Deichkind, Daft Punk und Kotzeimer
Text: Jan Wehn aus De:Bug 160

DJ Phono ist ein Künstler: ob mit konzeptionellem Avantgardismus in der Hamburger Szene, als Tour-DJ der Techno-Satiriker Deichkind, für die er mittlerweile auch die Bühnenshow erstellt, oder zuletzt als eben jener DJ Phono, der mit “Welcome To Wherever You’re Not” im letzten Jahr ein Album zusammengeschustert hat, das sich zurückhaltend und subtil in unser aller Gehör geschoben hat. Aktuell arbeitet er an einem Projekt, das den sozialen Raum Club neu aufstellt.

Zwei Dinge sagt DJ Phono alias Henning Besser im Interview auffällig häufig: Die Sachen sind “sehr spannend” und werden am besten in einer “konzeptionellen Sichtweise” betrachtet. Das sind generell ja schon mal sehr gute Voraussetzungen für einen, der als 14-jähriger Bengel in Rendsburg zuerst durch Basketball und Gangsterrap sozialisiert wurde. Der Einstieg in Sachen Musik: HipHop. Freestylen? Joar. Sprühen? Auch okay. Aber Henning Besser fummelt lieber an den Plattenspielern rum. Solange, bis 1998 die Vize-Europameisterschaft im Scratchen dabei rumkommt. Sitzt man DJ Phono heute gegenüber – der lommelige Pulli, diese typische Mischung aus Schal und Halstuch, der wuchernde Bart – denkt man als Erstes: Künstlertype.
Mit 20 zieht Phono nach Hamburg. Abseits von mit Kiffqualm zugenebelten HipHop-Jams zieht es ihn immer wieder in den Pudelclub, wo sich im Filterwahnsinn gerade die erste (und einzige) French-House-Welle auftürmt. “Ich habe ja immer auch die HipHop-Samplequellen, also Soul und Funk, gehört”, sagt Phono. “Die Leute aus Paris haben dann ähnliche Platten gesamplet und es gab plötzlich Berührungspunkte. Da habe ich dann angefangen, das Auflegen nicht mehr nur technisch zu sehen und versucht, meine Disco- und Soul-Sachen mit elektronischen Platten zu mixen.” Sein Debütalbum “Lovetorpedo” aus dem Jahr 2001 ist folglich schon ein HipHop-Hybrid der mutigen Sorte.
Fortan arbeitet Phono als Produzent und Mischer, etwa für Egoexpress und Die Goldenen Zitronen. Mit Erobique werkelt er ebenfalls zwei Jahre zusammen: erst an einem leider nie erschienenen Soloalbum, dann an der Platte mit Erobiques Band Salamander Mayer, die ebenfalls nie das Licht der Welt erblickte. Phono ist darüber enttäuscht, ein paar der Stücke hätten dann aber glücklicherweise ihren Weg auf die Alben von International Pony gefunden. Interessant ist ja sowieso, dass dieser Hansestadt-HipHop-Klüngelei ernstzunehmende Künstler wie DJ Koze, Tobi von Moonbootica oder eben DJ Phono entsprungen sind. “Derjenige, der immer schon ein bisschen offen war, konnte auch etwas mit rübernehmen – das ist eine gute Grundlage für das Experimentieren und den Ausbruch. Der Todfeind ist, dass man sich immer selbst wiederholt und seine Muster nur ausarbeitet.”

Raus aus dem Sessel
Das hat Jahre gedauert und ist bei Phono in seiner Platte “Welcome To Wherever You’re Not” gemündet. Schon ein bisschen anders, aber trotzdem nicht so weit draußen, dass es im Club nicht funktionieren würde. Produziert hat Phono das Album mit Jimi Siebels von Egoexpress. “Ich hatte jahrelang den Wunsch, wieder neue Musik zu machen, war aber durch Deichkind und meine Produzentenrollen immer sehr eingespannt.” Der Plan: nicht mehr in der Produzenten- und Künstlerrolle gleichzeitig stecken, sondern wieder in die Künstlerrolle zurückfallen. Auf der MPC produziert Phono erste Skizzen.
“Manchmal hat Jimi auch sehr frei mit den Skizzen gearbeitet und wir haben dann versucht, uns regelmäßig zu treffen, um über die Musik zu sprechen.” Herausgekommen ist dabei ein Album, das tatsächlich nicht konform mit aktuellen Veröffentlichungen geht, aber vielleicht gerade ob seiner Eigensinnigkeit und dem außenstehenden Moment ganz wunderbar tönt. Da drückt es richtig angenehm. Ein bisschen schubst einen das Album auch. Dann fängt es einen aber auch wieder auf, klöppelt kumpelig und lässt vor allem Raum für Ideen und Gedanken.

Welcome To Wherever You’re Not
… war auch das Resultat einer Auszeit. Von der arbeitsintensiven Konzeption der Deichkind-Bühnenshows, die seit gut vier Jahren in Phonos Händen liegt. Aktuell steckt er wieder in den Vorbereitungen, diesmal für die “Bück dich nach oben”-Tour, die in diesem März durch große Hallen führt. In einem Team von vier bis fünf Leuten arbeitet man derzeit in einer 80-Stunden-Woche daran, dass die 22 programmierbaren Bühnenelemente zum Tourstart auch einwandfrei funktionieren.
Überträgt man die künstlerische Arbeit von Phono auf Deichkind, könnte schnell der Eindruck entstehen, er sei das avantgardistische Mastermind, das intellektuelle Korrektiv, das immer wieder versucht, den Überprollismus Deichkinds gerade zu rücken. “Klar, einem Ferris MC brauche ich nicht mit einem konzeptuellen Ansatz kommen. Ich erklär ihm das hier und da schon und das interessiert ihn auch bis zu einem gewissen Grad, aber da wird nicht mitgedacht.” Laut Phono liege aber auch genau darin die Stärke. Dass Deichkind nämlich nicht die Gruppe von Konzeptkünstlern ist. “Ich setze mich dabei eben mit Musikern und Popkünstlern auseinander, die nicht so denken wie ich. Das wirft einen zurück und lässt Spannungen entstehen, mit denen man dann einen Umgang finden muss.”
Deichkind sei immer auch Spiegelfläche. Denn genau wie es bei Phonos Daft-Punk-Performance (die übrigens auf zehn Stück limitiert sein soll) darum geht, aufzuzeigen, dass eigentlich egal ist, wer da vorne die Knöpfchen drückt, ist auch das Deichkind-Kollektiv letzten Endes nur Projektionsfläche, ein leeres Behältnis, eine Bierflasche mit abgeknibbeltem Etikett, ein Kotzeimer, eine Sanduhr, die jeder mit individuellen Erfahrungen und Präsenz füllt und wieder leert. Deichkind untersuchen für Phono die Grenze zwischen Pop- und Hochkultur sowie konzeptioneller Kunst. “Reine Hochkultur ist auch einfach zu theoretisch. Ich mag es, eher instinktiv zu arbeiten und nicht fünf Bücher zu lesen, sich referenzmäßig abzusichern und dann auf dieses und jenes zu verweisen.”

Raumplanung im Club
Gerade arbeitet Phono an einem Projekt, das den sozialen Raum Club untersucht. Die zentralen Fragen: Wie funktioniert ein Raum, in dem Menschen zusammen sind? Warum ist es im Pudelclub so und im Berghain anders? Was muss der soziale Raum Club bereitstellen, damit es ein besonderer Abend wird? Und welchen Anteil hat der DJ daran? “Musik ist auch etwas, womit man den Raum verändern kann. Wenn du ein totales Brett fährst, fühlt sich der Raum weniger offen an, als wenn du Musik spielst, bei der du das Gefühl hast, du kannst auch Teil dieses Raumes sein.” Er plant einen Club, dessen Größe und Höhe individuell anpassbar ist.
Phono zieht in einem ausschweifenden Monolog interessante Parallelen zur Kybernetik: “Das ist wie in der Fliegerei mit dem Strömungsabriss: Wenn das Flugzeug landet und unterhalb einer gewissen Geschwindigkeit kommt, stürzt es letztendlich ab. Wenn du dann im Club in der Früh zu wenig Geschwindigkeit und Energie mit der Musik in den Raum gibst, dann bröckeln noch mal zwei oder drei Leute mehr ab. Und dann gehen irgendwann alle nach Hause.” Geplant ist der Club noch in diesem oder Anfang nächsten Jahres, zumindest temporär, für Hamburg und Berlin.
“Es gibt ja sicher auch Leute, die Musik machen, einfach Auflegen, ihre Gage einsacken und sich verpissen”, überlegt Phono. “Deshalb war ich sehr dankbar, auch mit diesen konzeptuellen Ansätzen sehr viel Spaß zu haben. Ich kann da für mich mehr drin entdecken. Ein Clubauftritt ist dann auch immer eine Untersuchung, die letzten Endes in so einer Arbeit wie dem beweglichen Club mündet.”
Eine Orientierung an bestimmten Künstlern findet in Phonos Arbeiten übrigens nicht statt. “Ich finde eher einzelne Arbeiten gut.” Auf Nachfrage nennt er dann aber doch ein paar Namen. Jeff Koons, mit seinen größenwahnsinnigen Projekten etwa. “Der hat einen Stamm von 100 Mitarbeitern und macht seine Kunstwerke gar nicht mehr selbst. Dieser Factory-Gedanke ist sehr reizvoll und imponiert mir.” Ebenso Anish Capour, dessen Ästhetik und große Projekte Phono schätzt. “Ich bin kein Fan von Malerei. Mir geht es eher um spezielle Bildästhetik und Raumkunst.”
Phono wäre gerne Klavierspieler geworden. Am liebsten Konzertpianist. Seit anderthalb Jahren hat er jetzt wieder Unterricht. “Mein einziges Hobby”, grinst er. Generell achte er aber schon auf Freiräume. “Ich habe mein Leben bis Ende 20 so gelebt, dass ich immer nur im Studio oder unterwegs war. Das Jahr mit der Pause von Deichkind habe ich genutzt, um mich und mein Leben zu sortieren. Einfach mal in die Natur oder den Urlaub fahren – das brauche ich mittlerweile schon.”

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