Gilberto Gil gehört zu den ehemaligen Rebellen der Musica Popular Brasiliero. Jetzt ist er Kultusminister des Landes - und Duzfreund von Marky & XRS, den Gallionsfiguren des brasilianischen Drum and Bass. In keinem anderen Land der Welt ist Drum and Bass so dicke mit den großen Tieren der Politik und gleichzeitig so verwurzelt im Volk. Genug Anlass für ein jubilierendes Album.
Text: Nikolaus aus De:Bug 80

Rocken mit dem Kultusminister
DJ MARKY & XRS

Gleich und gleich gesellt sich gern: Während es bei unserem Kanzler Gerhard Schröder nur für eine Männerfreundschaft mit Klaus Meine, dem Sänger der “Leopardenunterhosenband” (Wiglaf Droste in der TAZ) Scorpions reicht, hat sich Gilberto Gil, einer der einflussreichsten Musiker Brasiliens und seit zwei Jahren “nebenher” Kultusminister des Landes, die cooleren Freunde rausgesucht: eben DJ Marky und XRS, die Gallionsfiguren der brasilianischen Drum&Bass-Szene. Wer wen angesprochen hat, sei mal dahingestellt, Tatsache ist: XRS und Gil lernten sich vor zwei Jahren auf einem Festival in Nord-Brasilien kennen, jammten und beschlossen, mal was zusammen zu produzieren. “Dia de Sol”, das Ergebnis der gemeinsamen Studioarbeit, wird sowohl auf dem Debüt-Album von Marky & XRS als auch auf Gils nächster Platte vertreten sein. Davon hat natürlich jede Seite etwas, lassen sich dadurch doch neue Fan- und Käuferkreise erschließen! Neue Käuferkreise könnten sowohl die Scorpions als auch Schröder gut gebrauchen, auf die berühmt-berüchtigte Pyramide der beiden Gitarristen mit Schröder on top werden wir trotzdem vergeblich warten (wo haben die sich eigentlich kennen gelernt?).

Neben dem Track mit Gil und “LK (feat. Stamina MC)”, dem Sommerhit des Jahres 2002, der damals alles ins Rollen brachte und vor dem man sich nicht mehr retten konnte, gibt es auf dem Mitte März erscheinenden Album “In Rotation” noch weitere hochkarätige Kollaborationen – unter anderem mit MC Cleveland Watkiss, mit dem Marky bestens bekannt ist, legt er doch seit ein paar Jahren als International Resident DJ bei den Movement-Club-Nächten in London auf. Als Cleveland Watkiss nun kürzlich in Brasilien weilte, um mit Patife, dem dritten wichtigen Drum&Bass-Menschen (der auch an der “Brazil ep” auf V Recordings beteiligt war), an dessen Platte zu arbeiten, entlieh XRS ihn kurzer Hand “für ein paar Stunden”. Und so entstand innerhalb eines Tages ein für Drum&Bass-Verhältnisse immer noch unüblicher Track mit fast schon klassisch anmutendem Songaufbau.

6 Tage chillen, 1 Tag arbeiten

Auch Vikter Duplaix aus Philadelphia kam in den Genuss des “One-take-recordings”. Dabei war er doch für eine ganze Woche nach Brasilien gereist. Gearbeitet wurde allerdings nur in der letzten Nacht: “We spent the whole week chilling out and then recorded the vocals in one straight go on the last night.” So eine laxe Zeiteinteilung kann sich natürlich nur leisten, wer ein Studiozauberer ist. Und tatsächlich schwärmt Marky von den Producer-Qualitäten des XRS. Beide sind Autodidakten in ihrem jeweiligen Metier. Was für Marco Silva die Decks waren (und das waren nicht von Anfang an 1210s …), war in Xerxes de Oliveiras Jugend das Herumprobieren an Bandmaschinen und das “Remixen” auf Kassetten. Nachdem sich die beiden in den letzten zwei Jahren gegenseitig Nachhilfe in Sachen DJing und Produzieren gegeben haben, kann man sich bei der für März anstehenden Mini-Tour auf einiges gefasst machen.

Überhaupt scheinen im Studio der beiden Improvisation und Spontaneität
sehr wichtig zu sein. So wurden in den letzten zwei Wochen vor der Fertigstellung des Albums noch mal alle Pläne umgeworfen und zwei komplett neue Tracks geschrieben, um auch ja keine Langeweile aufkommen zu lassen: “Tijuana Frogs”, ein reiner Housetrack und “Terapia”, ein verschleppter, jazziger Track, verweisen ebenso wie “Dia de sol” auf das große musikalische Repertoire, auf dass Marky und XRS zurückgreifen können und das sie nach wie vor deutlich vom ganzen Rest der soulful Drum&Bass-Blase abhebt. Dem gesamten Album kann man die Bossa-, Samba- und “Folklore”-Einflüsse anhören und es verwundert gar nicht, dass Marky neben seinen Auftritten als Drum&Bass-DJ nach wie vor einem alten Hobby frönt, nämlich ganze Non-Drum&Bass-Abende in seiner Heimatstadt zu bestreiten.

Wenn die beiden neben dem ausgedehnten Touren in aller Welt noch Zeit finden, wollen sie noch in diesem Jahr eine weitere Compilation zusammenstellen, und dann ist da auch noch eine DVD geplant. Marky und XRS auf allen Kanälen? So ist das halt, wenn man als DJ seit Jahren seine eigene Sendung auf MTV und dazu noch ca. vier weitere Radiosendungen am Laufen hat. In Bezug auf Drum&Bass scheinen die Uhren im Vergleich mit Europa in Brasilien anders zu laufen: Reine Drum-Raves mit 5000 Leuten sind keine Seltenheit (und das nicht nur in den Metropolen) und auch bei Veranstaltungen mit unterschiedlichen Musikrichtungen ist oft die Drum&Bass-Area diejenige mit den meisten Besuchern. Marky und XRS sind optimistisch, dass Drum&Bass auch in Europa wieder an Bedeutung gewinnen wird. Versprechen können sie es natürlich nicht, aber mit Innerground, dem eigenen Label, tun sie zumindest was dafür: Demnächst soll dort eine 12″ vom Kollegen Calibre veröffentlicht werden.

Aber erst mal wird gefeiert: am 7. März am Flamengo Beach, Rio de Janeiro “just for fun” eine free Party mit Fatboy Slim. Erwartet werden ca. 200.000 Gäste. Underground Superstardom.

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Elektronische Lebensaspekte.