Reprazent- und Fresh Crew-Member DJ Suv hält mit dem Laptop gegen den Terror in der Welt. Mobiler Drum and Bass mit Gitarre und Ethno-Arabesken wird die Welt viel zuverlässiger aussöhnen als Dr. Mottes Love Parade Ansprachen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 54

Laptop und Landkarten
DJ SUV

“Bitte mach doch klar, dass das Interview in diesem Ton endet,” sagt mir Suv, nachdem er erklärt hatte, dass Musik so etwas wie eine universelle Sprache ist und damit eine Sprache gegen Terror. Das ist ihm wichtig. Jede Annäherung, die das Gespräch auf die weltpolitische Lage brachte, wurde von Suv mit eben der Mischung aus Resignation und Unverständnis von Gewalt, Terror, Politik usw. kommentiert, die eigentlich nahezu jeder vertreten würde, den man kennt. Vermutlich auch jeder, der in England irgendwie mit einer Kultur zu tun hat, die konsequent seit einem Jahrzehnt Vermischung von Herkünften auf ihre Fahnen geschrieben hat. Wie Herbert z.B. findet auch Suv zur Zeit zur Erkenntnis und dem Bedürfnis, das auch auszusprechen, dass es ihm, weil nicht hungrig, gut geht. Weltpoliktik unterzieht Stylebetrachtungen zur Zeit eben einer Art neuer Basis-Relektüre.

Der Drum and Bass Streit ist dagegen irrelevant. Und ob man Suv nun einfach für einen bekifften Hippie halten würde auch. Klar: Zu spekulieren, Musik hätte mehr Auswirkungen auf den Weltfrieden, wenn ein Pakistani Suvs Tracks im Netz hören und sich dann mit ihm darüber austauschen würde, als die Einführung der Tobin-Steuer, ist eine so idealistische Sichtweise, dass man sie für naiv halten muss. Ganz abgesehen davon, dass es gute Gründe geben mag, dass in Afghanistan das Clubwesen grade nicht wirklich boomt (keine Laptops, keine Verstärker, kein Radio, kein Gesang). Ob Naivität in Kriegszeiten aber gleichzeitig eine Art Identifikation mit den Opfern ist, aus der heraus sich irgendetwas wie ein funktionierender Widerstand organisiert, lassen wir erst Mal beiseite. Suv ist Teil der schon legendären Fresh Crew, zu der auch Krust einst gehörte. Mitte bis Ende der 80er legten sie so etwas wie die Grundsteine für den Bristol Sound von Massive Attack bis Full Cycle, ein Label, das er mit gegründet hat und deren Aushängeschild Reprazent er eben so mit vertritt wie Krust, Die und Size. Ein Vorzeigelebenslauf. Sein Vater ist von den West Indies, seine Mutter aus London, seine Freundin aus Spanien und seine Tracks wollen nicht mehr Drum and Bass sein. Wie bitte? “Drum and Bass hat seine Zeit gehabt. Ich würde gerne einen neuen Namen dafür finden. Breakbeat, Hardcore, Jungle, Drum and Bass. Es wird Zeit, etwas Neues zu finden…” Wir blenden hier aus, um euch zu verschweigen, dass er gerne Cybermusik oder so was hätte, denn, darüber waren wir uns einig, das wird nichts. Suv hat zwar ein Laptop, aber Cyber, trotz Drum and Bass Renderwahn, erzeugt zwar die tribalistischen Anklänge, aber einfach nicht genug innermusikalische Differenz und Greifbarkeit. Suv hat sein ganzes Studio in einem Plattencase, mit Boxen und Mikrofon, dass er jetzt benutzt, um das nächste Album nach seinem grade erschienenen “Desert Rose” vorzuproduzieren. Für “Desert Rose” musste er einen der Gitarristen (Full Cycle war schon immer das gitarrenfreundlichste Label unter den Drum and Bassern) noch einfliegen. Seine Freundin empfahl ihm den. “Sie ist auch einer der Gründe für den großen Einfluss spanischer Musik auf dem Album”.

Flamenco. Nicht Samba. Spanien, nicht Portugal, Argentinien, nicht Brasilien, darauf legt er Wert, denn “Desert Rose” will nicht etwa die von dem Querschluss mit Samba Loco auf der Brasil EP losgetretene Brasilifizierung von Drum and Bass (nach der der Nujazzer übrigens, und überraschend spät für ein Genre, das schon immer von sich behauptete, alle Musikrichtungen zu verschmelzen) weitertreiben, sondern Drum and Bass einen neuen Kontinent erschließen, der ebenso quer über den vorderen Orient in einigen ethnisch schwer zu bestimmenden Anklängen huscht. Peinlich formuliert könnte man sagen: Drum and Bass ist die Rose in der vom Gibraltar bis zum Hindukusch erstrahlenden Wüste. Jetzt steht Suv kurz vor China und an den Stränden der Ozeane mit Blick auf die Nacht und das territoriale Nirgendwo, denn sein Studio ist eben auch im Urlaub mit dabei, und die meisten der Tracks fürs neue Album sind auch schon fertig, nachdem die der letzten zwei Jahre sich auf “Desert Rose” durch verschiedenste Arabesken, gezupfte Gitarren mit relaxten Basslines und leichten Beats schlingen durften. Eine Powerbook-Revolution in Drum and Bass dürfte allerdings trotz einiger erster Anzeichen noch auf sich warten lassen. Denn in Bristol geht es weniger um das Verkriechen in Programme (und nein, man liest immer noch keine Handbücher) als um den schlendernd-groovenden Gang quer über den unentdeckten Globus musikalischer Medialität, nicht wie in London um Darkness, Industrialisierung des Urbanen, sondern um das, was man an Leichtigkeit entwickeln kann, wenn der Druck nicht so groß ist. Oder sollte man sagen solange?

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Elektronische Lebensaspekte.