Zur Erinnerung. Final Scratch ist diese funky Software-Hardware-Lösung, bei der man mit (speziellen) Vinyl-Platten auf (ganz normalen) Technics Plattenspielern - die FinalScratch-Macher empfehlen natürlich, da sie jetzt mit Stanton zusammen sind, Stanton Plattenspieler - regulär gerippte MP3s (und Wav.s und andere Formate) spielen kann, so als wär's die heißeste 12" aus dem Plattenladen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 66

Die normale Äußerung bei der ersten Begegnung von einem DJ mit dieser Software ist: “Ich pack‘s nicht”. Oder ähnliches, je nach Mundart. Final Scratch überzeugt nach wie vor jeden, der wegen des Vinyls noch nicht ganz an den digitalen DJ glauben will.

Das Ding, lange Zeit nur für Leute mit extra Laptop-Taschengeld zu haben, weil es auf BeOS, einem längst vergessenen Betriebssystem mit nur ein paar Hardcore-Fans (Apple wollte die nicht unterstützen, weil sie damals noch nicht zu wissen schienen, dass man mit Macs Musik macht), entwickelt und eh nur an ausgesuchte Trendsetter-DJs vergeben wurde, erscheint nun seit September ein wenig heimlich für uns alle, und für relativ bezahlbare 799 Euro. Und, hey, dachte ich, es ist auf Linux! Toll, müssen die ganzen PC-User endlich mal wie wir Mac-User (Mac-Version im März voraussichtlich) auch ein wenig Unixeinmaleins lernen. Und praktisch, denn ich kenne zwar Menschen mit PC-Laptops (auf denen es zur Zeit ausschließlich läuft), aber nur welche, die Linux installiert haben.

Also auf ins Bootlab zu den Nerds, und siehe da, erste Probleme tauchen auf, denn Final Scratch baut zwar auf einer GPL Debian Distribution auf, die ist aber so modifiziert und runtergetuned und will nur auf einem FAT Filesystem installiert werden, dass jeder Gedanke, Final Scratch auf einem Linux-Rechner zu installieren, erst mal vom Tisch ist. Im Bootlab ruft‘s laut: GPL Verletzung! Wo sind die Sourcen! Wir also Windows Partition gemacht auf externer Festplatte, Windows trotzdem nicht installiert (ätsch), darüber Final Scratch mit Bootmanager gekippt, und siehe: es geht gar nix. Warum? Weil die 1.0 Version, die mitausgeliefert wird, nicht ganz soviele Rechner und Graphik-Karten unterstützt. Aber es gibt ja Updates. Im Netz. Nur, das Linux von Final Scratch ist jeder Art von Netzwerkfähigkeit beraubt (Linux ohne Netz!). Man soll es ja auch auf einem Windowsrechner installieren (auf dem das Ganze etwas mehr Plug and Play ist, wenn man die Warnung, dass man von allem, was auf dem Windows ist, vorher ein Backup machen sollte, überliest). Neubooten, sind ja im Bootlab, Updates draufspielen und dann geht’s selbst mit Dell-Laptop und Invida-Graphikkarte. (Ich verschweige euch mal die lustigen Ideen, den Kernel umzuschreiben, Graphiktreiber selbst zu kompilieren, generell nachzusehen, was die da eigentlich gemacht haben mit Debian etc., die uns ein paar heitere Stunden mit vielen hundert Neustarts und Terminalorgien bescherten, wenigstens gab‘s dazu Oblaten und Zigaretten).

Den hübschen, blau-LED leuchtenden Scratchamp verkabeln, das ist der digital-analog Wandler, der die Timecodes auf den FinalScratch Vinyls (man bekommt drei im etwas sehr gabbalastig designten Komplett-Packet) umwandelt in Daten für den Rechner und die Audioinformation zurückschickt an den Lineeingang im Mischpult, geht im Nu, und schon hat man neben den normalen Technics auch noch 2 virtuelle auf dem Lineeingang. Platten und MP3 miteinander Mixen geht dann ganz easy über ein und das selbe geliebte Vinyl-Interface und fällt einem nach einer Weile gar nicht mehr auf.

Und auch die Software ist nach wie vor so denkbar einfach (glücklicherweise auch schnörkellos funktional designt), dass man nicht mal mehr das Handbuch lesen muss, kann zwar nicht viel, aber das Wesentliche, nämlich Platten emulieren, besser als jedes andere System. Unten Plattenkiste mit guter Suchfunktion und ein paar DJ-Set-Presets, oben die beiden Plattenspieler mit Graphikwellenform für die Stelle im Track, an der man grade ist, und eine Gesamttrackübersicht, damit man nicht irgendwann vor dem Ende der Platte steht, was man auf dem Vinyl nämlich nicht mehr sehen kann, da die beiden Vinyl-Seiten nämlich konstante 12 Minuten oder 15 lang sind (33/45). Die Graphik zu den Tracks wird beim Importieren in FinalScratch (von CD oder einfach MP3 via Windows (reboot)) geladen, was Importieren zu einem etwas längeren Prozess macht, als man vom Rippen gewohnt wäre, aber CDs kann man auch so direkt abspielen und wann immer man die Nadel wo aufsetzt auf dem Vinyl, Final Scratch und vor allem man selber wissen innerhalb weniger Zehntelsekunden, wo man ist und ob vielleicht ein Break kommt.

Scratchen und sonstige Dinge, die man mit normalem Vinyl macht, geht und klingt vor allem nahezu so wie immer (es sei denn, man ist irgendein Championscratchweltmeister), den Scratchamp kann man für sein Windows nebenher noch als USB-Soundkarte verwenden und abgesehen mal von ein paar gewöhnungsbedürftigen Dingen wie anderen Dropouts, wenn die Nadel springt (oder man zu heftig rewinded), merkwürdigen Timewarp-Effekten, wenn beim System mal ein Kanal ausfällt (ist ja leider recht gängig in Clubs, abschrauben und Kontakte anlecken hilft aber auch hier) rockt FinalScratch den digitalen Sound, als wär‘s eine Schallplatte. Man kann‘s sogar während des Sets installieren. Wer DJ ist und problemlos digitale Tracks mitauflegen möchte, dem werden die 799 Euro nie leid tun.

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Elektronische Lebensaspekte.