Als Einheit von Kopf und Bauch betrachtet der Westküstler DJ Shadow auch sein zweites Album "The Private Press" und komponiert darauf epische und lebendige Instrumentalmusik vom Herzen, die Jan Kage zu allerlei verzücktem Schwärmen animiert. Affirmation on!
Text: jan kage aus De:Bug 60

Nie wieder nach Hause

1996 erschien auf Mo Wax eine Platte, die die Welt veränderte. Ein Meilenstein und Meisterwerk, das nur Euphorie hervorrief und sample-basierte Musik auf eine neue Ebene hievte, ohne sich im Ansatz zu verheben und dabei frisch und easy klang. Eine Platte, auf die sich sowohl HipHopper, als auch Elektroniker und Rocker einigen konnten und die damals schon das, noch aktuelle aber eklige, Label TripHop weit hinter sich ließ. Eine Platte, die einfach nur Musik war und gleichzeitig alle Musik in sich zu vereinen schien. Die Rede ist natürlich von DJ Shadows Debut Album “Endtroducing”. Das Werk – muss man schon sagen – war der musikalische Wahnsinn: Beats, die so funky waren, als hätte sie ein Drummer frisch eingespielt und dazu Samples aus allen Genres bis hin zu Kirchenorgeln.

Sechs Jahre ist das nun her und auch auf seinem neuen Album “The Private Press” folgt der Kalifornier Shadow dem gleichen Prinzip. Das ist auch gut so, denn es gibt immer noch einiges her. Die Musik ist so episch, dass der Begriff des Tracks für die Kompositionen schon gar nicht mehr passt. DJ Shadow macht Songs, soviel kann man sicher sagen und so sagt er auch selber. Songs, die soulig dahin fließen oder geradeaus rocken und so dynamisch sind, dass man kaum glaubt, dass diese Musik mit einem Sampler gemacht ist. Man sieht den Drummer förmlich, der Sampler wird zur beseelten Person. Manchmal frickelt der Beat, manchmal rockt er straight, aber immer sind die Songs eine Einheit von Kopf (Arrangement) und Bauch (Drive).

Debug: Wie produzierst du? Gehst du nach einem Schema vor und fängst mit einem Sample an oder umgekehrt mit dem Beat?

DJ Shadow: Früher habe ich meistens mit einem Beat angefangen. Auf diesem Album habe ich mich aber gezwungen, Musik auf verschiedene Arten zu produzieren, um unterschiedliche Ergebnisse zu erzielen. Jetzt, auf dem neuen Album, hab ich meistens mit anderer Musik begonnen. Der Song “6 Day War” hatte zum Beispiel keinen Beat bis ich fast fertig war. Ich fand es interessant, sample-basierte Musik fast akustisch herzustellen. Das will ich auch immer noch: ein paar nette Gitarrensamples finden und diese nur um spärliche Perkussion ergänzen. Es ist eine andere Herangehensweise und sie ist für mich auch ein bisschen schwieriger. Ich weiß schon, dass ich einen guten Beat machen kann. Das mache ich mittlerweile mein halbes Leben lang. Deswegen ist es für mich schwerer, es ohne einen Beat zu produzieren.

Debug: Schließt du einen Track immer erst komplett ab oder arbeitest du an mehreren Songs parallel?

DJ Shadow: Die Demo-Phase ist immer sehr kreativ und nicht-intellektuell. Es kommt alles vom Herz und passiert sehr schnell. Das ist eigentlich mein Lieblingsteil der Arbeit, das macht wirklich Spaß. Dann nehm ich vielleicht drei Songs raus und das Hirn fängt an zu arbeiten. So kommt die Struktur rein und das kann wieder dauern, weil sich das über längere Perioden entwickelt.

Debug: Mit welcher Technik arbeitest du?

DJ Shadow: Auf ‘Endtroducing’ habe ich eine MPC 60 benutzt. Für Uncle hatte ich dann eine MPC 3000. Auf der neuen Platte hab ich sogar zwei 3000er benutzt und die über Midi verbunden, also hatte ich den doppelten Speicher zur Verfügung, mehr Banks und mir so quasi einen Super-Sampler gebaut. Ich hatte eigentlich immer genug Speicher auf der MPC 3000, aber nicht genug Pads, deswegen musste ich das ausbauen.

Hätte man ja auch gleich drauf kommen können. Aber die Arbeit mit der MPC konnte man Shadows Musik immer anhören. Diese Funkyness kriegt man nicht mit Software oder Laptop hin. Dafür muss man während des Produzierens schon was zum anfassen haben.
Hin und wieder finden sich auf “The Private Press” Gesangspassagen, dezent eingestreut, keine drei Strophen Schemas, einfach an den Stellen plaziert, wo sie hingehören. Die meisten Songs von Shadow aber sprechen auch ohne Vocalisten ihre eigene Sprache. Wie kommt man bei Instrumental-Musik auf die Titel? Zum Beispiel “6 Day War” oder “You Can’t Go Home Again”? Liegt das irgendwann beim Produzieren in der Luft oder hat man da vorher schon die Idee, das Thema im Kopf?

DJ Shadow: Nun, “You Can’t Go Home Again” hat zum Beispiel eine Energie, die mich an etwas Jugendliches erinnerte, wo man nicht mehr hingehen kann. Das treibt nach vorne, hat keine Zweifel und versprüht sein Charisma. Wahrscheinlich ist der Titel deswegen hängen geblieben. ‘Das Stück ist wohl mein zweit-liebster Song auf der Platte.

DJ Shadow spricht mit ruhiger Stimme und überlegt, nicht zuviel, aber aufmerksam und höflich. Shadow spricht vor allem mit seiner Musik. Und die ist 2002 genauso frisch und charismatisch, wie vor sechs Jahren. Vor allem aber ist sie nach wie vor nicht zu labeln oder in eine Kategorie oder Genre zu pressen, auch wenn HipHop die Basis bleibt. “The Private Press” ist einfach nur Musik und diese speist sich aus allem, was dem Meister gefällt. Denn Musik ist Musik ist Musik.

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Elektronische Lebensaspekte.

Tropft die Melancholie aus schweren HipHopBeats, überschlägt sich der ausgetrocknete Funk daraufhin rockig mit punkigem Soul, war wohl DJ Shadow am Werk. Als Teil der
Text: Clara Völker aus De:Bug 43

Umkombinieren
DJ SHADOW & Quannum MCs

Schneller als sein Schatten zu sein, bedeutet in Zeiten des Kuhchaos wohl, Langsamkeit in bewegte Form bringen zu können. Und welcher Stein liegt da näher als DJ Shadow, Amerikaner mit einer Plattensammlung vom Umfang eines erlesenen Krämerladensortiments. Gerade hat Shadow eine Dokumentation über Tunnelleben vertont. “Dark Days” dreht sich um ein unter der New Yorker Penn Street wohnendes Kollektiv von Menschen ohne überirdische Unterkunft. Zur Beseitigung dieser Misere gab Laienfilmer Mark Singer sein ganzes Hab und Gut auf und filmte die Lage. Shadow selber hat zwar weder dort unten gelebt noch direkt ein Auge darauf geworfen, wohl aber auf den Film. Zur konkreten Vorstellung der dortigen Normalität hat er folglich eine nette Anekdote zu erzählen: “All die Ressourcen, die sie da unten hatten, entstanden aus ihrem eigenen Einfallsreichtum. Einer dort unten war ein guter Elektriker und hat das Stromnetzwerk der Stadt angezapft. So konnten beispielsweise einige Leute, die auf den Straßen Fernseher gefunden hatten, in ihrer Nische im Tunnel fernsehen. Eine Frau hat wohl immer eine Art Seifenoper gesehen. Die anderen haben dann, wenn sie gesehen haben, dass es da gerade spannend wird, all ihre Geräte eingestöpselt, so dass das Bild ganz klein geschrumpft ist, schließlich hatten sie ja nur eine Stromleitung. Die Fernsehguckerin geriet natürlich aus dem Häuschen und hat ihren Fernseher entsetzt geschüttelt, woraufhin die anderen ihre Geräte wieder ausgestöpselt haben, damit das Bild wieder auf Normalgröße sprang.” Dank des Films und auf Grund irgendeines staatlichen Programmes ist der Tunnel nun geschlossen und die circa vierhundert Bewohner in festen Wohnsitzen verankert. “Beim Editieren des Films hat Mark bereits eine Menge meiner Musik verwendet. Dann wurde es Zeit, dass er mich kontaktiert, um zu sehen, ob er a) die Sachen verwenden kann und b) ob ich gewillt bin, neue Musik dafür zu machen. Ich bekomme eine Menge Anfragen, und neunzig Prozent der Zeit sind es Leute, die nicht wirklich wissen, was sie machen. Das ist deine Zeit nicht wert. Aber er war wirklich hartnäckig. Schließlich habe ich eingewilligt, meinte aber, dass ich nicht nach New York kommen könne. Also ist er rübergekommen, ich habe mir den Film angesehen und erwartet, ihn nicht machen zu können. Auch weil ich so beschäftigt war mit den Quannum Sachen. Zudem hatte ich eine Woche davor gesagt, dass ich die Musik für einen Film über die Tabakindustrie namens ‘The Insider’ machen würde. Ich habe ‘Dark Days’ dann aber wirklich gemocht und mehrere Tracks dafür gemacht. Da Mark aber sehr entschlossen war, haben wir hauptsächlich die Sachen, die er bereits zu Anfang verwenden wollte, in abgeänderter Form genommen.”
Einige der DJ Shadow- und Solesides-Platten besitzen durch limitierte Auflagen einen Seltenheitsfaktor. Das riecht nach Taktik zur Wertsteigerung. “Die meisten Leute denken zwar, dass wir die Sachen absichtlich rar machen. Aber bei “Brainfreeze” war es zum Beispiel so, dass Cut Chemist und ich das selber gemacht haben und nicht mit Stapeln von CDs bei uns zuhause sitzen wollten, die wir nicht loswerden. Wir hatten keine Idee, wie groß die Nachfrage sein würde. Von der Dark Days 7″ wurden 9000 Kopien gemacht, von denen 4000 nach Europa kamen. Auch da wussten wir eben nicht, wie groß die Nachfrage sein würde und wollten nicht auf den überschüssigen Kopien sitzen bleiben. Vielleicht pressen wir die nach. Ich will nicht, dass die Leute sich aufregen, weil sie keine Kopie bekommen können oder dafür hohe Preise bei ebay zahlen müssen. Genau dasselbe bei der ersten Solesides Platte, von der wir auch bloß einige tausend gemacht haben, da wir uns nur soviel leisten konnten und uns nicht verkalkulieren wollten. Da haben wir gar nicht dran gedacht, dass die Platte mal etwas wert sein könnte. Aber das ist nicht der Grund, weshalb wir die Musik machen, die wir machen”, so DJ Shadow, der spätestens seit seinem Album “Entroducing” als Instrumental HipHop-Held abgefeiert wurde. Zwischendurch gab es dann u.a. merkwürdige Projekte wie U.N.K.L.E., zusammen mit MoWax Chef James Lavelle und vielen mehr. “Das Unkle Projekt war mehr kollaborativ in dem Sinn, dass mir da Leute zugeteilt wurden, mit denen ich arbeiten sollte. Ich musste versuchen, Tracks zu entwickeln, die auf die jeweilige Persönlichkeit passten. Das war eine Herausforderung, hat sich aber so angefühlt, als ob ich wirklich gestretcht werden würde.” Momentan dehnt sich Shadow weiter, um an einer neuen Platte feilen zu können, weiterhin bisher unbenutzte oder unkombinierte Elemente auf Platten aufzuspüren und natürlich, um die Quannum Crew voranzubringen.

QUANNUM MCs

Die Quannum Mcs bestehen neben DJ Shadow aus Blackalicious aka Chief Xcel und Gifted Gab und Latyrx aka Lateef The True Speaker und Lyrics Born. Gemein ist der “Quannum Experience” ihre Definition von Musik, die Gifted Gab zufolge lautet: “Unsere Musik ist vorwärtsdenkend, geisterweiternd, kreativ, originell, innovativ und erfrischend.” Was sich leicht als Floskel auffassen lässt, erweist sich spätestens beim Bühnenauftritt als realistische Selbsteinschätzung. Die Quannum MCs verstehen sich auf ein perfektes Zusammenspiel untereinander und vermitteln eine packende Energie zum Abgehen mit der Masse, was wieder mit der Anlehnung an das gute alte Grundkonzept zusammenhängt. Kennengelernt haben sie sich vor zehn Jahren am College in Davis, Kalifornien, wo Lyrics Born, Chief Xcel und Shadow Communications studierten. Lyrics Born erklärt: “Aus dem einen oder anderen Grund haben wir damals alle in Davis, Kalifornien gelebt. Dort gab es eine College Radiostation, bei der DJ Zen eine HipHop Radiosendung hatte. Er war die einzige Person in einem Radius von so sechzig Meilen, die das gespielt hat, was wir real HipHop nannten. Chief Xcel und ich hatten ein Seminar zusammen und durch HipHop einen Draht zueinander. Ich habe X erzählt, dass es da diesen Typ mit der Radiosendung bei KDBS gibt und er HipHop, also guten, real HipHop spielt. Die Sendung war super spät nachts, von drei bis sechs Uhr morgens. Es gab da so einen kleinen Contest namens “name that sample”. Zen spielte also die HipHop Platte und dann das Original oder bloß eines von beiden mit der Frage, wer das gesampelt hat. Und ich habe den Contest immer gewonnen. Wahrscheinlich war ich auch die einzige Person, die überhaupt angerufen hat, Davis liegt in der Mitte vom Nichts. Also meinte er irgendwann, dass ich mal mit ein paar Platten vorbeikommen solle. X und ich sind dahin gegangen und haben dort Shadow und Stan getroffen. Später haben wir dann Gab und Lateef kennengelernt, Blackalicious gibt es bereits zwölf Jahre.” Ein Jahr später gründeten sie dann ihr Label “Solesides”, wie Gifted Gab erklärt: “Solesides haben wir 91 gegründet. Wir dachten halt, dass jeder von uns Talent hat. Weshalb also nicht die Ressourcen bündeln und unsere Sachen selber veröffentlichen.” Was sie dann ein paar Jahre lang taten. Die Coverbemalung kam von Brent Rollins von Egotrip. 97 hatten sie dann genug des eigenen Labels. Chief Xcel: “Wir haben mit Solesides aufgehört, weil wir das Gefühl hatten, all das gemacht zu haben, was wir wollten. Wir wollten ein anderes, stärkeres Modell entwickeln, das unsere Sicht verwirklicht. Deshalb haben wir 98 Quannum gegründet, um gute Musik ohne Einschränkungen zu machen. Bei Solesides haben wir nur unsere eigenen Sachen gemacht. Als wir dann Quannum gestartet haben, haben wir all die Leute kontaktiert, mit denen wir schon all die Jahre vereinbart hatten, mal was zusammen zu machen. Dann haben wir die Spectrum Platte mit Souls of Mischief, J5, Company Flow usw gemacht.” Und jetzt die Labelzusammenfassung “Greatest Bumps”, die allerdings nicht wie die letzten Sachen bei MoWax, sondern bei Ninja Tune untergekommen ist. DJ Shadow erklärt, auf einem Einwurf von Lateef eingehend: “Genau. Es ist eine riesige Verschwörung. Nein, wir haben uns einfach umgesehen, wer wohl das beste aus dieser Platte machen könnte. Wir wollten eigentlich schon seit drei Jahren die alten Sachen zusammenstellen, weil die Leute viele der Platten nicht mehr bekommen konnten. Es war einfach eine Frage des Timings. Wir wollten nicht, dass die Compilation die erste Veröffentlichung von Quannum ist. Quannum sollte erst mal auf eigenen Füßen stehen. Daher haben wir erst Quannum Spectrum und die Blackalicious Platten rausgebracht. Dann haben wir uns gesagt, ok, die Leute wissen jetzt, was Quannum ist, jetzt können wir zurückgehen und die Compilation rausbringen. Wir wollten damit auch die Bootlegs stoppen. Wir haben uns überlegt, mit wem wir das zusammen machen wollen. Und da gerade Kid Koala, Roots Manuva und so bei Ninja Tune rausgekommen waren, dachten wir uns, warum nicht die, lass uns mal etwas Neues versuchen. Bei MoWax hatten wir nur einen Vertrag für drei Platten. Auch ein Labelwechsel kann den Horizont erweitern.”

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