Wer keine Beats von DJ Premier kennt, hat von HipHop keine Ahnung. So einfach ist das, auch wenn die Charts etwas anderes predigen. Die Bootlegger jedenfalls wissen Bescheid und haben seine Beats schon haufenweise und unlizensiert gepresst. Anlässlich seines in Kürze erscheinenden neuen Albums hat Ekrem Aydin mit dem Meister geplaudert.
Text: Ekrem Aydin aus De:Bug 85

Zerhackt und gescratched

Das Verb “to chop“ aus dem Englischen bedeutet soviel wie “zerhacken“ und genau das ist es, was DJ Premier im HipHop kultiviert hat. Hört man sich die Beats nachrückender Produzenten an, so wird man den Eindruck nicht los, als hätten alle mächtig beim Meister abgeguckt. Aber es ist und bleibt DJ Premiers Signatursound: die meist nur noch schwer auszumachenden Originale, zerhackt in ihre Bestandteile und neu arrangiert, die Hook, die bei seinen Produktionen fast ausnahmslos gescratched ist, und dieser unglaublich funkige Sound, der andere in die Schranken verweist. Auch wenn Premo, wie er hauptsächlich genannt wird, oft kopiert wurde – es ist dieser Funk, Soul, Groove oder gerne auch Spirit seiner Produktionen, der anderen fehlt. Er hat in Sachen HipHop das, was die Szene mit dem “Midas Touch“ umschreibt. Alles, was der gebürtige Texaner, den es Ende der 80er nach Brooklyn zog, berührt, wird zu musikalischem Gold. Zumindest “Ghetto-Gold“. Denn während Timbaland & Co einen Chartstürmer nach dem anderen produzieren, der binnen kürzester Zeit vom nächsten ”Clone” ersetzt werden, sind es immer die Premo-Beats, die in den Kisten der DJs einen Stammplatz haben und sich durch ihre abgewetzten Cover von der restlichen Austauschware gut unterscheiden. Ein Grund, warum Künstler wie Nas, Jay-Z und mehr seit ihren Tagen als unbekannte MCs bis heute die Beats des Meisters zu schätzen wissen.

Im New York der Spätachtziger angekommen, traf Premo auf einen MC mit Namen Guru und zusammen führten sie weiter, was kurz zuvor von Guru mit der Formation “Gang Starr“ ins Leben gerufen wurde. Der Rest ist mehr als 15 Jahre HipHop-Geschichte und darauf legt Premier besonderen Wert. Nie hört er auf zu betonen, wie wichtig es ist, die Wurzeln zu kennen: “Wenn du heute jemanden fragst, was HipHop für ihn sei, so nennt er dir die üblichen drei heißen Namen aus den Charts, doch woher es kommt, wo der Ursprung ist, das weiß keiner.“ Deshalb freut sich Premo auch sehr auf seine sechs DJ-Termine im September, gut verteilt in ganz Deutschland, an denen er zeigen kann, was diese Geschichte für ihn bedeutet. Es wird kein zwanzig minütiges Star-DJ-Set werden, dass wäre ihm, der die Ausdrucksform des DJing so sehr liebt, zu wenig. “Ich habe mich immer bemüht, meinen Beitrag zu leisten. Eine Menge der Leute in unserem Geschäft machen das nicht. Viele gehen den einfachen Weg und kennen nicht die Geschichte, die ihre Karrieren erst möglich gemacht hat. Die Kunstform HipHop und Musik im Allgemeinen ist meine Leidenschaft. Ich mag Rock, Blues, Jazz, Soul, R&B, Country Music, die Punk-Rock- und NewWaveZeit und vieles mehr. Dies betrachte ich als meinen Vorteil, denn auch wenn ich als DJ in Sachen HipHop unterwegs bin und produziere, bin ich nicht in etwas Bestehendes hinein-geboren worden. Es gab keinen Rap, als ich auf die Welt kam. Mir ist in den 37 Jahren meines Lebens so viel mitgegeben worden und nun kenne ich mich aus. Es wird ein ’Abend mit DJ Premier’.“

Für Premo gibt es mehr als Reime und Scratches, auch wenn er letztere maßgeblich geprägt hat. Der Respekt vor seinem bisherigen Lebenswerk ist groß. Vor kurzem coverte Dilated Peoples Member DJ Babu den Track “DJ Premier In Deep Concentration“ und rief dafür eigens in New York an, um sich die Erlaubnis zu holen. “Babu ist ein sehr anerkannter DJ und ich habe ihn auflegen sehen. Um es mit einem alten Song von Marley Marl zu sagen: ’He cuts so fresh.’ Zwischen meiner und seiner Version liegen nun 15 Jahre und ich mochte seine Neuinterpretation sehr.“

Die Diskographie von DJ Premier ist beeindruckend und füllt seitenweise Papier. Das Who is Who des HipHop ist von ihm veredelt worden und ebenso wie Limp Bizkit oder Janet Jackson. Es gibt unzählige Veröffentlichungen und Instrumentalscheiben in Europa, die seinen Namen tragen. “Keine davon ist echt. Ich bin gerade dabei ’ DJ Premier presents the Livin’ Proof Instrumentals’ von Group Home fertig zu stellen. Dies wird die erste Instrumentalscheibe sein, die ich veröffentliche. Alles andere sind Fälschungen. Irgendwer hat die Dinger nicht einmal ordentlich geloopt und selbst gepresst. Trotzdem schätze ich das Bestreben der Bootleger auch, denn es zeigt mir, dass die Leute da draußen meine Beats mögen und haben wollen. Aber man sollte an mich herantreten und zusammen könnten wir das Ganze ordentlich über die Bühne bringen. So sind es nur halbherzige Aufnahmen, auf denen manchmal sogar Beats zu hören sind, mit denen ich gar nichts zu tun habe.“

Im November erscheint DJ Premiers Produzentenalbum “A Man Of Few Words“ mit Gästen wie Jill Scott, Redman,Nas oder Roberta Flack. Ob ein Track mit Gang Starr Buddy Guru drauf sein wird, mochte er nicht bestätigen, doch Gerüchte einer Trennung der beiden zerstreut er sofort: “Gang Starr auseinander? Das ist nicht wahr. Aber wir haben nichts mehr mit Virgin zu tun. Wir sind Freischaffende und es ist wundervoll endlich frei zu sein!“

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Elektronische Lebensaspekte.