Text: Sascha Kösch aus De:Bug 09

Dodge Sascha Kösch bleed@de-bug.de Jedes Gebiet sollte so jemanden wie Mart haben. Ob es nun regional oder stilistisch oder sonstwie begrenzt ist, sich abgrenzen will, oder einfach nur versucht, zu entstehen. Mart steht in diesem Sinn für Freestyle und Ruhrpott. Sein Label Dodge, dem zur Zeit aufgrund der gerade erschienenen Compilation seine ganze Aufmerksamkeit gilt, sein Studio Gambusa, selbst die gelegentlichen Besuche auf der Trabrennbahn in Gelsenkirchen, alles fällt an dem Punkt zusammen, wo er eine Szene entstehen lassen will, die keinen Namen braucht, sondern nur eine Infrastruktur. Vernetzung, Austausch, ein Leben miteinander um Themen, die man selber setzt. Die Industrie hat das schnell erkannt und lockt schon jetzt Marts Entdeckungen mit Vorschüssen für Themenabende in CD-Form heran. Kaufe Infrastruktur billig und sobald sie sich formiert. Scheint die neue Logistik zu sein, nach der Trendscouts zu suchen haben. Aber wie genau baut man selber so etwas. Warum klappt es im Fall von Mart, dem Ruhrpott-Freestyle um Dodge, und warum meist nicht. Personen, besondere, einfach. Mart, seit Ewigkeiten vielen bekannt als NTT Verkäufer, DJ des Teams mit Butterfly Potion, Partymacher, Labelmacher, Hälfte von Impulse und selber Elektrofan, kurz: unauffälliger Immer-Da-Mann. So etwas wie ein Verteidiger, der eigentlich gar nicht auffallen will. Außer dadurch, daß keiner an ihm vorbeikommt, weil er einfach seine Arbeit macht. Er bleibt im Hintergrund, auch wenn er sich allein durch die Zeit, die er schon da ist, einfach aufdrängt. Er läßt es wachsen. Sammelt, informiert, bringt Freunden Tapes mit, CDs, tauscht Informationen aus, gibt Tips, öffnet das Studio, wenn ein Kick fehlt, läßt alles zum Netzwerk werden, baut Kreise aus, auch dort wo es wie Kleinkram wirken könnte. Und genau jetzt sitzt er an dieser Schnittstelle der Zeit, in der eine Generation zur nächsten wechselt und sich alles, nicht nur in der Musik, wieder ändert. Bands machen auf einmal fast nur noch elektronische Musik. Menschen wollen zu Drum and Bass anders singen, und gäbe es ein Indiepop-Label von Mike Ink, es würde niemanden wundern, man könnte sogar ein Recht drauf einfordern. Die Stilbrüche werden immer versierter, Strategien immer verzahnter, die hehren Lehren des Minimalismus wollen plötzlich ab und an auch Abwechslung außerhalb ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten zwischen den Bassdrums. Es ist nicht einfach Freestyle als neuer Stil, der die anderen abgelöst hätte. Es ist eine generelle Stillosigkeit, eine Unverfrorenheit und ein Terror des spröden Charmes der kleinen Peinlichkeiten jenseits ihrer Kultivierung zu Kitsch. Alles darf auf alles folgen, jeder mit jedem reden und sogar jeder überall hingehen, ohne daß man ihn schief ansieht. Mart war sogar gestern im Club. Die sozial überdifferenziert regulativen 90er Jahre in denen, was Lifestyle angeht, immer nur wohlgebettet innerhalb von Szenen alles erlaubt war, gehen auf ihr schnelles Ende zu. Die generelle Vernetzung wird erst jetzt so chaotisch und schön, wie auf dem Cover der Dodge Compilation. Wir brauchen keine neuen Feinde mehr, kein iiih, BigBeat, iiih, Musik ohne Eier, um uns alle als eine Bewegung zu verstehen, denn die Bewegung hat uns längst alle verstanden und feiert und belohnt die neuen Zusammenschlüsse nicht die Ausgrenzungen. Sie bewegt sich wieder, indem sie alles durchmischt. Die Zeiten, in denen man sich als Person in einer Art musikalischen Überwachungsstaat ausweisen mußte (so im naiven Charme von: “ich höre am liebsten Detroit Techno, du auch?”), könnten bald vorbei sein. Und das gerade jetzt eigentlich sehr passend. Doch erst mal zu den Kreisen. De:Bug: Wie kommen die Acts zu Dodge? Mart: Sie kommen, weil sie wissen, daß ich musikalisch ziemlich offen bin. Weil sie wissen, daß ich ehrlich mit den Leuten umgehe. Ich sage klar, daß es bei Veröffentlichungen auf meinem Label darum geht, daß es mir gefällt, weil es eine persönliche Geschichte ist. Die Meinung, auch wenn sie manchmal nicht besonders angenehm ist, weil manche Tracks für mich halt einfach nur nett sind, aber nicht gut genug, schätzen sie irgendwie. Es gibt jetzt ein neues Konzept von Dodge. Noch eine 12″ von einem Act, der es verpennt hat bis zur Compilation und dann ist Schluß mit Maxi Business. De:Bug: Ganz? Warum? Mart: Weil sich das einfach nicht lohnt, und ich auch all die Sachen einfach nicht mehr unterkriege. Das Konzept, daß eine 12″ die nächste finanziert, haut einfach hin. Weil aber zur Zeit so viele Leute auf mich zukommen und immer noch ein wenig der Zusammenhang fehlt, habe ich mir überlegt, demnächst kleine Mini-LPs zu machen. Die Stücke sind im allgemeinen kürzer geworden, weil ich allen auch gesagt habe: Bringt die Sachen doch auf den Punkt. So kann man bis zu 8 Tracks auf einer Platte machen. Wo Leute dann wie bislang vorgestellt werden können und zusätzlich noch Maxi-CDs davon gemacht werden, bei denen man den restlichen Datenspeicher ausnutzt um Stücke dazuzunehmen, die bei Vinyl schwieriger geworden wären. Es ist einfach super viel Material da. Wir warten auf unsere Dubplatemaschine. Jede CD wird einen Zusatz bekommen, daß wir jeden Track von unseren CD’s zum Selbstkostenpreis noch auf Vinyl schneiden. Ich kann den Leuten, die für Dodge was machen wollen, einfach nicht erzählen: Hey, ihr könnt eure Platte im Sommer rausbringen. Das ist zu lang. De:Bug: Wo kommen die ganzen Act her? Mart: Na, aus dem Ruhrgebiet. Du mußt dir einfach vorstellen, die Leute sind alle recht bedächtig. Die laufen nicht ständig rum. Das sind keine Leute, die irre viele Demos verschicken. Wenn sie auf eins mal keine Antwort bekommen, dann lassen sie es auch für eine ganze Weile und sind enttäuscht. Bleiben in ihrem Bedroom, oder geben nur ihrer Freundin die Tracks zu hören. Viel weiter gehen die nicht raus. Dadurch, daß mich jetzt einige kennengelernt haben, kommen immer mehr auf mich zu. Ich höre mir das auch alles an, gebe Tips, wer was veröffentlichen könnte, wenn ich es selber nicht machen kann und ruf die Label dann auch mal an, bevor sie das Tape bekommen, damit die sich das dann wieder anhören. Helfen halt. Ende April, Anfang Mai kommen dann die ersten Dodge LPs. Die sind lustigerweise nicht aus dem Ruhrpott. Heimkind aus Hamburg. Von Ruff Kuts. Der hat mich mit soviel Material so gekickt neulich, daß ich einfach nicht anders konnte. Das Brutale wird, daß es eine dreifach LP werden wird, weil er soviel gemacht hat. Doppel-CD und mit zusammenhängenden Geschichten von der Straße. Das ist nicht Drum and Bass, nicht Trip Hop, oder Big Beat. Das ist einfach Musik von der Straße. Das hört man richtig durch. Das geht dir ans Herz. Ich habe hart gekämpft, weil es das erste Mal was ist, was nicht aus der Neighbourhood kommt. Mir liegt halt viel daran, daß Dodge ein Ruhrgebiet Label ist, aber die Musik muß halt auch wirklich überzeugend sein. Manche brauchen halt noch ein wenig Zeit. Nach meiner Meinung. Das muß mich kicken. Und Heimkind hat mich einfach absolut überzeugt, daß es für das Label super ist. Manche Leute, die auf Dodge sind, sind auch alte Helden, wie z.B. Easy Mo. Das sind Klangforscher der ersten Stunde, die jetzt wieder was machen und dann auch noch Pop. Debug: Wirst du nicht Vinyl aufgeben müssen? Mart: Ich bin Junkie, ich will das Vinyl nicht aufgeben. Pro Jahr werden immer noch 250.000 Plattenspieler verkauft, und es werden nicht weniger. Das ist doch ein gutes Zeichen. Es gibt Sendungen im Radio ganz außerhalb des Clubkontextes. Klaus Viehr z.B. mit Kool Komplex. Nach so einer Sendung kann man sich einfach im Laden Platten bestellen, weil er immer das Label dazu sagt und auch, ob es die nur auf Vinyl gibt. Und es gibt immer mehr Leute, die so open minded sind. Leute, die eigentlich schon durch sind mit Musikhören, die alles schon hatten, fangen wieder von vorne an. Sie fühlen sich in den Clubs nicht mehr wohl, aber werden immer noch von Musik gekickt. Debug: Das Cover der Compilation scheint Dodge irgendwie zusammenzufassen. Mart: Ja, das setzt für mich ziemlich viel um. Das Ruhrgebiet, eine Verbindung von allen möglichen Kreisen, die sich immer wieder ziehen. Man lernt Leute kennen, die wieder jemanden kennen, den man auch kennt. Es kommt alles immer wieder zurück. Und das stellt es auch dar. Debug: Glaubst du, daß wir zur Zeit in so einer Art Umbruch Phase sind, in der alles wieder von vorne losgeht? Und wir, anders als zu Technohochzeiten, eine viel größere Bandbreite von Musik überall entstehen sehen, die irgendwie ganz neu ist? Mart: Ja. Ich sage ja, daß die Leute sich immer offener machen. Leute, die mit Techno oder House eine zeitlang nichts anfangen konnten, aber trotzdem auch dadurch, daß davon ein unbewußter Einfluß stattgefunden hat, gekickt wurden und jetzt wieder, oder erst jetzt, dabei sind. Leute, die es im Radio gehört haben. Das Radio darf man nie unterschätzen. Leute, die schlechte Erfahrungen mit Spartenmusik gemacht haben, weil es oft genug mal nur 140 Bpm gab, was vielen zuviel war. Ich lege mit Butterfly seit eineinhalb Jahren nur noch wirklich Freestyle auf. Ob HipHop, Drum and Bass, oder was auch immer. Man baut die Leute auf, kickt sie, läßt sie wieder fallen und wechselt von Tempo zu Tempo. Es ist die Zeit für so etwas. Die Leute sind uns wirklich dankbar, sie haben es noch nie gehört. Diskographie: 001 Dodge Trax Vol 1 002 Minimalphunk – Asszony & Amber 003 Monoscale – Monomanie 005 Various Artist – Welper EP 006 Impulse – One Seven EP 007 Simulation – Grand Green 008 Deep Absorber Sound – Fifth Generation (10″) 009 Mas 2008 – Battlefield in Space 010 In Vivo – Rhizome 011 H.E.I.M.-Elektronik vs. Jackson Four – Cruisin (soon) jetzt da: Dodge, The Compilation (CD&2×12″ mit Track von In VIvo, Matthew Boone, Mas 2008, Simulation, Impule, Atomopel, Cash I/O, Peleton

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Elektronische Lebensaspekte.