Die Documenta 2002 wirft ihren Schatten voraus. Bei der Auftaktveranstaltung in Wien sollte statt über die geheime Künstlerliste die Documenta als offenes, diskursives Konzept debattiert werden. Namensspekulationen wären beim Kunstpublikum wohl populärer gewesen.
Text: ariane müller | acmueller@vossnet.de aus De:Bug 48

Großausstellungen spielen
Die Auftaktveranstaltung zur Documenta in Wien

Großausstellungen spielen, wenigstens solange ich das beobachte, im Vorfeld vor allem mit einem: Der Künstlerliste. Die letzte Documenta und ihre Kuratorin Catherine David hat diese Option des Ein- und Ausschlusses besonders lange für sich behalten, die wilden Spekulationen, die damals vor fünf Jahren aufkamen, kann man unter thing.de im Netz immer noch nachlesen. Auch die erste Berlin.biennale war ein Musterstück kuratorischer Geheimniskrämerei. Man könnte sich vorstellen, das wäre anders. Kuratoren würden mit ihren Vorlieben antreten, im Vorhinein Künstler nennen und vor allem auch ihre Informationswege offenlegen und die Art und Weise benennen, die sie zu ihren Entscheidungen führt. Es ist aber nicht so und deshalb sind Veranstaltungen im Vorfeld großer Ausstellungen normalerweise gut besuchte Events, in denen Kunstvereinsleiter, Galeristen und die Kunstjournaille versuchen, aus dem Angebot und den Aussagen der Kuratoren Hinweise auf jene Künstler herauszufiltern, die es im Vorfeld noch verstärkt ins eigene Programm zu integrieren gilt.
Die nächste Documenta (der kulturelle Arm der Nato) wird im Sommer 2002 stattfinden. Der Kurator ist gewählt. Okwui Enwezor wurden im Spiegel und Zeit – und wie sie heißen – Feuilletonseiten gewidmet. Er hat sechs weitere Ausstellungsmacher dazugeladen und sich mit dem Vorhaben, eine nicht euro-amerikanisch zentrierte Ausstellung zu machen, ein definiertes Ziel gesetzt. Der Weg zur Documenta in Kassel begann mit einer Veranstaltungsreihe im letzten Monat in Wien. Sie soll im weiteren nach Neu Delhi, nach St. Lucia und nach Johannesburg führen. “Plattform 1” soll dann im Oktober in Berlin nochmals wiederholt werden, wenn auch anders.
Österreich ist am Documentabudget immer schon mit einer großen Summe beteiligt, was nebenbei auch erklärt (falls sich jemand gewundert hat), warum österreichische Künstler heftig vertreten waren. Diesmal luden die Österreicher für einen ganzen Monat nach Wien. Die Documenta wollte sich als “Prozess zur Produktion von Wissen” darstellen. Eingeladen waren unter anderem: Stuart Hall, Slavoj Zizek, Immanuel Wallerstein, Chantal Mouffe, Michael Hardt (und Toni Negri in einer Videokonferenz), Manuel de Landa und Enrique Dussel, Paul Gilroy und viele andere, jedenfalls eine “Multitude” an Wissensproduzenten. Autoren, deren Namen, Thesen und Texte in allen Diskussionen rund um Neoliberalismus, Postkolonialismus, Rechtsphilosophie, afro-amerikanische Studien und Populärkultur auftauchen. Autoren, die vor allem auch im Kunstkontext viel gelesen werden. Leute, die ein Publikum haben, wenn sie sprechen. Das Ding ist jetzt nur: diesmal hatten sie keines.

Ein leerer Saal
“Only restricted seats available”, stand in der Ankündigung, und dann standen diese restricted Seats leer im Saal. Vielleicht waren es 80 Leute, die sich bei den Veranstaltungen begegneten. Das sieht in einem Saal, der für 400 Leute Stühle bietet, selbst wenn man sie locker aufstellt, traurig aus. Sogar wenn man das Licht dimmt. Da saß man also und konnte sich wundern über diese demonstrative Abwesenheit der Galeristen, der Kunstjournalisten und der Kuratoren. Es war sicherlich niemand aus Berlin angereist, und von den hunderten deutschen Kunstvereinen war auch keiner da. Das heißt viel bei einem Business, das sich üblicherweise durch abschreibbare Reisetätigkeit auszeichnet. Normalerweise sind die Wiener ein dankbares Publikum und setzen sich wieder und wieder in rauer Zahl zu Podiumsveranstaltungen.
Das ist also jetzt “durch” in der Kunst, kann man sich denken, dieses zarte Pflänzchen der Kommunikation zwischen dem Kunstbereich und “der Produktion von Wissen”. Dabei ist die Ungleichzeitigkeit auffällig. Zum ersten mal beginnt die Documenta mit einem offenen, diskursiven Konzept, wie es in den letzten zehn Jahren ja von vielen Seiten gefordert wurde. Und jetzt scheint sich niemand mehr dafür zu interessieren. Andererseits kommt sie ja erst, die Documenta, und da stellen sich nochmals Fragen, die diese erste Veranstaltung aufgeworfen hat. Denn was dann von Okwui Enwezor als Beispiel für künstlerische Umsetzung der Wissensproduktion angeboten wurde (explizit war das eine italienische Gruppe, die “multiplicity” heißt) wäre geeignet, Theoriebildung zu gesellschaftlichen Themen völlig zum Dekor der Kunst zu machen, als die sie auf Plattform 1 präsentiert wurde. Ich will jetzt “Multipilicty” nicht beschreiben, am besten man stellt sich eine noch verwirrtere Form von Rem Kohlhaas vor, der auf der letzten Documenta war. Aber es ist geeignet, wenn richtig präsentiert, langjährige Auseinandersetzungen rund um Migration und Stadtpolitik in den Abgrund zu reißen. Denn diese Themen werden bei “multipilicity” nur mehr auf ihre Bildqualitäten, auf das Potenzial ihrer Abbildbarkeit reduziert. Die Ausstellbarkeit von Theoriebildung, die oft (wie bei der Berliner Ausstellung Baustop.Randstadt) zu wenig beachtet wurde, ist dort die einzige Frage. Und übrig bleibt dann etwas, was man am besten pittoresk nennen könnte.

Es scheint zur Zeit nicht klar zu sein, ob die Veranstaltung nach Berlin kommt. Ein beliebtes Spiel in Wien war es, sich vorzustellen, zu welcher Größe das Publikum hier auflaufen würde, wenn es dann wieder um die Liste gegangen wäre. In Wien muss es für die Vortragenden ziemlich hart gewesen sein. Sogar in der lokalen Presse wurde die Qualität der Fragen aus dem Publikum beklagt. Die Moderatoren taten ihr bestes und ließen die meisten gar nicht erst zu. Das führte wiederum zu kleinen Tumulten, denn die Veranstaltung hieß nun mal “Demokratie als unvollendeter Prozess”. Ein denkenswert verwirrtes Ding, diese Documenta. Hoffentlich bis nach Kassel und bis hin zu dem Ausstellungspublikum, das ja beim letzten mal durch Spazierengehen noch alles niedertrampeln konnte.

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Elektronische Lebensaspekte.