Markus Maeder und Bernd Schurer haben sich mit ihrem Label "Domizil" ein Exil in der Züricher Heimat gebaut, einer Stadt, in der immer mehr Menschen den Platz für Experimente immer weiter beschneiden. Warum aus einem neuen Cabaret Voltaire im Bahnhofsviertel nichts wurde und Presswerke in Basel Vorkasse wollen und wo Micromusic da ins Spiel kommt, weiß Sascha Kösch.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 55

DOMIZIL
Macht zuhause, was immer es will

Abgesehen mal von einigen Verschwörungtheorien, die besagen, dass die Sintflut sowohl von der Küste als auch von den Bergen kommt, oder die Schweiz deshalb verschwinden könnte, weil sie entweder den Pfad der Biogenetik verlassen hat oder einfach so mittendrin ist (Europa, Berge, Sprachen, ein permanentes Dazwischen eben), dass man sie übersieht, kennt man die Schweiz vor allem wegen eines Überflusses an Geld, das eben nicht alle haben, oder der Schokolade, die nicht alle mögen. Zürich hingegen kennt man, abgesehen von den obskur aufdringlichen Heroinsüchtigen und dem merkwürdig verschobenen Verhältnis von Kultur und Institution, weil man es außerhalb der Schweiz gerne für ihre Hauptstadt hält, weil sich dort diese Exemplifizierung eines Zwischenraums (Stadt am See, am Fluss, in den Bergen, irgendwie flach, hochkulturell, massenkonsumierbar, Bilderbuchstyle, bruchreif etc. etc.), die die Schweiz zu sein scheint, zu genau dem entwickelt, was aus einer Stadt einen unmöglichen, aber höchst komfortablen Platz für Exilanten und Immigranten im eigenen Land macht.

Domizil ist ein Label. Ein Label ist eine Heimat, die mehr ist als eine Stadt. Weil man dort das thematisieren kann, was einen beschäftigt, wenn man es nun mal auf sich genommen hat, aus dem Überleben einen Lebenstil zu machen. Markus Maeder und Bernd Schurer waren Kunststudenten. Ihr Label kann das bezeugen, würde sich aber darin nie auflösen lassen. Jede der Platten auf Domizil ist gerade eben so merkwürdig, dass sie dezent inkomensurabel erscheint, gerade so poppig, dass sie per se nicht als hochkulturelles Event verstanden werden kann, und vor allem immer dazwischen. Den ernsten Powerbookexperimentalisten zu albern, den gutgepflegten Club-Hedonisten zu merkwürdig. Domizil passt nie und immer – ist programmatisch Zürich, weil überall. Domizil Schallplatten haben immer auch diesen unmöglichen Lobgesang an das Akzidentielle, sei es die Kooperation mit Micromusic.net oder der legendäre Hundegesang zur tragischen und historisch komischen Orgel auf einer ihrer Platten. Ein Zusammentreffen von Glücksfällen, Ausnahmeerscheinungen mitten in dieser weltweiten Mitte, in der Zürich gar nicht allein ist.

“Vor ein paar Jahren habe ich mir überlegt, mir in Berlin mal eine Wohnung zu mieten und ein wenig länger zu bleiben, aber das hat sich in der allgemeinen Inflation aufgelöst. Ich habe zu lange mit der Entscheidung gewartet und dann hat sich das verwässert und wurde hinten angestellt. Aber jetzt im Moment ist die Situation in Zürich grade so schlimm, dass ich finde, jetzt ist eine Schmerzgrenze erreicht, an der man sich wieder fragt, ob man es noch aushalten kann. Ökonomisch vor allem. Die Stadt ist zur Zeit so voll, es gab seit 17 Jahren nicht mehr so viele Leute in der Stadt. Es gab einen Abwanderungs-Trend. Offenbar können die meisten es sich leisten, teure Wohnungen zu haben. Kultur zu machen, kann man eh fast vergessen. Alternativkultur hat einfach fast keine Räume. Vor 1 1/2 Jahren musste ich tatsächlich mal eine feste Stelle annehmen, weil es echt nicht mehr anders ging. Man konnte nicht mehr wie bis dahin das Geld für die nötigsten Sachen einfach irgendwoher auftreiben. Und das ist dann einfach auch zuviel. Da macht man einen blöden Job und die Situation hat sich doch nicht verbessert, weil man nicht mal mehr Geld hat, das man ausgeben kann. Ich muss einfach nur mehr arbeiten. Ich verkaufe Apple Computer als EDV Fachkraft. Irgendwas, was mit dem, was ich sonst mache, nichts zu tun hat.”

Wer aber wie die beiden von Domizil ein Label in Zürich macht, der hat genau die gleichen Probleme wie der Rest der Welt: Distributionsprobleme, Presswerkprobleme, Auflagenprobleme. Nur eben ein wenig mehr, denn wie Markus Maeder sagen würde: “Die Schweiz gehört ja nicht zum Rest der Welt. Das ist immer kompliziert mit Formularen. In der Schweiz selber machen wir jetzt zum ersten mal die neue Micromusic EP. Das wird ein Test mit einem kleinen Basler Presswerk. Mit denen haben wir eine dubiose Korrespondenz geführt. Mit dieser einen Person. Wir glauben, die brauchen das Geld deshalb im voraus, weil sie Sachen kaufen müssen, um pressen zu können. Es ist schon schlimm, dass man immer die Schweiz vertreten soll.” Ohne Verortung wird einen aber auch kein noch so gut installierter Glücksfall in einen Zwischenraum transportieren.

Cabaret Voltaire am Bahnhof

Weshalb man vielleicht die anderen Orte aufsucht, in denen Domizil stattfand. Die Partys, Events, die Geschichte einer unmöglichen Institutionalisierung, des Stattfindens von Stattmusik (wie ein anderes Label Zürichs heißt). “Wir hätten fast einen neuen Ort gehabt. Das wäre eine dicke Geschichte gewesen. Wir haben als Domizil ja auch Veranstaltungen gemacht. Als wir beide zusammen Kunst studiert haben, hatten wir schon damals einen Kunstraum aufgemacht, in dem es aber immer auch viel Musik gab. Der hieß Kombirama, ein Zusammenschluss von ca. 10 Leuten. Dort musste man aber bald raus und in die Innenstadt, ins Prostituiertenviertel von Zürich, wo wir ein halbes Bürohaus hatten. Nach einem Jahr waren wir komplett pleite. Die Idee war jetzt, so etwas wieder aufzumachen, nicht nur Musik, sondern breiter zu werden. Ein Audio- oder Media-Archiv, wo man auch Sachen kaufen oder leihen kann. Der Ort dafür wäre optimal gewesen. Das wäre die Wiedereröffnung des Cabaret Voltaire gewesen. Mitten in der Altstadt und jeder hätte es gekannt. Das Problem sind natürlich die Eigentümer des Hauses. Eine Investmentfirma. Spezialisiert auf Immobilien.”

Also muss vorerst das Label das alles als Domizil tragen. Wer hätte behaupten wollen, dass man für ein Label keine Miete zahlen muss? Aber wie es halt so ist, wenn die Situation schwerer wird, werden die Aufgaben, die man sich stellt, gewagter. Und Domizil planen noch diesen Winter gleich 4 oder mehr Releases, Kollaborationen mit Jazzmusikern und Improvisationisten, Events, Kompositionsaufträge, Umzüge, Eigenes, Ereignisse… und irgendwann nie wieder als Graphiker jobben zu müssen. Domizil ist so etwas wie ein Außenposten geistiger Gesundheit, mittendrin.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.