Die Bayern packen die Lederhose aus. Nicht die für Schuhplattler, sondern die mit den Seitenschnürungen für Rocker. DJ Hell probt mit seinem Label International Gigolo Records den Luftgitarrenaufstand. Eine Innovation, die auch Universal spontan begeistert hat.
Text: Sascha Horsley aus De:Bug 63

Wir üben den Ausfallschritt
DJ Hell

Alexander Plaza Hotel, Rosenstraße. Hier ist Berlin ein bisschen wie München. Nicht zuletzt wegen des leicht bayrischen Akzents der netten Angestellten. Le Hell wird vor unserem Interview fotografiert. Er versucht, die bezaubernde Tochter des Fotografen davon zu überzeugen, dass sie mit ihm auf’s Bild kommt. Aber sie widersteht dem Charme des Herren mit der stylishen Sonnenbrille, die wirkt, als hätte sie im vorigen Leben mal einem Cop gehört, und macht lieber Faxen.
Ob er gern eins oder mehrere von der Kleine-Leute-Sorte haben will, will ich wissen. ”Ja, so langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an. Vor Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Da war ich zu egoistisch, hatte keinen Bock auf die väterlichen Kompromisse. Aber jetzt… Maybe buying a Bauernhof soon und dann kann’s langsam losgehen.” Sanftes Lächeln.
Stand dieser Sekunde: Er ist aber “nur” Labelchef von Gigolo Records. Dem Label, das uns die letzten Jahre glauben ließ, dass Boris Becker noch immer aktiver Tennisboy auf dem Court ist und noch kein lüsterner Greis hinterm Mikro. Hell und sein ”starkes Team in München” gaben uns die Musik, die zu unseren Revivalhaarschnitten und allen anderen Pfui-Teufel-80er-Accessoires passten.

Aber jetzt ist gut. Jetzt ist dieses absolut ungeschmäcklerische Jahrzehnt ein zweites Mal durchgestanden und wir schreiben das Jahr des GigoloRocks.

DeBug:
Während deines Telefonats hast du dich gerade ganz schön geärgert. Was ist los?
Hell:
Hmmhhmhm. Man hat mir gerade mitgeteilt, dass man einige unserer Künstler, die auf Promotour in Deutschland sind, in meiner Wohnung in München einquartiert hat. Oh Mann. Ich habe die Wohnung echt nicht so verlassen, dass sie für Fremde zugänglich ist. Außerdem bin ich morgen für einen Tag daheim, da wär’s schon ok gewesen, bisschen Ruhe zu haben… Naja. So ist das als Labelchef und Quasi-Familienoberhaupt.

Debug:
Deine Familie wächst gerade ganz schön – um den gesamten Universal-Stamm?
Hell:
Zum Vertriebsdeal mit Universal musste ich auch schon auf dem Musik und Maschine-Kongress in Berlin Rede und Antwort stehen, auf einem Panel namens ”Rich, Famous and Independent”. Warum wir den Schritt gewagt haben, mit einem Major zu fusionieren. Da galt es aufzuklären, dass wir Gigolo sind und bleiben und dass wir eben lediglich deren Vertriebswege für uns nutzen. Das bedeutet weiß Gott nicht, dass ich jetzt demnächst vor irgendwelchen Entscheidungen bei Tim Renner anrufe und mir für jeden Schritt meinen Segen hole. Im Gegenteil, dem muss ich am wenigsten erklären, da muss man sich einfach mal anschauen, wo er her kommt. Inhaltlich und musikalisch bleiben wir die gleichen. Das ist eben auch generell nicht mehr so, dass man einem Major unterstellen kann, dass es total statisch und büromäßig daher kommt. Klar haben die einen großen Apparat, aber der besteht eben echt aus Menschen, die selber aus der Clubszene kommen. Mit denen kann man einfach gut kommunizieren.

DeBug:
Seltsamerweise hält sich das gegenteilige Vorurteil in Deutschland sehr gut…
Hell:
Ja, ein Indielabel muss zwangsläufig unabhängig bleiben. Es ist eben nicht so wie in England, denn da ist es völlig normal, dass man solche Wege beschreitet. Schau dir MoWax an… kleine Label, die mit großen verbunden sind. Völlig normal. Was wir gemacht haben, ist ein so genannter First Option Deal. Das heißt, wenn wir bei Gigolo so was haben wie z. B. Fischerspooner, dann können Universal das übernehmen, dann kann das eben bei denen über die ganzen Promotion- und Marketingwege gehen.
Die haben immens mehr Power als ich mit meinem Label. Ich habe mittlerweile so starke Acts, die haben so eine Power auch einfach verdient und brauchen sie. Ich will eben gute Videos machen und ihnen weltweite Promotion bieten können. Es geht nicht nur darum, ein paar Maxis rauszubringen und die zu verkaufen. Klares Ziel ist schon immer, die Maschine am laufen zu halten, inhaltlich und musikalisch zu optimieren und unabhängig zu sein. Ich werde da nie den kleinsten Kompromiss machen.

DeBug:
War Universal der Traumpartner?
Hell:
Es gab Angebote von allen, für eine komplette Übernahme, für einen weltweiten Deal…

DeBug:
Fühlt sich gut an, hm?
Hell:
Es ist schon eine Art Bestätigung, aber eben für jahrelange Arbeit. Jedenfalls war es zwischenzeitlich mal so krass, dass die Leute schon nach einem Konzert von Fischerspooner an der Rezeption des Hotels standen und gleich alles wollten. Gesamt Gigolo. Da war es mir dann irgendwann zuviel. Ich wollte dann nur noch mit Universal verhandeln und den für beide Seiten besten Deal rausholen. Das hab ich mit Tim Renner geschafft.

DeBug:
Was hat Universal letztendlich davon?
Hell:
Bei Universal geht es um Marktanteile. Die denken da in anderen Gefügen. Und letztendlich, wenn auch nicht an vorderster Front, dreht es sich um Umsätze und Chartplatzierungen. Und das wird sich in Zukunft zeigen, was es uns beiden bringt. So kann ich auf jeden Fall erstmal planen, die nächsten drei bis fünf Jahre. Studios in München bauen für Künstler. Das Geld fließt ja schon alles zurück ins Label.

DeBug:
Und in ’ne schicke Wohnung…
Autsch! Das war das Stichwort. Er erinnert sich an das Theater daheim und brummt noch ein wenig davon, was er alles hat rumliegen lassen in der Wohnung und wie es da ausschaut.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Die Bayern packen die Lederhose aus. Nicht die für Schuhplattler, sondern die mit den Seitenschnürungen für Rocker. DJ Hell probt mit seinem Label International Gigolo Records den Luftgitarrenaufstand. Eine Innovation, die auch Universal spontan begeistert hat.
Text: sasha horsley aus De:Bug 63

Rock

Wir üben den Ausfallschritt
DJ Hell

Alexander Plaza Hotel, Rosenstraße. Hier ist Berlin ein bisschen wie München. Nicht zuletzt wegen des leicht bayrischen Akzents der netten Angestellten. Le Hell wird vor unserem Interview fotografiert. Er versucht, die bezaubernde Tochter des Fotografen davon zu überzeugen, dass sie mit ihm auf’s Bild kommt. Aber sie widersteht dem Charme des Herren mit der stylishen Sonnenbrille, die wirkt, als hätte sie im vorigen Leben mal einem Cop gehört, und macht lieber Faxen.
Ob er gern eins oder mehrere von der Kleine-Leute-Sorte haben will, will ich wissen. ”Ja, so langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an. Vor Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Da war ich zu egoistisch, hatte keinen Bock auf die väterlichen Kompromisse. Aber jetzt… Maybe buying a Bauernhof soon und dann kann’s langsam losgehen.” Sanftes Lächeln.
Stand dieser Sekunde: Er ist aber “nur” Labelchef von Gigolo Records. Dem Label, das uns die letzten Jahre glauben ließ, dass Boris Becker noch immer aktiver Tennisboy auf dem Court ist und noch kein lüsterner Greis hinterm Mikro. Hell und sein ”starkes Team in München” gaben uns die Musik, die zu unseren Revivalhaarschnitten und allen anderen Pfui-Teufel-80er-Accessoires passten.

Aber jetzt ist gut. Jetzt ist dieses absolut ungeschmäcklerische Jahrzehnt ein zweites Mal durchgestanden und wir schreiben das Jahr des GigoloRocks.

DeBug:
Während deines Telefonats hast du dich gerade ganz schön geärgert. Was ist los?
Hell:
Hmmhhmhm. Man hat mir gerade mitgeteilt, dass man einige unserer Künstler, die auf Promotour in Deutschland sind, in meiner Wohnung in München einquartiert hat. Oh Mann. Ich habe die Wohnung echt nicht so verlassen, dass sie für Fremde zugänglich ist. Außerdem bin ich morgen für einen Tag daheim, da wär’s schon ok gewesen, bisschen Ruhe zu haben… Naja. So ist das als Labelchef und Quasi-Familienoberhaupt.

Debug:
Deine Familie wächst gerade ganz schön – um den gesamten Universal-Stamm?
Hell:
Zum Vertriebsdeal mit Universal musste ich auch schon auf dem Musik und Maschine-Kongress in Berlin Rede und Antwort stehen, auf einem Panel namens ”Rich, Famous and Independent”. Warum wir den Schritt gewagt haben, mit einem Major zu fusionieren. Da galt es aufzuklären, dass wir Gigolo sind und bleiben und dass wir eben lediglich deren Vertriebswege für uns nutzen. Das bedeutet weiß Gott nicht, dass ich jetzt demnächst vor irgendwelchen Entscheidungen bei Tim Renner anrufe und mir für jeden Schritt meinen Segen hole. Im Gegenteil, dem muss ich am wenigsten erklären, da muss man sich einfach mal anschauen, wo er her kommt. Inhaltlich und musikalisch bleiben wir die gleichen. Das ist eben auch generell nicht mehr so, dass man einem Major unterstellen kann, dass es total statisch und büromäßig daher kommt. Klar haben die einen großen Apparat, aber der besteht eben echt aus Menschen, die selber aus der Clubszene kommen. Mit denen kann man einfach gut kommunizieren.

DeBug:
Seltsamerweise hält sich das gegenteilige Vorurteil in Deutschland sehr gut…
Hell:
Ja, ein Indielabel muss zwangsläufig unabhängig bleiben. Es ist eben nicht so wie in England, denn da ist es völlig normal, dass man solche Wege beschreitet. Schau dir MoWax an… kleine Label, die mit großen verbunden sind. Völlig normal. Was wir gemacht haben, ist ein so genannter First Option Deal. Das heißt, wenn wir bei Gigolo so was haben wie z. B. Fischerspooner, dann können Universal das übernehmen, dann kann das eben bei denen über die ganzen Promotion- und Marketingwege gehen.
Die haben immens mehr Power als ich mit meinem Label. Ich habe mittlerweile so starke Acts, die haben so eine Power auch einfach verdient und brauchen sie. Ich will eben gute Videos machen und ihnen weltweite Promotion bieten können. Es geht nicht nur darum, ein paar Maxis rauszubringen und die zu verkaufen. Klares Ziel ist schon immer, die Maschine am laufen zu halten, inhaltlich und musikalisch zu optimieren und unabhängig zu sein. Ich werde da nie den kleinsten Kompromiss machen.

DeBug:
War Universal der Traumpartner?
Hell:
Es gab Angebote von allen, für eine komplette Übernahme, für einen weltweiten Deal…

DeBug:
Fühlt sich gut an, hm?
Hell:
Es ist schon eine Art Bestätigung, aber eben für jahrelange Arbeit. Jedenfalls war es zwischenzeitlich mal so krass, dass die Leute schon nach einem Konzert von Fischerspooner an der Rezeption des Hotels standen und gleich alles wollten. Gesamt Gigolo. Da war es mir dann irgendwann zuviel. Ich wollte dann nur noch mit Universal verhandeln und den für beide Seiten besten Deal rausholen. Das hab ich mit Tim Renner geschafft.

DeBug:
Was hat Universal letztendlich davon?
Hell:
Bei Universal geht es um Marktanteile. Die denken da in anderen Gefügen. Und letztendlich, wenn auch nicht an vorderster Front, dreht es sich um Umsätze und Chartplatzierungen. Und das wird sich in Zukunft zeigen, was es uns beiden bringt. So kann ich auf jeden Fall erstmal planen, die nächsten drei bis fünf Jahre. Studios in München bauen für Künstler. Das Geld fließt ja schon alles zurück ins Label.

DeBug:
Und in ’ne schicke Wohnung…
Autsch! Das war das Stichwort. Er erinnert sich an das Theater daheim und brummt noch ein wenig davon, was er alles hat rumliegen lassen in der Wohnung und wie es da ausschaut.

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Elektronische Lebensaspekte.