst und deswegen ist mein Zeug ein Mix aus Techno, etwas HipHop, etwas R&B und so weiter geworden. Es war nicht ausschließlich UK Acid oder so, es waren eben Songs, technologische Musik, du weißt schon. Synthesizer Songs, Dance Music, ich will das gar keinem bestimmten Genre zuordnen, aber jetzt würden wir eben Techno dazu sagen. Genau das hat Clint X gespielt, ganz im Gegensatz zu den anderen Durchschnitts-DJs in Chicago, die nur Chicago- und New-York-Sound verbreitet haben. Er hat mich dazu gebracht, genauso offen zu sein, seinem Weg nachzueifern und immer daran zu arbeiten, über den Tellerrand zu schauen und keine Grenzen zu haben.

Welches Equipment hast du benutzt, als du angefangen hast zu produzieren?”

Oh, ich muss nachdenken, Moment: Das war eine RZ-1 Casio Drum Machine. Und weißt du was? Ich benutze die Sounds immer noch! Viele DJs benutzen die wieder, im Moment. Die Drum Sounds, die ich davon sample, sind einfach Smack!”, Funk küsst genießerisch die Luft, “gute Sounds! Ich bin mir sicher, dass jeder diesen Sound schon viele Male gehört hat. Du erkennst ihn immer wieder.

Wie hat sich dein Equipment entwickelt? Gehst du immer mit der Zeit?

Das hängt vom Geld ab, klar, als ich das Geld hatte, habe ich mir auch die neusten Maschinen gekauft. Das war früher anders: Ghetto Music ist durch das Fehlen von Equipment entstanden. Wir konnten nur mit dem arbeiten, was wir eben hatten. Ich hatte einen Casio, also nahm ich den Beat vom Casio, genau wie die Kicks und die Snare. Das Ding hatte einen 4-Spur-Sampler mit so geringer Kapazität, dass du gerade nur “Eeek, Eeek, Eeek“ aufnehmen konntest und schon war’s vorbei. Aus irgendwas hast du dann die Bassline gebastelt, eine Stimme von irgendwoher dazugepackt und sonst was. Der nächste hatte vielleicht eine 909 und du gingst rüber und hast eben getauscht. Mein Freund Rick, Houseman, hatte so eine und wir haben uns ständig mal bei ihm, mal bei mir getroffen und unsere Sounds und Maschinen ausgetauscht, uns gegenseitig geholfen und voneinander gelernt. Wir haben unsere Tracks auf einem 4-Track aufgenommen – so was wie ein Kassettenrecorder mit einem Pitch – und zu unserem eigenen Vergnügen in den großen Clubs, in denen wir als DJs gebucht waren, gespielt. Die Leute fanden unsere Tracks so phänomenal, dass sie uns überhaupt erst den Anstoß dazu gegeben haben, sie auch auf Vinyl zu pressen.

Und da haben wir es wieder, das große universelle Ghetto-Music-Schema: Wir haben nix, aber wir wollen was. Dieses Prinzip findet in regelmäßigen Abständen irgendwo auf der Welt sein Ventil, sei es in Rio De Janeiro als Baile Funk oder in Angola als Kuduro. Das Nichtvorhandensein von Geld, von Equipment, von Ansehen und Macht steigert den Erfindungsreichtum und die Energie der Ghettoistas ins Unermessliche. Musik aus Dreck mit dem Potential, einen ganzen Club voller Berliner Szenegängern aus den Socken zu hauen. Sollen die anderen doch mit Celine Dion absaufen.

Was denkst du, wenn du heutzutage die ganzen großen HipHop Acts mit ihren MPC-Produktionen hörst?

Ha, pffff, das ist so einfach geworden! Verglichen mit damals ist die Technik heute so phänomenal. Du kannst dich aber auch schnell darin verlieren, es gibt so viel von allem, du kannst so viel machen. Inzwischen habe ich sowohl das modernste Equipment wie Pro Tools, Macs, MPC 4000 usw. als auch jede Menge originales, analoges Zeug, 909s, 303s, Junos, Rolands und all das und immer wieder den Casio, um meinen Sound echt zu machen. Irgendwie klingt der neue Sound nicht richtig. Wie Plastik.

Du meinst, dir fehlt das Dreckige, die Ghetto-Qualität?

Ja, genau. Ja, ja, ja, ich mag Dreck, ich mag es schmutzig.
Weißt du, es war so verdammt schwierig, die neue Technik alt klingen zu lassen! Ich habe tausende und abertausende von Dollars für ProTools und all das Zeug ausgegeben und es will einfach nicht richtig klingen, also muss ich es quasi verhunzen und whoa, dann funktioniert es wieder. Ich benutze ProTools nur noch zum Mixen, nicht zum Produzieren, dafür lieber den MPC, den kann ich wenigstens richtig anfassen. Aber trotzdem: Ich habe mit all der neuen Technik immer wieder nur zu mir selbst gefunden. Ich könnte ein ganzes Orchester nachbauen in meinem Studio, und was mache ich? Ghetto. Ich mache immer noch Ghetto Music. Ganz einfach, das ist mein Weg. Seltsam eigentlich.

Weißt du, warum du gerade Ghetto für dich vereinnahmt hast? Du hättest doch zum Beispiel genauso gut Pop- oder Deephouse-Produzent werden können?

Das bin eben ich. So bin ich und so ist auch meine Musik. Ich hatte öfter Angebote für lukrative Verträge, gerade auch von Plattenfirmen in Europa, aber ich habe sie nie angenommen. Irgendwie fühlte sich das nie richtig an. Ich muss weiterführen, was ich angefangen habe. Ich will nicht auf irgendeinen Zug aufspringen und Pop machen oder sonst was. Wenn ich Pop machen würde, wäre das Ghetto Pop, wenn ich einen Remix machen soll, ist es ein Ghetto Remix, so sieht’s aus. Ich glaube, meine Entscheidungen waren richtig, schließlich bin ich immer noch hier, nach über 10 Jahren, still in the game, auch international. Ich habe keinen “anständigen” Job, kein 9 to 5, ich hatte eigentlich nie einen normalen Job, irgendwas muss ich also richtig machen.

Bezeichnest du deine Karriere nicht als Arbeit?

Ich finde nicht, dass das ein richtiger Job ist! Leuten Freude bringen, Spaß haben, trinken, rauchen …? Ich liebe das, ich liebe es. Ich bin sehr glücklich damit.

Wie hast Du Ray Barney von Dance Mania Records kennen gelernt?

Jeder kennt Ray, überall auf der Welt, witzig! Okay, ich habe ihn getroffen – Moment – das war so: Ich wollte endlich eine Platte herausbringen und bin zu DJ International gegangen, um meine Sachen dort vorzustellen: “Hört euch das mal an, was meint ihr dazu?“, und die haben einfach nur mit “Fick dich, das wollen wir nicht“ reagiert und ich dachte mir, warum sollte auch irgendjemand Geld in dich investieren wollen, du könntest doch genauso gut ein paar Tausend Dollar zusammensparen und deine Platte selbst rausbringen. Also habe ich gearbeitet, Sachen verkauft und alles Mögliche gemacht, bis ich das Geld für meine erste Platte zusammen hatte.

Welche war das?

Shit, ich hab’ den Namen vergessen. Da waren 6 oder 7 Tracks darauf, einer war “Work that Big Booty”, ich habe aber glaube ich 2 oder 3 Work-That-Big-Booties gemacht inzwischen. Ich habe tatsächlich von diesem ersten Track bis heute zur neuen CD meinen Sound beibehalten, gleiche Formel, gleiche Bauart. Funk Records. Auf jeden Fall bin ich mit dieser ersten Platte losgegangen und hab sie in jedem Plattenladen, jeder Radiostation vorbeigebracht. Manchmal habe ich sie verkauft und Geld dafür bekommen, manchmal einfach verschenkt, Werbegeschenke, Investitionen in mich selbst. Und seitdem bin ich arbeitslos.

Funks Running Gag ist also seine gefühlte Arbeitslosigkeit, die sich näher betrachtet nicht ganz so faul und beinebaumelig ausnimmt, wie die Legende uns glauben machen will. Funk ist über die Maßen stolz darauf, dass er es außerhalb des für Afroamerikaner seiner Herkunft üblichen Werdegangs immerhin geschafft hat, so erfolgreich zu sein, dass er Herr über seine Entscheidungen und seinen Lebensweg bleibt, anstatt in einem grauen Hinterzimmer beim US Postal Service Briefe zu sortieren, im Knast zu sitzen oder sonstwie seine Unabhängigkeit drangeben zu müssen.
Inwiefern er diese persönliche Freiheit doch zugunsten einer Karriere vergleichbar mit der von Puff Daddy oder ähnlichen Major Bling-Blings aufgegeben hätte, lässt sich nur mutmaßen; Funk sagt, er hätte können, aber nicht wollen, und wir vertrauen ihm.

Wie war das denn jetzt mit Ray?

Genau dabei habe ich ihn getroffen, ich bin zu Barney’s One Stop Records gegangen, um seinem Bruder ein paar Platten zu verkaufen, als Ray mich zur Seite nahm und mich mit Angeboten lockte: “Hey, wie viele Platten verkaufst du auf diesem Weg? Vielleicht 1000? Ich verkaufe 10 oder 20.000 davon UND ich bezahle dich dafür – im Voraus!” Aah, es war herrlich … er kam also zu mir. Er kam zu mir und hat mich darum gebeten, eine Platte für Dance Mania zu machen. Und du weißt, was ich ihm geantwortet habe. Ich machte also ein paar Platten für ihn und fing gleichzeitig an, umsonst beim Label zu arbeiten. Ich wollte lernen, wie ein Vertrieb funktioniert, wie man Platten richtig herausbringt, um das für meine eigene winzige Firma zu nutzen. Dadurch unterschied ich mich von vielen anderen Dance Mania Acts oder überhaupt anderen Künstlern in Chicago, die meisten hatten keine Ahnung vom Business und das rächt sich jetzt bei ihnen. Ich hingegen konnte es mir leisten, in den letzten 5 Jahren fast nichts herauszubringen, außer der “Justice“ und vielleicht einem anderen Track. Ich entwickele mich immer noch weiter, spiele fast jede Woche in irgendeinem Club irgendwo auf der Welt und komme gut zurecht.

Gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Dance Mania Artists oder wart ihr eher eine zufällige Ansammlung von Egoshootern?

Beides. Viele von den Jungs fingen an, auf mich eifersüchtig zu werden, einfach weil ich DJ FUNK bin. Sie wollten, dass ich ihnen Bookings in Europa besorge, aber wie sollte ich das tun? Ich konnte ihnen nur sagen, dass sie hart arbeiten und gute Platten machen müssen, dann ruft Europa von selbst bei ihnen an. Manche versuchten mich zu kopieren, ich nenne keine Namen, du weißt schon … aber ich habe mich nicht ablenken lassen, habe mich konzentriert und bin mir treu geblieben.
Im Moment arbeite ich daran, die Community wieder aufzubauen. Im Oktober oder November wird es einen neuen Dance Mania Release geben. Von mir. Mein Comeback. Außerdem kooperiere ich mit DJ Assault, einem Jungen namens DJ Fee, DJ Slug-O, Jam & Joe, Waxmaster und einigen anderen, ich versuche das Team wieder aufzubauen. Vor ein paar Jahren war ich einfach ausgelaugt. Ich hatte all diese Booty House Anthems für Dance Mania produziert und irgendwann ging es nicht mehr weiter, man kann eben nur so und so viel machen, bis einem die Ideen und die Kraft ausgehen. Ja, ich habe Geld verdient und welches investiert, aber ich war ausgebrannt, ich konnte nicht mehr. Ich habe die meisten Hits produziert, habe am meisten aufgelegt und war einfach nur noch müde. Ich brauchte diese Pause dringend, um mich auf mein Studio zu konzentrieren, zu lernen, ein bisschen in Immobilien zu machen, auszuruhen. Es war meine eigene Entscheidung mich zurückzuziehen. Aber jetzt bin ich wieder bereit zu kämpfen!

Hier und da hört man, du hättest Dance Mania gekauft, stimmt das?

Gekauft habe ich das Label nicht, es gehört immer noch Ray, aber wir sind cool miteinander und er ist froh, dass ich Dance Mania manage und am Leben erhalte, was sonst niemand tun würde. Ich habe viel darüber nachgedacht in den letzten Jahren und irgendwann habe ich mich gefragt, wer eigentlich der nächste Funk sein wird. Wer wird Lil’ Funk? Und die Antwort ist: Niemand! Natürlich gibt es ein paar talentierte junge DJs im Radio in Chicago. Sie spielen kein House, schon eher Ghetto, aber doch zu nahe am HipHop, sie unterstützen nicht mehr die Künstler, die den Weg für sie geebnet haben. Ich schicke ihnen meine Platten, aber sie spielen sie nicht.

Warum nicht? Weil sie dich nicht mehr kennen?

Nein, nein, meine alten Platten spielen sie ja. Ich höre ständig meine alten Sachen im Radio, hoch und runter, aber sie meinen, die neuen Produktionen seien zu “Techno” für sie! Fuck, wie soll ich zu Techno klingen? Da ist zum Beispiel dieser eine Typ, sehr bekannt im Chicagoer Radio, und er kommt in mein Studio, um mir zu sagen, dass meine Tracks zu europäisch klingen! Was für ein Quatsch. Ich habe das gleiche Keyboard wie früher, jetzt einen MPC 4000, damals einen 3000 – der gleiche Scheiß, und der Typ meint, ich wäre zu Techno. Der produziert noch nicht mal selbst, wie soll der mich kritisieren können? Spiel’s doch einfach für die Leute, sage ich ihm, lass sie selbst entscheiden, du wirst schon sehen, aber nein, er rührt meine Tracks nicht an. Dann bring ich meine Alben eben Underground raus, dann spielt er sie eh irgendwann, ist immer so. Diese Leute sind Neider und Hasser, die haben Angst vor mir, diese Bitches, ich meine das ernst!

Es wird Zeit, das Thema zu wechseln, Hass und Neid haben viele Seiten und es war noch nie sonderlich charmant, einem Künstler dabei zuzuhören, wie er den Karren mit Schwung vor die Wand setzt, vor allem wenn er kurz vor einem gerechtfertigten Comeback steht. Denn wir haben ihn wirklich nötig, den alten Booty-House-Knochen aus Chicago. Wer “Maximal statt Minimal“ auf seiner Teetasse stehen hat, kann sich bei Funk getrost die passende Ration Kandis abholen.
Bevor DJ Funk also sein eigenes Credo der Offenheit und Eigenständigkeit ad absurdum führt, kehren wir lieber wieder zum Epizentrum seines Schaffens zurück:

Apropos Bitches: Wann hast du eigentlich deine Unschuld verloren?

Und richtig, der Mann lächelt wieder, Entspannung kehrt ein, die Augen funkeln:

Ernsthaft? Willst du das wirklich wissen? Das hat mich noch nie jemand gefragt. Du würdest es auch nicht glauben, wenn ich es dir erzählen würde.

Ich würde das aber wirklich gerne wissen. Du kannst nicht die ganze Zeit Tracks über Titten und Ärsche machen, wenn du nicht was zu erzählen hättest, oder?

Ich war 6 Jahre alt. Habe mit einer 12-Jährigen gevögelt. Jawohl, deshalb meine Neigung zum Sexuellen, vor allem in meiner Musik. Ich bin ein Sex-Mann. Deshalb können mich die meisten Jungs auch nicht kopieren, weil ich Orgien feiere und sie nicht. Sie behaupten es zwar, aber du kannst es hören, sie lügen. Gib mir 2 oder 3 Mädels, wir betrinken uns zusammen und dann, du weißt schon: Party! Ich habe total rumgemacht, ich hatte sie alle und sehr viel Spaß. Und ich war noch nicht mal die treibende Kraft, nein, es waren immer die Frauen, all diese älteren Frauen! “Ey, du bist süß, komm mal rüber …“ Ja, ich wurde verführt, ich wurde ständig von Frauen verführt, ernsthaft, und zwar als ich richtig jung war. Die Mädels waren 12, 13, 14 und ich zwischen 6 und 8 oder so und es hat mir gefallen. Ich war 6 und das ist genau passiert: Ich lebte damals in den Housing Projects in Chicago in Cabrini Green und eines Tages hatte ich die Schule geschwänzt und lief im Hausflur rum, als dieses 12-jährige Mädchen mich an der Hand nahm und in eine Besenkammer zog, da waren auf manchen Fluren diese Kammern, wo der Hausmeister sein Zeug aufbewahrt hat, und die standen offen. Sie hat meinen Schwanz rausgeholt und daran gelutscht und er wurde tatsächlich hart.
Sie sagte mir, wo ich ihn reinstecken soll, aber ich konnte nicht, ich wusste gar nicht, was sie meint, bis sie das selbst erledigt hat. Frauen haben aus mir einen Perversen gemacht.

Würdest du dich wirklich als Perversen bezeichnen?

Na ja, ich hatte zumindest jede Menge Sex. Jetzt allerdings nicht mehr so viel, ich bin eben älter geworden, ich habe 5 Kinder, weißt du? Und vielleicht werde ich noch mehr haben, bevor ich abtrete.

Natürlich sind die Kinder von 3 verschiedenen Müttern, was nicht unbedingt mit Funks omnipotentem Samenspenden zu tun haben muss, sondern ein weiteres Stereotyp afroamerikanischer Wirklichkeit im modernen Amerika bedient. Es geht nicht nur um die Schranken zwischen Schwarz und Weiß, es geht vielfach um die wachsenden Barrieren und verschobenen Wertevorstellungen zwischen afroamerikanischen Männern und Frauen, und während Bush-Amerika die heile, wohl überwachte Familienidylle predigt, werden Legionen junger Amerikaner in Housing Projects und sonstigen Ghettos von Tanten und Omas großgezogen.
Umso mehr erstaunt Funks nächstes Bekenntnis:

Ich habe sogar Zwillinge, zwei kleine gleiche Funks, oh Gott, und sie leben alle bei mir, ich bin allein erziehender Vater. Ich sorge für meine Kinder. Du findest das seltsam, oder? Mein einer Sohn ist 14 und schon größer als ich.

Spielt er Basketball?

Nein, leider nicht, ich versuche, ihn dazu zu bekommen, aber er ist lieber Künstler. Er macht Filme und Cartoons am Computer.
Mein anderer Sohn ist Sänger, nur meine älteste Tochter fällt aus dem Rahmen, sie bekommt nur gute Noten – aus irgendeinem Grund ist sie total intelligent und sie kümmert sich ums Haus und um Ihren Dad.
Ich war 8 Jahre lang verheiratet, bis ich meine Ex-Frau rausgeschmissen habe. Mir war nicht klar, wie eng unsere Partnerschaft war und wie sehr wir miteinander verbunden waren, fast als wären wir die gleiche Person. So nah, dass ein Großteil meiner Blockade als Produzent auf diese Beziehung zurückzuführen ist. Als sie immer unglücklicher wurde, hat sich das sofort auf mich und meine Kreativität übertragen, erst dachte ich noch, pah, egal, ich bin DJ Funk, ich kann immer Musik machen, alle 10 Minuten ein Hit … von wegen, es ging nicht mehr. Ich habe das erst wirklich realisiert, als wir uns getrennt haben und ich plötzlich wieder Tracks machen konnte. Jetzt will ich keine Frau mehr, gib mir einfach eine nette Lady, die ich bezahlen kann …

War Booty House anfänglich eigentlich auch eng verknüpft mit der Strip-Club-Kultur, so wie etwa Dirty South heutzutage?

Nein, eigentlich nicht. Es war ein Phänomen überall im mittleren Westen, es lief einfach kontinuierlich im Radio.

Ärgerst du dich darüber, dass zum Beispiel Rock Musik so viel populärer in den USA ist als Dance Music? Bist du neidisch?

Es gibt keinen Support für Dance Music in Amerika, Punkt. Ich ärgere mich nicht darüber, sondern habe schon früh in meiner Karriere die bewusste Entscheidung getroffen, mich in Richtung Europa zu orientieren. Was ich in Amerika nicht erreichen kann, mache ich eben in Europa. Ich wollte immer nur machen, was ich will und wo ich will, zu meinen eigenen verdammten Bedingungen, und siehe an, es hat funktioniert. Ich will gar keinen Major Deal mit Sony oder sonstwem, ich hätte sie haben können, aber wofür? Ich lebe nach meinen eigenen Regeln. Ich persönlich mag Rock Musik, du kannst aber genauso gut einen Millionen-Seller House Track produzieren, was soll also der Neid.

Gibt es oder gab es in deinen Augen einen Wettbewerb zwischen Detroit und Chicago um die Vorherrschaft auf dem Dance Music Markt?

Am Anfang bestimmt, aber dann haben wir begonnen, uns gegenseitig zu supporten, ich habe viele Detroit-Sachen auf meinen Mix-Tapes benutzt und umgekehrt, es ist schon ein Wettbewerb, aber irgendwie auch nicht. Mit DJ Assault zum Beispiel bin ich inzwischen eine Allianz eingegangen, wir reden fast jeden Tag miteinander, machen Remixe und arbeiten an Tracks. Es gibt nicht mehr viele richtige Booty DJs im Moment, also ist eine Allianz sinnvoll. Unsere Stile sind zwar unterschiedlich, Detroit Booty ist immer eher Elektrotechno, mein Stil ist viel housiger, aber es passt, freundschaftliche Konkurrenz, sozusagen.

Hörst du noch viel HipHop zurzeit?

Ja, wahrscheinlich sogar mehr als Dance Music. Aber mein Favorit im Moment ist eher R&B als HipHop, es ist Justin Timberlake. Hört sich einfach Ghetto an. Klingt wie Ghetto und Techno und ich liebe es. Ist doch egal, dass es Mainstream ist, es ist gut. Das mag zwar nicht Timbalands innovativste Produktion sein, so wie damals mit Missy Elliot, aber es ist eine Dance Platte, es ist Dance Music und dafür liebe ich ihn, weil er Dance Music versteht. Ich habe HipHop immer gehört und respektiert, meine allerersten Produktionen waren HipHop. 2live Crew zum Beispiel habe ich immer geliebt und ein Traum wurde wahr, als ich Shows mit ihnen spielen konnte. Das war nackt und böse, nackte Mädels auf der Bühne, nackte Titten, Sex überall, wundervoll.

Das ist nicht gerade typisch für Amerika, wie konnte das gehen?

Das war eine Underground Party, ein Rave, kein regulärer Club. Aber mir ist das sowieso egal. Ich sage, was ich will, ich mache, was ich will, Kiss my ass! Und ich bin schwarz, also hey – ich lebe, wie ich will, fickt euch!

Gibt es noch weitere Pläne zur Zusammenarbeit mit Ed Banger Records?

Was immer sie wollen! Niemand konnte mich für eine lange Zeit wirklich erreichen, ich hatte genug von all den Managern und Agenten, aber schließlich haben sie mich gefunden und meinten nur: “Hey Funk, was ist mit dir los, lass uns was machen!“ Und sie kamen mir vor wie meine Familie, also habe ich einen Remix für Ed Banger gemacht. Wir werden ein paar Parties zusammen in Amerika machen. Wir haben bereits 2 Parties in Frankreich gemacht und die waren phänomenal, total voll, super Energie …

Ja, wir haben das Video gesehen.

Ach du meine Güte, das hab ich ganz vergessen, das Video. Da war ich ganz schön dicht, peinlich …

Nein, gar nicht, vielmehr das beste Promotion Tool, das man bekommen kann, jeder liebt dieses Video.

Dieses kurze Video von Funks Auftritt bei der letzten großen Ed-Banger-Party in Paris kursiert schon seit einer Weile über YouTube und MySpace im Netz und hat ihm auch das erste Booking in Berlin eingebracht. Fantastische 5 Minuten totaler Energie, Funk ohne Shirt mit dem berühmten DJ-Funk-Tatoo in riesigen Lettern quer über seinem mageren Bauch, wie er mit Fickbewegungen hinter dem DJ Pult herumhüpft und ab und an versucht, den Plattenspieler in die Menge zu werfen. Dazu knattern seine neuen und alten Hits, rasant gemixt mit Tracks von Assault, Godfather oder auch mal den Basement Jaxx in Maschinengewehrgeschwindigkeit aus den Boxen.
So ist Funk. Ghetto.

Tja, das sind schlaue Leute bei Ed Banger, Mr Maqs hat mich sehr unterstützt, er hat meine europäischen Bookings wieder angekurbelt und das uneigennützig. Es ist besser, mit jemandem zu arbeiten, dem du vertraust, anstatt mit den Geldhaien von früher. Er bringt mich mit den richtigen Leuten zusammen, Leute, denen die Musik und die Qualität der Party wichtiger ist als das Geld, und das gefällt mir sehr gut. Ich bin klüger und weiser geworden, ich greife nicht mehr nach der schnellen Kohle, ich lebe nach meinen eigenen Gesetzen.

Eine letzte Frage: Hast du dich jemals selbst beim Sex aufgenommen?

Ha, darüber habe ich gerade heute mit einem Freund gesprochen: Nächstes Mal, wenn ich Sex habe, installiere ich ein Mikrophon und recorde alles. Ich will einen neuen Sex-Klassiker produzieren, so wie Lil Louis, aber mit meinen eigenen, authentischen Sounds. Dieser Track ist einfach legendär, phänomenal, es ist Techno, es ist House, es ist alles, jeder kann immer und überall “French Kiss“ spielen, egal in welchem Zusammenhang. Das ist auf jeden Fall einer meiner ultimativen Lieblingshits. Mal sehen, ich habe gerade einen Assault Remix namens “Love The Pussy“ gemacht, vielleicht wird der ja das nächste “French Kiss”.

Gegen ein neuerwachtes “French Kiss“, aufgeputscht mit original Funk-Sexgeräuschen haben wir nichts einzuwenden, wir wünschen ihm also gerne Glück und Manneskraft bei der Ausführung.

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Elektronische Lebensaspekte.