Der Wiener Hyperrealist Peter Helnwein musste zum Malen immer die Rolling Stones auf Anschlag hören. Unser Chef-Layouter Rikus Hillmann reagiert da eher auf Oldskool-Breakbeat-Mix-Tapes. Seine persönliche Fallstudie eines passionierten Mix-Tape-Hörers mit vielen post-pubertären Irrungen.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 84

Die Zeit und der Mix

Es gab Zeiten, da ging ich in Bikerboots raven. Das war in Hamburg 1992. Wir stolperten nach strikt bierseligem Punkrock-Amusement ins Unit auf der Reeperbahn, sofern wir nicht von Unteroffizieren in Feinrippunterhemden auf Freigang in der Schlange davon aufgehalten wurden. Dies war die Zeit, in der ich Rave mit seiner kontinuierlichen Dynamik lieben lernte. Die Nacht hatte jetzt Sex und Mittag wurde Makulatur. Und das alles kam nur durch Felix. “Don’t you want me” war das Stück, auf das sich alle Zivildienstleistenden einigen konnten. Es war der Anfang und versprach mehr. Das Mehr haben wir uns dann für 50 Mark beim DJ gekauft, denn der Tag hatte einen Nachmittag und brauchte ebenso sein Futter. Es war unser erstes Mixtape (von Gary D!) und wir teilten uns den Preis durch sechs. Durch mehrmaliges Weiterkopieren zur Dosentelefonqualität degradiert, wurde es dennoch gepflegt, geliebt und gespielt, bis das nächste kam.
Das hieß “Lukas II” und war ein echtes Peaktime-Paradies und ich liebte es sehr, weil ein Track mit Metal-Gitarrensamples drauf war. Erst die Dualität von zwei Tapes machte uns die musikalische Dimension der Musik bewusst. Wir konnten ab jetzt vergleichen; Techno war eben nicht gleich Techno. Es gab Unterschiede: Selection, Sounds, Strukturen, Funk, Flow, Mixtechnik. Wir wurden zu kritischen Konsumenten.

Shitty Chromdioxid
Männliche kritische Konsumenten Anfang zwanzig entwickeln schnell das individuelle Schadensprofil Scheuklappe: Ist was geil, muss es davon mehr geben und das muss man haben. Aktives Ausblenden aktiviert. Mehr über das Mehr zu wissen (so denkt man, ganz klar) verschafft einem über den extremen (subjektiv als sexy betrachteten) Informationsvorteil mehr Selbstbewusstsein. Deswegen gingen wir, ganz klar, mehr Raven und Mixtapes kaufen. Platten kaufen schloss sich noch aus, denn wir hatten alle nur einen riemengetriebenen Plattenspieler und der hatte viel gekostet. Mit der Sicherheit der logischen Spezialisierung durch Ausblenden und somit fokussierter musikalischer Spezialisierung (ja, ja, du Deckshark), dem dabei ganz viel Spaß haben und sich nebenbei saucool finden, schlenderten wir also als Jäger und Sammler auf unseren ersten Exkursionen um 1993 im Heartland des Breakbeat über den Camden Market und kauften Mix-Tapes, was das Zeug hielt: Simon Bassline Smith, Mickey Finn, Jumping Jack Frost, Slipmatt, Fabio. Die Namen versprachen viel, die Tapes hielten nichts. Es waren sicherlich super Mixe drauf, doch hörten wir wenig, denn nur im Ghettoblaster des Verkäufers läuft immer die erste Kopie. Also (wieder-)entdeckten wir die nächste Dimension: die Aufnahmequalität!

“Can’t handle the Randall” oder andersrum.
Natürlich sind wir wieder nach London gefahren. Doch diesmal richtig durch den immanenten Informationsvorteil Ausblenden gerüstet: jagen und sammeln, jetzt zielgerichtet: Denn jetzt warteten zu Hause einige brüllende Mäuler im Nest. Also schleppten wir verlässliche “The EDGE” Drum and Bass Tapes an. Sechser-, Achter-, Zehner-Tape-Combies in einer Videohülle zusammengepfercht. Immer von passabler Soundqualität und klar, full on, wie die GOA-Sau heute sagt. Diese Dinger rocken, haben unglaublichen Flow und bewahren bis heute die Magie der Nacht, die wir nie erlebten, aber in ihrer Präzision immer wollten. Nachdem ich mich allerdings in einem Londoner Happy Hardcore Club an der Tür zum Drogencheck bis auf die Unterhose ausziehen musste, war der originale Inselravetraum irgendwie kaputt. Nach wie vor würde ich dennoch für eins dieser Kenny-Ken-Tapes leicht leiden wollen. Ehrlich. Diese Dinger sind für mich wie die Zeitkarte der Time-Bandits. Die Tapes sind mein Tagebuch, ich höre und weiß, wann ich bin, war und wieder bin. Die Zeit wurde zur Dimension. Die Tapes mit den MCs haben wir übrigens immer sofort weggeworfen.

Kölner-Klüngel-Compilations:
Der Aki wars. Icke, flugs Hamburg den Rücken gekehrt, hatte in Köln eine neue Raveheimat gefunden. Die neue Bezugsgruppe hieß Alice Dee, eine 60%ige Breakbeat Party Posse um Original Aki im Cosmic Orgasm Techno-Breakbeat-Triple R/ Bleed-Dunstkreis. Open-Air-Parties unter der Mühlheimer Brücke, Club-Abende im Blues Club. Als gestandener Junggrafiker verplichtete ich mich zielbewusst selber zur Gestaltung von Flyern von Clubabenden sowie Tapecovern und war dann irgendwie drin. Plus eins als Gästelisten-Standard und Tapes en Masse. Aki als treibende Kraft hatte als hart arbeitender Zeremonienmeister frühzeitig die Merchandise-Dimensionen von Tapes erkannt und verkaufte ehrgeizig und sehr sendungsbewusst 5-10 Einheiten am Abend. Diese Tapes haben mich bis heute geprägt. Denn diese Tapes waren erstmals wirklich eigen. Sie lebten in jeder Hinsicht von dem Geist ihrer Macher, hatten Ecken, Kanten, zu viel Bier, wenig Hits, Experiment, tolle Fehler und waren nicht nur dem Rave verpflichtet, sondern oft nur der Musik. Sie hatten eine Identität und meist einen unbekannten Namen auf dem Cover und der gewann schnell an Bedeutung. Dies war meine neue Dimension: Die Musik-Konserve hatte eine Persönlichkeit, die einen packte und Huckepack nahm ( … und ja, und sie hat mich verdammt weit und lange getragen). Sendungsbewusstsein ist OK!

Grünschnabel-Business and Mixes-To-Go
Irgendwann gab es Mix-CDs. Dann gab es Mixes zum Download. Zuerst haben wir Mix Tapes gekauft, um die Nacht zu konservieren. Dann haben wir Mixes gekauft, um an die Musik zu kommen, die wir nicht kaufen konnten, weil wir keine Ahnung hatten. Als wir Ahnung hatten, haben wir Mixes gekauft, um überrascht zu werden. Und jetzt kaufe/downloade ich Mixe, um coole Mixe zu hören. Zum einen, weil ich nicht mixen kann, zum anderen, weil der individuelle Track immer mit DJ-Persönlichkeit und -Fähigkeit gewinnt und die Selektion der Schnittmengen den Tag für mich nach wie vor zur Nacht macht. Rave On!

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Elektronische Lebensaspekte.