Jimmy Tamborello heißt der Mann, der uns gleich mit zwei Alben den Herbst versüßt. Sein Projekt "Dntel" wurschtelt sich durch die kleinteiligen Explosionen seiner Rechner und füllt alles mit großer Melancholie auf, während er mit "Figurine" eher der LoFi Bandidee folgt. Ein toller Typ.
Text: sven von thülen | sven.vt@debugos.de aus De:Bug 53

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Dntel/Figurine

“Life is full of Possibilities” ist der Titel des Debutalbums von Jimmy Tamborellos Projekt “Dntel” (eine Abkürzung für „Don’t tell”). Ein sympathischer Titel für eine Platte, die das Life im Titel auch durch Music hätte ersetzen können, so sehr forscht und tastet sich Dntel auf seinen kurzen melancholischen Tracks (oder sind es Songs, oder ist das vielleicht auch völlig egal?) zwischen Samples, Vocals, Gitarren, Melodien und kleinteiligen Sounds und DSP-Knuspereien langsam voran und erinnert dabei nicht selten an Jörg Follerts Projekt “Wunder”, so sanft und zauberhaft wirken die zehn Stücke und so intim scheinen die Einsichten in das Universum von Dntel zu sein, die sie einem gewähren. “How can you love me, when you don’t love yourself?” singt Mia Doi Todd, eine der zahlreichen Freunde, die in Jimmys Schlafzimmer vorbeigeschaut haben, um ein paar Zeilen oder ein paar Akkorde beizusteuern. Es geht genau um dieses Zögern, Nachfragen, das scheue Sich-Vergewissern, das sich auch in der Musik, den Sounds wiederfindet, das einem Life is full of Possibilities sofort vertraut macht. Nicht nur wenn man ein Faible für introvertierte, melancholische Musik hat.
Das kann man Jimmy Tamborello nicht abstreiten, der mir, auf den Albumtitel und den Text des Promozettels zu seinem Album, der mit einer putzigen kleinen Aufzählung von Dingen, um die er sich täglich so Sorgen macht, aufwartet, und mit dieser gleichwohl den Titel des Albums begründet (die Wege der Tragik sind unergründlich) freundlich folgendes in den MD-Player diktiert: “Es kommt auf den Tag an, ob ausschließlich negative oder tragische Möglichkeiten mit dem Titel gemeint sind. Ich denke wahrscheinlich zu viel über all die schlimmen Sachen, die einem passieren können nach. Aber die Musik ist auch so konzeptioniert, dass man sie hören kann, während man stirbt oder einem etwas Tragisches zustößt. Dass man durch die Musik das bisschen Schönheit in diesen Momenten entdeckt. Trotzdem sollte der Titel nicht nur negativ verstanden werden.” Ein Romantiker also, wahrscheinlich Hermann Hesse Fan (interessant ist auch, dass er sein Bedroomstudio „Dying Songs” nennt… na dann). Egal, vielleicht braucht es einen solchen Zustand, um ein so intimes Album wie Life is full of Possibilities zu machen. “Die meisten meiner Songs entstehen wirklich sehr zufällig. Zum Beispiel habe ich einen Großteil der Stringsounds erst in die Tracks integriert, als ich eigentlich schon fast fertig war mit ihnen. Mir fehlte aber irgendwie ein bisschen die Melodiösität, und deswegen fing ich an, mir Klassikplatten anzuhören und vorwärts und rückwärts abzuspielen, während meine eigenen Songs liefen. Wenn ich etwas hörte, was mir gefiel, habe ich es gleich gesamplet und in den Song integriert. Dabei bin ich nicht so sonderlich vorsichtig beim Samplen. Die Qualität der Samples ist mir relativ egal. Ich mag die ganzen kleinen Geräusche und Störungen, die man dann mitgesamplet hat.”

Figurine
Neben Dntel hat Jimmy Tamborello noch ein weiteres Projekt, Figurine. Zusammen mit der Sängerin Meredith Figurine und einem Freund aus San Fransisco kümmert er sich dabei eher um den klassischen Song und arbeitet nach eigenen Angaben weit weniger sound- und detailverliebt als bei Dntel. Dass Figurine mit seinem etwas Lo-Fi mäßig daherkommenden Grooveboxcharme im Vergleich mit Dntel teilweise fast quietschig fröhlich wirkt, zeigt, dass die Sorge um Jimmy Tamborellos allgemeinen Gemütszustand eventuell unbegründet ist. Da die Mitglieder von Figurine leider nicht in derselben Stadt leben (Jimmy wohnt in Los Angeles, sein Freund David in San Fransisco und Meredith in North Hampton an der Ostküste), arbeiten die drei unanbhängig voneinander und basteln, wenn sie sich treffen, die einzelnen Ideen zu neuen Songs zusammen. Demnächst steht eine Figurine Tour in Deutschland an und auch an einem Dntel-Liveset arbeitet Jimmy zur Zeit. Bis dahin könnte noch viel Tragisches passieren, aber das wollen wir mal nicht hoffen.

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Elektronische Lebensaspekte.