Eine Subkultur kann auch ohne Ausverkauf im Kino landen. Mit Dogtown and Z-Boys füttert uns Stacy Peralta, ein Old-School-Skaterstar, mit neuen Bildern und lässt den Z-Boys-Mythos wieder aufleben. Zwar wimmelt es von Videos über Skate-Teams aus der ganzen Welt - aber keiner außerhalb der Szene würde es merken. Peraltas Skater-Film allerdings interessiert Nicht-Kenner genauso wie Schon-alles-Wisser.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 63

Wir Kinder vom Surfshop Ho

Der Dokumentarfilm “Dogtown and Z-Boys” spürt den Pionieren des Vertical Skateboarding aus den 70er-Jahren nach: dem Zephyr Skate Team. Skater gab es vorher schon, aber erst die Z-Boys machten den Sport zum Kult: elf Jungs und ein Mädchen, Freestyle-orientiert und strikt Anti-Mainstream, wurden im “Skate Boarder”-Magazin gehypet, Peralta und Tony Alva wurden zu Teenieschwärmen und Sportstars.

Eine Szene dokumentiert sich selbst

Die Originalaufnahmen aus der Zeit sind das Herzstück dieser independent produzierten Dokumentation; sie stammen von dem Fotografen, Skate- und Surfboard-Designer Craig R. Stecyk und von dessen Protegé Glen E. Friedman, der später auch als Punk- und Rap-Dokumentarist (“Fuck you Heroes”) bekannt wurde. Damals hing Friedman mit den Z-Boys ab – und schuf deren beste Porträts.

Im Kontrast zum späteren Erfolg steht die Herkunft der Z-Boys aus dem abgewrackten Dogtown, einem Stadtteil von Santa Monica. In Venice Beach wurde Anfang des letzten Jahrhunderts ein Freizeitpark für die Bewohner von Los Angeles und Touristen aus dem Boden gestampft. Doch Mitte der 60er-Jahre brach das “Coney Island of the West” wirtschaftlich ein – und Dogtown verarmte. Stehen blieben die Ruinen der Fahrgeschäfte – und der Piers, an denen sich einladend die Wellen brachen.

Ein Surfparadies, gefährlich – und nur für Mitglieder: “No Invaders”, warnte die Clique von Jungs, die sich hier ihrer Surfleidenschaft widmeten. Ihre Boards hatten sie vom Designer Jeff Ho, der zusammen mit Stecyk, dem Co-Autor des Films, und Skip Engblom den “Jeff Ho & Zephyr Productions Surf Shop” führte. Hier hingen die oft aus dysfunktionalen Familien kommenden Kids ab – und hier wurde das Zephyr Skate Team gegründet.

Vom Surfen zum Poolriding

Nach einem ersten Boom in den 50ern waren Skateboards eigentlich out – sie wurden von den surfbegeisterten Kaliforniern nur bei Flaute benutzt. Doch dann entwickelte die Sportartikelindustrie eine neue Wheel-Technologie, Board-Hersteller sponserten Meisterschaften – und die Subkultur wurde vom Mainstream aufgegriffen. Sogar Farah Fawcett ließ sich in den 70ern auf dem Board ablichten.

Umso mehr war Skaten jetzt eine Frage des Stils: Auf den Schulhöfen – die in Dogtown scheinbar alle diese schön erhöhten Ränder hatten – entwickelten die verschworenen Z-Boys ihren Style; deutlich beeinflusst vom Surfen skateten sie “hands on the wave”, mit den Händen am Boden. Neue Drehungen und Schwünge waren möglich. In einer der schönsten Sequenzen des Films überblendet Peralta Aufnahmen der Z-Boys mit denen von Surfern: Bewegung pur und Musik.

Von den Schulhöfen zog man bald weiter – in die wegen der Dürre und der Pleite leer stehenden Swimming-Pools der Villen von Santa Monica. “Poolriding” wurde das Größte: Sauber machen, skaten, vor den Bullen fliehen. Und am nächsten Pool dasselbe. Hier haben Alva & Co. das Vert Skating erfunden, das Hochfahren an den Poolwänden – und die Airs, das sekundenlange Verlassen der Poolwand inklusive Drehung des Boards in der Luft.

Drei von Zwölf

Drei von Zwölf, Jay Adams, Tony Alva und sich selbst, widmet Stacy Peralta ein eigenes Kapitel in seinem Film. Peralta war der erste Z-Boy-Star, mit Werbeverträgen und einem Kurzauftritt in “Charlie’s Angels”. Ab den 80ern widmete sich Peralta der Nachwuchsförderung – er gilt als Entdecker von Tony Hawk – und drehte eine Menge Skate-Videos.

Mit Kinderbildern wird Jay Adams vorgestellt, als überaus begabter blonder Engel, bewundert für seine Verwegenheit: Als 13-jähriger ignorierte er mit größter Selbstverständlichkeit die Begrenzung der “Freestyle Area” bei den National Championships 1975 – und ließ die braven Handstandmacher und Rückwärtsfahrer alt aussehen. Heute hat Adams alte Augen, sagt dauernd “You know what I mean” – und saß, wie wir erst am Schluss erfahren, während der Dreharbeiten im Knast. Bei den Z-Boys war er ausgestiegen, sobald der Erfolg einsetzte.

Tony Alva, das Vorbild mit dem “athletic stream of consciousness”, galt als der Ehrgeizigste. Als erster hatte er seine eigene Firma – und ist heute ein freundlicher Typ mit Rastas, der immer noch täglich in leere Pools springt. Alva steht wohl auch für den entspannten Umgang der Szene mit Sponsoring: Mitfinanziert hat Peraltas Film der Sportschuh- und Bekleidungshersteller Vans. Die standen von Anfang an in enger Verbindung zur Skaterszene – und deshalb muss diesem Film auch die kritischste Jugend verzeihen: Vans müssen sich nicht irgendwo “hineinkaufen”, sie sind schon drin.

Nicht wehmütig werden

Wie das Retro-Schuhmodell zum Film verlässt sich auch der Soundtrack ganz aufs Zeitkolorit – von Herb Alpert bis ZZ Top. Manchmal ist die Musik auch arg affirmativ eingesetzt; fällt etwa das Wort Mafia, erklingt ein “Godfather”-sound-a-like. Und wenn der als Kind geradezu obszön hübsche Adams an der Kamera vorbeizieht, singt Rod Stewart ausgerechnet “Maggie May”.

Peralta nähert sich seinem Thema unerwartet distanziert; er tappt in keine Betroffenheitsfalle und vermittelt doch viel von seinem Insiderwissen. Die Schattenseiten einer längst vergangenen Erfolgsgeschichte lässt der Film trotzdem ahnen. Man kann in den schwarz-weiß gefilmten Gesichtern der gealterten Idole lesen und begreifen, warum die Kamera so wehmütig über ihre unbeschwerte Jugend schmeichelt. Das Schlimmste, lernt man da, ist wohl das Alter. Und was alles aus einem werden kann, wenn man seine ganze Teenagerzeit mit Skaten verbringt.

“Dog Town and Z-Boys”, Dokumentarfilm, USA 2001, Regie: Stacy Peralta, Buch: Stacy Peralta, Craig R. Stecyk, Sprecher: Sean Penn, mit Jay Adams, Tony Alva, Jeff Ament, Bob Biniak, Paul Constantineau, Skip Engblom, Glen E. Friedman, Tony Hawk, Shogo Kubo, Jim Muir, Peggy Oki, Stacy Peralta, Nathan Pratt, Henry Rollins, Wentzle Ruml, Allen Sarlo, Craig R. Stecyk, Kinotourstart: 15. August 2002, geplant bis Ende Oktober, Soundtrack bislang nur als Import erhältlich.

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Elektronische Lebensaspekte.