Heimwerker mit goldenem Händchen
Text: Markus Hablizel aus De:Bug 114


Wenn sich jemand sechs Jahre Zeit lassen kann für sein zweites Album, dann ist das James Tamborello. Als Dntel hatt er damals in Elektronikahausen alles klar gemacht. Danach hat er mit Postal Service die Indiewelt erobert und wurde zum Megastar. Aber für Tamborello ist immer noch alles entspannt. Er sitzt daheim und macht Musik. So wie es Stars eben machen.

Als Herr Thaddeus Herrmann vor etwas mehr als zwei Jahren darüber philosophierte, dass ein Genre namens Elektronika sich osmotisch mit anderen Genres verband, mal in Richtung Pop und dann wieder Richtung Avantgarde schwankte, ob es noch wichtig sei – oder eben nicht -, oder gar an (s)ein Ende gekommen ist, mündete seine dankbar offene Induktion in folgenden beiden Sätzchen: “What the fuck? Music is music.” Allzu gerne stimme ich ein und unterschreibe. Obgleich der Musikjournalist in mir was von “Beruf verfehlt” flüstert und mein eingebauter Soziologe “Arbeitsverweigerung” auf seinen Evaluierungsbogen kritzelt. Schließlich beuge ich mich mir und beschließe, nur einen Artikel lang Musik als Musik zu begreifen und potentielle Vergenresierungen halbklug zu ignorieren. (Klappt eh nicht.)

Hören I
Der erste Hörbote war “Dumb Luck”. Ein Kevin-Shields-Typ stolperte trunken durch einen analogen Gerätepark, fiel auf Tasten, glitt über Knöpfchenfelder, griff in die mitgebrachten Saiten – akustische wie elektrisierte – und loopte ungewollt den ganzen Kladderadatsch. Durch die aus handgeschöpftem japanischem Papier bestehenden walls of noise zuckten kleine, elektrisch aufgeladene Gewitter und darüber sang ein junger Mann so scheu vom Dummenglück, von Unglück und davon, in Tränen zu ertrinken, sich selbst und seiner Stimme kein rechtes Vertrauen schenkend.

Machen I
Der Titeltrack des neuen Dntel-Albums stimmte eben so versöhnlich, wie er aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Die zerbrechliche, um Fassung ringende Stimme, die durch ein Mikrochaos aus hakenden Loops und Gitarrenfeedback dringt, bis irgendwann eine Akustikgitarre um die Ecke kommt und sie zeitweise rettet. Das klang alles nicht neu, analog vs digital, es knispelknusperte und menschelte gleichermaßen. Als dann irgendwann das komplette Album “Dumb Luck” auf Dntels myspace-Seite gestreamt wurde, löste das auch keinen plötzlichen Time Warp ins Morgen oder gar Übermorgen aus.

Nein, diese Ästhetik war bekannt, umspülte einen wie wohltemperierte Wellen am vorletzten Urlaubstag. Als 2001 “Life Is Full Of Possibilities” auf Plug Research erschien, wurde das Album schneller zum Klassiker gemacht, als man Elektronika sagen konnte. James Tamborello aka Dntel schien einen Nerv getroffen, eine Tür zu einem Raum zwischen den Welten Tanzflur/Bühne/Schlafzimmer aufgestoßen zu haben. Ich glaube bis heute nicht, dass er sich dessen bewusst war bzw. sich rückblickend den Elektronika-Nobelpreis ans Revers heften würde. Das, was er heute treibt, hat er so – oder so ähnlich – schon gestern und vorgestern gemacht:

Dntel: Eigentlich seit ich 13 bin. In der High School hatte ich zusammen mit meinem Freund David so eine Art Ambient-House-Band, die Antihouse hieß. Wir sind aber dann auf unterschiedliche Colleges gegangen und haben nicht mehr zusammen gearbeitet. Aus der instrumentalen elektronischen Musik, die ich danach alleine gemacht habe, wurde dann nach und nach Dntel. Das Ganze ist einfach entstanden, weil ich alleine Musik gemacht habe. Ganz am Anfang habe ich die Sachen meines Vaters benutzt, der ein kleines Homestudio hatte. Das war ein Roland-Keyboard, ein Roland-Sequencer und ein 8-Spur-Recorder, ziemlich einfach.

Machen II
Sechs Jahre liegen zwischen “Life Is Full Of Possibilities” und “Dumb Luck”. Eine lange Zeit schoben sich doch dem geneigten Hörer seither hunderte Releases zwischen die Ohren, die Genre-Plattentektonik geriet heftig in Bewegung und warf ganze Mittelgebirge neuer Subgenres auf, die sofort wieder anfingen zu erodieren. Glaubt man James Tamborello, so nimmt er diese Prozesse zwar wahr, aber auf seine Arbeit haben sie nur bedingt Einfluss. Er hinkt den immer wieder neuen Elektronika-Wiedergeburten nicht hinterher, sondern hat seinen eigenen Rhythmus, seine Arbeitsweise gefunden.

Dntel: Ich arbeite zu Hause und muss mir also keine großen Gedanken über Termine oder teure Studiozeit machen. Ich arbeite einfach an Sachen, auf die ich an dem Tag gerade Lust habe. Als ich an dem Dntel-Album gearbeitet habe, war ich an einem Punkt ziemlich frustriert und konnte die Songs nicht mehr hören. Also habe ich einfach an meinen anderen Projekten weitergearbeitet, als eine Art von Ablenkung. So kann ich an Sachen arbeiten, die mir gerade passen, und wenn ich merke, irgendwas ist kurz vor der Fertigstellung, dann investiere ich etwas mehr Zeit und mache es fertig. Ich muss mir so keine großen Gedanken über Termine machen. Ich bin ja nicht Teil eines riesigen Geschäfts, das sind ja alles kleinere Labels, wo man sich über solche Dinge nicht so große Gedanken machen muss. Bei dem nächsten Postal-Service-Album könnte sich das ändern, weil das etwas größer werden könnte und dann die Erwartungen natürlich andere sind. Aber damit haben wir eh noch nicht begonnen.

De:Bug: Besonders effizient klingt deine Arbeitweise nicht?

Dntel: Für mich passt das ganz gut. Ich kann mich nicht besonders lange auf eine Sache konzentrieren. Dass ich mich hinsetze und ein Album an einem Stück produziere, funktioniert für mich nicht. Ich verteile die Arbeit lieber und setze mich hin, wenn mir danach ist. Das hat mit den Leuten, die jetzt auf dem Album sind, ganz gut funktioniert. Ich habe einen Song produziert, ihn hingeschickt und im Normalfall nicht einmal eine Deadline gesetzt. Ich wusste also, dass es mehrere Monate oder sogar noch länger dauern kann, bis ich etwas zurückbekomme. Ich mag diese Art zu arbeiten.

Diese “Art zu arbeiten” widersetzt sich nicht bewusst den Anforderungen und Gegebenheiten einer Industrie, die zwar keine ist, deren unzählige Manufakturen sich aber allzu oft in vorauseilendem Gehorsam einer Industrielogik unterwerfen. Tamborello hat für sich und seine anderen Ichs (Postal Service, Figurine, Dntel, Headset) einen Freiraum geschaffen, der es ihm erlaubt, seine Aufmerksamkeiten und Abhängigkeiten fast gänzlich nach eigenem Gutdünken zu dirigieren. Den höchsten Freiheitsgrad genießt dabei Dntel, weil es sich hierbei um eine one man show handelt, die zwar ohne ein Netzwerk an singenden und musizierenden Freunden und Kollaborateuren nicht existieren könnte, die aber kaum zeitliche Zwänge kennt. Weswegen es schon mal sechs Jahre dauern kann, bis ein Album ganz automatisch an sein Ende kommt.

Ich habe schon versucht, eine Art von Kontinuität zwischen den beiden Alben hinzubekommen, auch wenn so eine lange Zeit dazwischen liegt. Ich glaube, die ähnlichen Ästhetiken haben damit zu tun, dass ich viele der Songs zu der Zeit angefangen habe, als das letzte Album noch einigermaßen frisch war. Da treffen also zwei Zeiten aufeinander. Mein Zustand damals und der aus jüngerer Zeit. Ich würde sagen, dass die meisten Songs so vor ca. vier Jahren entstanden sind.

Hören II
“I was feeling pretty good/thought I finally understood/how to be free, free, free, free/like the birds, like the bees, like the wind in the trees”. In slow motion schleppt sich der Beat voran. Mia Doi Todds gesungener Seelenzustand konterkariert dessen Schwerfällig- und Behäbigkeit und gerade, als sie das erste Mal ihre Freiheit besingt, ist sie wieder da, die Akustikgitarre, und taucht “Rock My Boat” in ein Bad aus Schwermut und Leichtigkeit.

Freunde I
Dntel: Ich weiß nicht genau, aber meistens ist mir klar, welcher Song zu welchem Projekt gehört. Bei Postal Service sind wir ja zu zweit und da ist das dann eh klar. Außerdem sind da die meisten Sachen straighter, poppiger. Im Normalfall werden die langsameren, weirderen Sachen zu Dntel-Songs. Als ich die Arbeit an dem Album angefangen habe, dachte ich, ich mache es alleine. Aber irgendwie bin ich dann bei dem Titelsong ‘Dumb Luck’ stecken geblieben. Ich bin kein besonders produktiver Texter und so richtig wohl fühle ich mich auch nicht dabei, dasselbe gilt für meine Singstimme. Als ich angefangen habe, wollte ich das meiste selber machen, aber es ist nicht einfach, wenn du von Leuten umgeben bist, deren Texte und Stimmen du magst. Wenn du dann nicht mehr weiterkommst, müsstest du dich schon sehr anstrengen, dich nicht an deine Freunde zu wenden.

De:Bug: Du hast einmal gesagt, Stimmen funktionieren für dich wie ein weiteres Instrument, wie ein Sound. Das würden Conor Oberst, Grizzly Bear, Lali Puna, Rilo Kiley und die anderen Beteiligten sicher nicht gerne hören.

Dntel: Ja, das habe ich gesagt. Es hört sich fast so an, als würde ich daran zweifeln, wie wichtig die Stimmen für die Songs sind. Ich habe das mehr als eine Art der Verteidigung oder Erklärung gesehen, wie man ein geschlossenes Album mit so vielen unterschiedlichen Stimmen machen kann. Wenn du eine Melodie auf dem Keyboard hast, dann veränderst du den Sound für die unterschiedlichen Songs. Analog dazu hast du pro Song einfach unterschiedliche Stimmen mit unterschiedlichen Sounds. Ich respektiere natürlich die ganzen Stimmen und was sie repräsentieren. Auf ‘Dumb Luck’ ist es eine Kollektion an Menschen, die ich über die Jahre durch das Musikmachen getroffen habe. Einige Leute habe ich erst durch das Album kennen gelernt, aber mit den meisten habe ich vorher schon zusammengearbeitet. Das sind Leute, mit denen ich gerne zusammen bin und mit denen ich gerne Sachen mache.

Hören III
“Natural Resources”: Zwei Menschen liefern sich ein Feuergefecht. Maschinenpistolen. Handfeuerwaffen. Einer hat sich hinter dem Klavier verschanzt, der andere fängt an, Schreibmaschinensalven abzufeuern. Dann Stille. Aus den beiden verfeindeten Herzen steigt ein fast schon zärtlicher Song auf, diffundiert wie Nebel – getragen von etwas Saxophonähnlichem und etwas Piano – durch den Raum, der sich langsam zu drehen beginnt, Fahrt aufnimmt, pulsiert, sich ausdehnt und die beiden Kontrahenten an den Rand der Zentrifuge presst.

Freunde II
De:Bug: Man trifft sich auf Files, weniger an konkreten Orten?

Dntel: Es gibt eine Sache, eine Internet-Radiostation, die sich http://www.dublab.com nennt. Ich habe da eine Show und bin Teil des Ganzen. Das ist ein Ort, an dem sich viele Produzenten aus Los Angeles finden, aber eigentlich ist das nur eine sehr kleine Szene. Wahrscheinlich gibt es noch andere Gruppen oder Szenen, die elektronische Musik machen, aber zu denen habe ich keinen wirklichen Kontakt. Ich bin eigentlich die meiste Zeit zu Hause und gehe wenig aus, was mich natürlich von den Dingen, die aktuell passieren, ein wenig abkoppelt.

Hören IV
Musik. “What the fuck?”
http://www.jimmytamborello.com

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Elektronische Lebensaspekte.