Ziellos ans Ziel
Text: Julia Kausch aus De:Bug 163

Er ist der Golf-Partner von John Tejada, steckt hinter “The Postal Service” und “Figurine”. Jetzt hat Jimmy Tamborello endlich ein neues Album als Dntel veröffentlicht, dem Projekt also, das ihn vor rund zehn Jahren auf den Elektronika-Thron katapultierte. Damit kann er bis heute noch nicht richtig umgehen.

“Ich glaube ‘Aimlessness’ verfolgt keine bestimmte Richtung. Ich habe sogar an einigen Songs gleichzeitig gearbeitet und wusste nicht, wie ich sie auf einem Album zusammenführen soll.” Jimmy Tamborello gibt sich gerne schüchtern. Neben seinen Erfolgen mit “The Postal Service” und dem Duo “Figurine” ist er den meisten bekannt als der bodenständige Produzent Dntel, der Indietronica als Genre erst eine Existenzberechtigung gegeben hat. Mit “Aimlessness” bringt er nun sein bereits drittes Album heraus, das auf DJ Kozes Hamburger Label Pampa erscheinen wird.
Seinem eigentlichen Label Sub Pop, auf dem er bis dato als einziger Act elektronische Musik produziert, kehrt er trotzdem nicht den Rücken: “Das ist doch mal eine Erfahrung wert. Ich mag Pampas Veröffentlichungen, es bleibt aber eine einmalige Exkursion.” Kennengelernt hatten sich Stefan Kozalla und Jimmy Tamborello bereits vor einigen Jahren, eine Zusammenarbeit kam jedoch erst zustande, als Kozalla im vergangenen Jahr für eine Show nach Los Angeles reiste. “Ich hatte zu der Zeit gerade ein paar Enya-Remixe gemacht, die ihm sehr gefielen. Wir haben darüber nachgedacht, sie auf Pampa zu veröffentlichen, die Rechteklärung erwies sich jedoch als zu aufwendig”, so Tamborello. Mit dem Urheberrecht im Weg entschlossen sie sich schließlich, ein Album zu produzieren. Das Ergebnis ist eine verträumte Liebesgeschichte zwischen Pop und elektronischer Musik, die mit Hilfe von poppigen Synthies und schwebenden Melodien eine digitale Landschaft malt.

Dass das Album keine klare Linie verfolgt, sagt schon der Titel “Aimlessness” – zu deutsch Ziellosigkeit. “Ich wusste nie genau, woran ich an diesem Tag arbeiten würde. Es ist merkwürdig, etwas zu betiteln, bevor man überhaupt damit begonnen hat – deshalb habe ich zunächst alle Titel ‘Aimless’ genannt und sie durchnummeriert.” Diese Ziellosigkeit spiegelt sich auch in seiner Musik wieder, die, mal ruhig, mal aufgeregt, eine einzigartige Traumwelt schafft. Trotzdem gibt es keine Spur von Orientierungslosigkeit, denn in dem was er macht, scheint sich Dntel bestens auszukennen. Die nötige Richtung hat ihm dabei sein transatlantischer Mentor gegeben. “Die Zusammenarbeit mit Pampa kam mir nie wirklich geschäftlich vor – es war eher wie Spaß unter Freunden”, so Tamborello. Auch die finale Track-Auswahl habe Kozalla getroffen, der dann im Anschluss auch gleich die Namensgebung besorgte. Wie schon auf seinem Erfolgsalbum “Life Is Full Of Possibilities” versteht es Dntel, mit seiner Musik fremdartige, unvergessliche Bilder zu kreieren, die so unbegreiflich scheinen, wie ein Traum, an den man sich vergeblich zu erinnern versucht. “Ich habe versucht, die Stimmung von ‘Life Is Full Of Possibilities’ wieder aufzugreifen, wobei ‘Aimlessness’ definitiv beat-orientierter ist.” Ein Schritt in Richtung elektronische Musik, der ihm überaus gut gelungen ist.

Verregnete Strände und Papierlandschaften
Als er in den 90er Jahren an seinem Debütalbum arbeitete, hatte Dntel nur einen Sampler plus Computer zur Verfügung. Nun, ausgestattet mit Pattern Generator, Synthesizern und analoger Drum Machine, werden auch seine Aufnahmen zunehmend elektronischer. Seine Einflüsse sind dabei so eigenwillig wie großartig. “Für den letzten Track des Albums, ‘Paper Landscape’, habe ich Samples der deutschen Krautrock-Band Popol Vuh benutzt und live modulare Synthesizer darüber laufen lassen”, sagt Tamborello. “Heraus kamen unvorhergesehene, melodische Muster, die ich, hätte ich es so geplant, nie hinbekommen hätte.” Dntel ist der Inbegriff eines Künstlers, der mit seiner Musik Bilder von verregneten Stränden und Papierlandschaften malt. Die Musik springt dabei zwischen verschiedenen Genres hin und her und schafft eine mit kindlicher Naivität besaitete Klangwelt, die es sich nicht gefallen lässt, in eine Schublade gesteckt zu werden. Neben hektischen Tonfrequenzen in “Jitters” lässt er Dubstep-Beats auf 140 Beats pro Minute einfließen und findet sich in “My Orphan Son” in treibendem, groovigem House wieder. Diese Unvorhersehbarkeit ist es, die “Aimlessness” so besonders macht. Wann immer man denkt, die Musik greifen zu können, entgleitet sie zurück in die Weiten des Dntel-Universums.

“Wenn ich etwas aufnehmen will und denke, dass meine eigenen Fähigkeiten dafür nicht ausreichen, hole ich mir Hilfe. Das passiert besonders häufig bei Gesangparts – ich bin mit meiner eigenen Stimme nie richtig zufrieden.” Dass der introvertierte Träumer Wert auf vielseitige Kollaborationen legt, ist kein Geheimnis; so sind auch auf diesem Longplayer einige Features zusammen gekommen: “Anfänglich wollte ich ein rein instrumentales Album machen. Davon haben wir uns aber gelöst und entschieden, ein paar Vocals hinzuzufügen. Jedoch fällt es mir immer noch schwer, diese in Songs zu integrieren, die ich nur als Instrumentals kenne.” Auch wenn “Santa Ana Winds” laut Tamborello die meiste Zeit in Anspruch genommen habe, so ist ihm die Symbiose aus Gesang und elektronischer Musik gut geglückt. Wie die Ruhe vor dem Sturm schweben Nite Jewels Vocals schwerelos durch den Raum und bauen sich langsam zu einem rauen Wind auf.
Mittels Will Wiesenfeld, der unter den Namen Baths, Geotic und Post-foetus verschiedene Projekte verfolgt, findet sich Tamborello in “Still” ganz im Indietronica-Modus wieder. Mit dieser auf “Life Is Full Of Possibilities” verweisenden musikalischen Fußnote kehrt Dntel zu seinen Wurzeln zurück. Seinen Alias verdankt Tamborello im Übrigen Aphex Twin und IDM, die ihn bei der Namensfindung inspirierten. “Ich wollte einen bedeutungslosen SciFi-Namen. Inzwischen habe ich mich aber glaube ich entschieden, dass mein Alias etwas mit ‘Don’t Tell’ zutun hat.”
Tatsächlich versteht es Dntel, nicht unnötig viele Worte zu verlieren. Trotzdem möchte man ihm seine Schüchternheit fast nicht abkaufen, denn der junge Mann aus Santa Barbara, Kalifornien steht mit beiden Beinen fest im Musikgeschäft. Weitere Projekte habe er bislang nicht geplant, die Exkursion Richtung Beat und Pampa ist ihm aber durchaus gelungen – einen Grund sich zu verstecken hat Dntel allemal nicht.

Dntel, Aimlessness, ist auf Pampa/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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