Text: gregor wilderman aus De:Bug 05

D’Arcangelo – Brudermusik aus Europa

Gregor Wildermann
gregorw@berlin.snafu.de

Eigentlich ist es immer das gleiche. Da sieht man eine Platte, bekommt schon bei der goldenen Lamettaverpackung weiche Knie und will es dann einfach nicht glauben, was da zwischen den Rillen passiert. Katalognummer 039. Die B-Seite. Der Track heißt ãDiagramÒ, in verschieden Variationen, der beste natürlich der 80’s Mix und in simpler Umschreibung pure Pornomusik, wie kürzlich ein kurz Gereister zu umreißen wußte. Am ersten Tag war das Licht, am zweiten Tag der Strom (beliebig tauschbar) und am siebten Tag gab es ãDiagramÒ! Wunderbare Melodie, 100% Schmalz und als Kontrastprogramm für zwei Musiker bietet die A-Seite drei Industrial-Tracks, wie sie 1996 einfach nicht zu hören waren. Nun dauerte es also fast ein Jahr, um diese Mitmenschen bei der hippen Rephlex-Tour kennenzulernen, die auch noch Ed DMX, Cylob Kozmik Kommando oder Squarepusher im Troß mit sich trägt.
Manch einer wird nun sagen, warum gibt es denn da schon wieder ein Interview mit Typen, die gerade ihre erste Platte gemacht haben und zufällig einen Song erschufen, der den Eurovisionswettbewerb 2012 locker gewinnen wird. Italy, Deux Points. Doch Marco D’Arcangelo und sein (ungleicher oder zumindest nur ähnlicher) Zwillingsbruder Fabrizio D’Arcangelo sind durchaus schon länger im Business, aber eben nicht mehr länger in Italien. ãVor der Rephlexplatte haben wir mit verschiedensten Labels gearbeitet. Unsere ersten Platten kamen auf ACV und seinem Sublabel HotTrax heraus. Da benutzten wir noch den Namen Automatic Sound Unlimited, wo auch noch Max Durante Mitglied war. Später gab es noch ein Follow Up auf Zero Tolerance. Wir haben insgesamt so oft unter verschiedenen Namen veröffentlicht, daß wir uns bei Rephlex entschieden, zu unserem eigenen Namen zurückzukehren. Oft wurde ja das Kleingedruckte mitgelesen und die Leute wußten dann, daß die D’Arcangelo-Brüder dahintersteckten. Der Name klingt auch nicht nach Techno, was sein Gutes hat.Ò
Die Brüdern aus Rom gingen schließlich verschiedene Wege, denn in Italien ist nicht gut Techno machen, wie man in manchen Platten eingeritzt lesen kann. ãIch bin nach London gezogen, weil ich in Rom eine Engländerin geheiratet habe. In Italien war einfach kein Platz für unsere Musik und man hat kaum Kontakte zu anderen Musikern. Am Anfang der 90er war Techno in Italien sehr beliebt und es gab eine Menge Labels und Musiker; jetzt ist fast alles tot und außer Leuten wie Bochum Welt oder Marco Carola gibt es nichts. Da ist natürlich noch Leo Anibaldi, wobei er selbst für uns ein Mysterium ist. Leo ist ein wirkliches Genie und er lebt so, wie er Musik macht. Manchmal verschwindet er einfach und man hört von ihm ein ganzes Jahr nichts mehr. Plötzlich ist er dann da und hat wieder wahnsinnige Platten gemacht.Ò Persönlich kann Marco und Fabrizio nichts trennen, trotz äußerlicher Unterschiede: ãEr ißt zu viel Pasta, wird ganz fett und sieht mir dann überhaupt nicht mehr ähnlich. In London wird man dagegen nicht dick, dafür ist das Essen viel zu teuer.Ò
Der Gegenpol zu Techno scheint Ambient zu sein und auch die D’Arcangelo-Brüder schlugen unter dem Namen Automedia Division (Out of Orbit) einige sanftere Töne an. Nachdem Marco nach London gezogen war, ruhte die Brudermusik fast ein Jahr, doch als Marco in London auf Grant von Rephlex trifft, wendet sich das Blatt. ãAuf der Energy 93 (wo auch ein Track auf dem Sampler zu finden ist) haben wir nach unserem Live-Gig Aphex Twin getroffen und dabei wurde uns klar, wie wichtig uns der Austausch mit anderen Künstlern war. Als ich dann Grant vor drei Jahren in London traf, beschlossen wir, fortan unsere Platten bei Rephlex zu releasen.Ò
Ihr eigenes Label Molecular-Recordings ruht seitdem und beide konzentrieren sich nach dem ersten Release auf die bevorstehende LP, vor der es wieder eine EP geben soll, wobei die räumliche Trennung kein Problem zu sein scheint. ãWir versuchen immer zusammenzuarbeiten, wenn wir am selben Ort sind. Ansonsten schicken wir uns gegenseitig Tracks zu, die der andere dann fertig macht. Für das Album haben wir Grant einige Tapes und eine Liste mit 120 Tracks gegeben, von denen er sich einige für ein Album aussuchen soll und auf der neuen EP werden bestimmt nur Industrial-Tracks zu finden sein. Die LP könnte dagegen schon anders sein. Insgesamt gibt es so viel Shit und es werden so schlechte Platten veröffentlicht, da muß man einfach Industrial machen. In England selbstverständlich, in Italien sowieso! Ò
Auf der letzten Rephlex-Tour machten das europäische Duo ausgiebig Gebrauch davon; auf ihrer Tour etwa spielten sie einige unveröffentlichte Industrial-Tracks, um dabei auch die Reaktionen des Publikums zu testen, daß sich von dem Simplizismus dieses Samplerwesens, in ihrem Falle dem Ensonic ASR-10, sichtlich beeindruckt zeigte. ãMan kann Musik auf so ziemlich allem machen und wir jagen bestimmt nicht dem neuesten Synthesizer hinterher. Bis vor einem Monat haben wir noch nie eine Drummachine benutzt, immer nur Sampler, wobei wir nie Loops benutzt haben. Man wächst ja irgendwie mit einem bestimmten Equipment auf und wir mögen keine Wechsel. Unser Sampler ist toll und mehr brauchen wir nicht.Ò
Doch etwas gibt mir am Schluß des Interviews doch noch zu denken, denn während ich noch auf die schon weltbekannte familiäre Gastfreundschaft der Kölner hinweise, entlassen mich die Industrialfreunde mit der blumigen Frage: ãWhat about the people in Cologne? Can we kill them?Ò Köln bleibt ein kontroverses Thema.

Zitat:
Insgesamt gibt es so viel Shit und es werden so schlechte Platten veröffentlicht, da muß man einfach Industrial machen. In England selbstverständlich, in Italien sowieso!

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Elektronische Lebensaspekte.