Nun heißt es DJ-Contest anstatt Karaoke. In Vietnam wird gebattled. Da hält sich der Nachwuchs erstmal an CDs und an das, was man kennt. "Bum-bum" ist die Formel zu der auch die in die Jahre gekommene Jury mit dem Kopf wippt. Die kommt aus dem Kulturministerium und versteht viel von Musik. Kein Wunder nach 70 jahren im Business.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 83

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Hüpfen, tanzen, Trance
DJ-Wettbewerb mal anders. Heute: Vietnam

Eine Biermarke sucht den DJ-Nachwuchs-Superstar! House, progressive House oder progressive Trance sollte der spielen und einen fünfzehnminütigen Mix auf CD brennen können. Nach der ersten Auswahl wird er gegen andere Bewerber antreten. Beurteilt wird er vom Publikum und von einer so genannten “Fachjury”. Als Gewinner darf er auf der Abschlussparty das Opening-Set für einen Schon-Star spielen.
So oder ähnlich wiederholen sich die Ankündigungen für DJ-Wettbewerbe in Deutschland. Völlig uninteressant, werden die Leser dieser Zeitschrift sagen. Stimmt. Aber ganz anders ist das, wenn so ein DJ-Nachwuchs in Vietnam gesucht wird.

Nach drei Vorrunden findet das vietnamesische Finale im Saigoner Club Rainforest statt, einem Ort mit zuviel bunten Lichtern, die dorfdiskomäßig herumwirbeln. Dazu donnert übersteuerter Eurotrash-Sound aus einem riesigen Soundsystem durch den kleinen Raum.
Das Publikum ist extrem schick und Anfang zwanzig. Die meisten sind mit den japanischen 8000-Dollar-Mopeds gekommen, die reihenweise vor der Tür geparkt stehen. Die Frauen sind dick geschminkt und tragen Abendkleider oder andere eng anliegende Dinge. Dazu hohe Absatzschuhe. Einige haben braun gefärbte Haare, die in Saigon besonders hip sind. Die Männer sehen dagegen langweilig aus. Sie fallen durch helle Sonnenbrillen und viel Gel in den Haaren auf.
Promotion-Mädchen drängeln sich durch die Menge. Bei einem Rubbelspiel kann man ein T-Shirt oder eine CD mit Musik von Pete Tong, Tiesto und Paul Oakenfold gewinnen. Letzterer war im Vorjahr der ausländische Star-DJ. Dieses Jahr ist es der “DJ No.1 of the world” Tiesto, eine Art niederländischer Paul von Dyk. In den Zeiten des Niedergangs der “Superclubs” scheinen die Mega-DJs jetzt ihre Millionengagen von Biermarken zu bekommen. Mit denen machen sie dann Welttourneen, suchen Super-DJ-Nachwuchs und vermutlich neue, potentielle Superclub-Märkte. Auch in Vietnam.
Die Musik wird leiser und ein Mann in weißem Anzug tritt auf die leere Tanzfläche. Er begrüßt das Publikum und stellt die drei DJs der Endrunde vor. Sie sind aus Hanoi, Saigon und Cantho, einer kleinen Stadt im Mekong-Delta. Alle drei Kandidaten bekommen einen Blumenkorb überreicht. Der gehört in Vietnam zu jeder Art von Veranstaltung. Dann verbeugen sie sich lieb.

Auf die Bühne, junger Freund!
Der erste DJ ist ein Junge im Skater-Look mit nach hinten gedrehter Baseballkappe. Ohne Umwege steigt er in sein Set ein und geht aufs Volle. Bum-bum-bum. Von der Decke rieseln Glitzerschnipsel. Und die Leute, die eben noch am Rand standen und gelangweilt mit ihren Handys spielten, brüllen und tanzen auf einmal, als ob sie das schon Stunden täten. Zeit zum Aufwärmen gibt es hier nicht. Jeder DJ darf eine halbe Stunde spielen. Um Mitternacht ist Schluss. Dann müssen in Saigon alle Clubs schließen.
“Do you like techno”, brüllt der kleine DJ in sein Mikro, “clap your hands in the air.” An den Seiten über der Tanzfläche hängen große Videoschirme, auf denen er zu sehen ist. Er blättert durch seine CD-Sammlung. Platten hat er keine, die gibt es in Vietnam nicht. Höchstens in Bangkok oder Singapore. Das ist teuer. Also arbeiten die meisten DJs mit CDs – keine Originale, sondern vermutlich kostenlose MP3s aus dem Netz. Die vietnamesischen DJs spielen alles, was sie bekommen können. Wählerisch ist das Publikum sowieso nicht. Wichtig ist, dass die Musik laut ist, Bum-Bum macht und in ihr nichts Unerwartetes passiert.
“Party people, are you happy”, schreit der DJ und wird dabei von Scooter unterbrochen, die “come on, here we go” im laufenden Track grölen. Der DJ rockt hinter seinem Pult und ab und zu zieht er den Lautstärkeregler nach unten und bricht die Rave-Signale. Sonst bestehen seine Mix-Künste lediglich darin, den Anfang und das Ende der Stücke ineinander gleiten zu lassen.
Für Herrn Son, den Manager des Clubs, ist das ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der DJs für seinen Club. Das Zweite ist, ob der DJ auch die Musik spielt, die das Publikum hören will.
“Die Leute in Vietnam möchten nur Bekanntes hören, nichts Neues”, sagt Michael Bricker aus Chicago. Seit über zehn Jahren legt er in den Staaten Chicago-House auf. Ein Jahr lang tat er das auch in verschiedenen Clubs in Saigon. Dann gab er auf. “Diese Musik funktioniert hier einfach nicht”, sagt er. “Es macht keinen Spaß, für Leute zu spielen, die meine Musik nicht mögen und lieber Kylie Minogue hören wollen.” Irgendwie sei das auch verständlich. Hier geht man nur für zwei oder drei Stunden in einen Club, da wollen die Leute die Lieder hören, die sie kennen und die sie glücklich machen.

Der Minister in der Jury
In einer abgesperrten Sofaecke neben dem DJ-Pult sitzt die Jury. In Vietnam besteht sie nicht wie in anderen Ländern aus dem Publikum und einer “Fachjury”. Hier kommt eine dritte Kraft dazu: Vertreter des staatlichen Musikerverbandes und des Kulturministeriums.
Alle Stücke wurden vorher von ihnen angehört. Jedes Wort, das gesagt oder gesungen wird, musste vorgelegt und falls nötig übersetzt werden. Nur so bekommt man die nötige Lizenz für eine Veranstaltung. “Großes Interesse an unserer Tour”, nennt die Heineken-Promo-Frau das. Und nun sitzen sie in der Sofaecke: vier alte Männer, abgeschirmt von finster aussehenden Bodyguards in schwarzen Anzügen. Echte Musikkenner seien diese Herren, “Leute, die wissen, wie Musik gemixt wird”, sagt Herr Son.
Zwei von ihnen haben weißes Haar und müssen über siebzig sein. Einer guckt grimmig, nickt zu dem Gewummer aber trotzdem leicht mit dem Kopf. Der andere raucht eine Zigarette mit Mundstück. Neben ihm steht ein kleiner Fernseher, auf dem der DJ aus der Nähe zu sehen ist. Die anderen beiden Männer sind etwas jünger. Typische asiatische Regierungsbeamte in mausgrauen Anzügen und mit dicken Funktionärsbrillen. Sie könnten auch aus China oder Nordkorea sein. Fossilien aus einer anderen Zeit – mitten im globalisierten Saigon. Einer von ihnen ist tief ins Sofa gesunken und blättert gelangweilt in einer Mappe. Darin befinden sich die Beurteilungsbögen. Die habe jedes Jurymitglied, sagt die Promo-Frau. Darauf seien die einzelnen Fähigkeiten, die beurteilt werden, aufgeführt. Welche das genau sind, weiß sie auch nicht. Nach dem Blättern schließt der Mann die Mappe. Alle drei Bögen sind noch unbeschrieben.

Der DJ aus Saigon legt sogar Platten auf. Jubelnd wird er vom Publikum begrüßt. Und auch er lässt die Stücke von vorn bis hinten durchlaufen. Aber eben von Platte und nicht von CD. Treibendes Full-on-Bassgedonner ohne Nuancen.
“Oh, das erinnert mich an unsere Schulfeten”, ruft meine achtzehnjährige Begleitung begeistert. Jetzt müsse sie doch auch tanzen. Und ich muss mit. Auf der Tanzfläche hüpft eine kleine Frau pausenlos um mich herum und fuchtelt mit einem kleinen Leuchtstab unter meiner Nase. Die Leute jubeln und tanzen ausgelassen. In einem Land wie Vietnam, in dem Tanzen als anrüchig gilt und in dem die meisten Jugendlichen abends höchstens zum Karaoke gehen und sonst brav zu Hause sitzen, könnte man diese Edel-Raver fast alternativ nennen, auch wenn ihr Musikgeschmack nichts zulässt, das vom dumpfen Einheits-Bum-Bum abweicht.
“Ich habe da mit der Zeit eine Theorie entwickelt”, sagt Michael aus Chicago. Vietnamesen hätten ihren ganz eigenen Standard für Qualität, findet er. Nur bekannte Sachen seien für sie Qualität. “Mit neuen Dingen können sie nichts anfangen, da es nichts gibt, womit sie die vergleichen können. Also sind sie wertlos und uninteressant.” Das habe vielleicht damit zu tun, dass das Land so lange abgeschieden war, sagt er noch und winkt dabei ab. Egal.
“Emoi”, ruft der DJ den Leuten zu. “Hey, ihr alle.” Das Publikum tobt. Aber zu verrückt darf es in einem vietnamesischen Club nicht werden. Dafür sorgt das Sicherheitspersonal, das sogar über die Tanzfläche läuft und diesen oder jenen ermahnt. Rauchen darf man beim Tanzen nicht, ein Glas in der Hand ist auch verboten.
In jedem Club der Stadt gibt es viel Sicherheitspersonal. Zuviel. Schon am Eingang steht normalerweise eine Gruppe bulliger Typen. Und im Rainforest sind es mehr als ohnehin üblich. “Unser Club ist der sicherste der Stadt”, sagt Herr Son. Es gäbe keine Drogen, keine Raufereien, keine Probleme. Darum habe er die Lizenz für diese Veranstaltung bekommen. Und das zum zweiten Mal.

Pünktlich um viertel vor zwölf ist der dritte DJ fertig. Sicherheitsmänner räumen die Tanzfläche und machen Platz für die Jury. Der ausländische Gast Tiesto gibt den Gewinner bekannt. Es ist der DJ aus Saigon, Hoang Anh. Keine Überraschung, denn er ist Resident im Rainforest und das gehört übrigens SaigonTourist, dem staatlichen Tourismusunternehmen.
Alle drei Finalisten bekommen Blumen. Dann werden Fotos gemacht: mit Tiesto und mit einem der Herren von der Partei. Tiesto nennt den Gewinner “den besten DJ”, den er bisher in Asien gehört habe. Das Publikum ist entzückt. Danach lässt er als Vorgeschmack noch kurz ein paar trancige Flächen durch die Disko schwirren. Fünf vor zwölf ist Schluss.
Und am nächsten Abend wird Vietnam also nach dem Set von Gewinner Hoang Anh zum zweiten Mal einen von einer Biermarke gesponserten Mega-DJ erleben.
Und das ist dann wirklich völlig uninteressant.

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Elektronische Lebensaspekte.