Text: jan joswig aus De:Bug 16

Donkey Kong never lies Electro: nie wieder, was es war: Retro rotiert Jan Joswig janj@de-bug.de Raus aus den Pilzen, rein in die Pilze Der Kontext bestimmt die Bedeutung des Objekts. Ein historischer Stil – Electro – wird in seiner Wiederauferstehung neu gedeutet schon allein durch den veränderten Zeitrahmen. Leichen werden exhuminiert und können wieder grinsen. Der DJ, der heute Electro auflegt, leistet durch die Entscheidung, einen abgelegten Stil wieder aufzugreifen, einen kreativen Akt der Neuschöpfung. Erst recht der Musiker, der mit heutigem Wissen und heutiger Hardware die Electro-Ästhetik bearbeitet, legt im Track selbst die zeitliche Verschiebung produktiv offen, indem er historische und aktuelle Sprache zusammenschneidet. Alles klar auf der Andrea Historica Retro-Kulturen versprechen im Gegensatz zu nach vorne gerichteten Neuerungen ohne Rückspiegel Geschichte und damit auch Fortschritt überprüfbarer, kontrollierbarer zu gestalten. Im historischen Rückverweis werden Vergangenheit und Gegenwart vermessbar, da amüsiert es sich doch gleich viel abgesicherter. Im Unterschied zum Recyclen der Sixties, für die heutige Generation nur als Mythos greifbar, leben die Retro-Stile zu den Siebzigern (Soul, Schlager) und Achtzigern (Elektro-Pop, New Wave und eben Electro-HipHop) von dem unmittelbaren biographischen Erleben dieser Zeit durch alle Beteiligten. Dem Wieder-Neu-Entdecken wohnt so neben dem progressiven Umdeuten auch immer ein regressives, die eigene Geschichte verklärendes Moment zum wohligen Daranfesthalten inne. Oh, unbeschwerte Zeit der Adoleszenz. Hier schießt der Pianist auf sich selbst Die Entscheidung zu einem historischen Stil für die Gegenwart ist nicht wahllos und auch nicht nur aus dem chronologischen Fortschreiten der Retrospirale zu erklären. Sie ist abhängig von den herrschenden Paradigmen in der Musik und der herumgelagerten Kultur. Gerade in einer Kultur, die sich die Non-Referentialität ihrer Musik (Techno, Drum and Bass) zugute hält, ist das Ausweichen auf Retro-Stile ein Krisenkommentar zur aktuellen Lage. Aus der Ermüdung auf die Spielwiese der Geschichte. Wie weit Retro in Konkurrenz zu den parallelen Stilen mehr sein kann als ein kurzer Witz am Rande zur allgemeinen aufmunternden Erheiterung, hängt vor allem von der Substanz des zugrundeliegenden Genres ab. Electro also: 1982 ist frfrfrisch ”Wie ist es möglich, mein Freund! Ein Ding so ganz ohne musikalischen Wert…”, Gerda Buddenbrook. Was haben wir gelacht: metallische Androidenstimme, um die Ohren geschlagener Peitschenknallrhythmus, Krieg der Sterne-Bombastkeyboards und dann immer diese Wischgeräusche, als ob jemand mit der rauhen Seite des Haushaltsschwammes Mutters Lieblingsglasvitrine schrubbt. Ist das der Soundtrack zu “Schweine im Weltall”? “I’m the packman” führte uns alle Erkennungsmerkmale einer Musik vor, die sich zwischen Karneval im Weltraum und Computerspielen am Times Square entwarf. Und wir (und fast die ganze übrige Welt) hörten nur einen Novelty-Scherz: it’s a New York thing, you wouldn’t understand. Hinter die vordergründige Plakativität und Infantilität dieser Musik zu dringen, wurde noch erschwert durch die Repräsentationspolitik in einer Linie mit Sun Ra und George Clinton mit ihren Space-Cowboys, ägyptischen Liebhabern und Schlümpfen auf Äther. (Auch bei Sun Ra überhörte man lange hinter dem inszenatorischen Spektakel die Qualität der Musik, von einem Zusammendenken ganz abgesehen.) Electro entwarf ein futuristisches Abenteuerspielplatz-Universum, das vor allem eine Gruppe begriff: die Kids. Hier waren die Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen an der Macht, und kein Postpubertierender konnte ihnen folgen (auch wenn auf Produzentenseite die Vaterfiguren dominierten). Was Electro von dem Boygroup-Phänomen unterscheidet, ist die musikalische Reichweite. Avantgarde ohne Diplom, y’all Electro setzte nicht nur die Oldschool-Errungenschaft einer bewußten Zweite-Hand-Kultur fort, die mit vorgegebenen Materialien (den Schallplatten) arbeitete. Es nutzte auch die neuen technischen Möglichkeiten zur vollelektronischen Musikproduktion, die mit dem Synthesizer nicht mehr traditionelle Instrumentenklänge simulierte, sondern die spezifischen elektronischen Klangmöglichkeiten weit in den Vordergrund stellte. Mit den schneidend verzerrten Keyboardeinwürfen und den Scratches, die Geräusche jenseits der Notierbarkeit zu Musik erhoben, bewegte sich Electro in einem Feld, das weitaus mehr mit Throbbing Gristle oder der Musique Concr?te verband als mit Vader Abraham. Daß aber diese Geräuscheerforschung in BPM rhythmisch geordnet wurde, man zu Avantgarde plötzlich tanzen konnte, das war einer (weißen, mittelalten) Kritikerkaste, die weiterhin mit der U- und E-Musikschere hantierte, nicht beizubringen. So blieb Electro die Gimmick-Musik, die sie nicht war: eine Avantgarde außerhalb der Avantgarde-Zirkel. Ein Schritt, der vorher nur Gershon Kingsley mit “Popcorn” und Kraftwerk mit “Autobahn” geglückt war (und den später Techno in seinen Sternstunden wiederholen können sollte). Es spricht für die künstlerische Hellsichtigkeit einzelner Außenstehender wie Bill Laswell oder Herbie Hancock, daß sie sich frühzeitig in Electro einklinkten. Nicht, daß man diese Seriösitätsgaranten anführen müßte, um Electro zu rechtfertigen, aber hier hätte man bereits damals aufhorchen können und kann es heute wieder. Denn in dieser Position von außen befindet man sich zwangsläufig auch heute zu Electro. Ein Modell, das man nutzbar machen könnte. Freeze Zwei Sommer verrenkte man sich im Donkey Kong Juggle, dann wurde der Stecker gezogen. Das Comic-Universum von Electro erwies sich als zu starr und zu anfällig für Instant-Hit-Ausbeutungen, die längerfristig selbst ein Genre, das mit der Instant-Ästhetik spielt, zermürben, als daß es jenseits banaler Effektewiederkäuerei kreativ nicht versanden mußte. (Die Electro-Sampler-Reihe auf Streetsounds verdient ab 1985 kaum noch den Namen.) Die HipHop-Gemeinde suchte den Schnitt in der spartanischen Beat-Box-Reduktion und wurde agressiv statt astronautisch. Das musikalische Zukunftsversprechen von Electro —-eine den Alltagssounds vorauseilende Tanzmusik, die keinen Soul mehr nötig hatte—-wurde in der Folge von Techno eingelöst, der sich von vornherein mit abstrahierteren Klängen und unabhängiger von Repräsentationsfallen (die Gesichtslosigkeit in Techno) als offenere Zuschreibungsfläche anbot. Daß aber auch Techno ohne Electro anders klingen würde, gesteht Juan Atkins, der sich von “Planet Rock” zum Überdenken seines musikalischen Konzeptes herausgefordert fühlte. Amüsiert wie Bolle Fünfzehn Jahre später ist dann alle Welt so weit, sich im Schutze der geschichtlichen Patina zu Electro zu bekennen (wie man sich zum Drei ???-Lesen bekennt). Wenn heute Electro wieder rezipiert wird, geht es vorrangig um die als antiquiert wahrgenommenen Futurismusklänge (so antiquiert wie die UFOs in den fünfziger Jahre Science Fiction) und weniger um die strukturelle Kombination aus neuen Klängen und deren Organisation für ein Außerirdischen-Kollektiv. Retro-Electro läuft Gefahr, als leicht kategorisierbarer Hip-Scherz mit geringer Halbwertzeit zu verenden. Es zeichnet sich dem Mißtrauischen eine zukünftige Aneignungssituation ab, die sich in schenkelklopfend ironischer Abgesichertheit wiegt: was sind wir kindisch, aber nicht in erster Ordnung, sondern als Zitat. Das Ticken der Stopuhr beschleunigt sich noch durch die aufhorchende Industrie, die für das Abrufen zementierter Electro-Standardsounds Goldbarren herüberstemmt, die einen jeglichen idealistischen Experimentiergeist hinfortlachen lassen. Hat jemand in letzter Zeit sein Ohr an der Telekom-Service-Warteschlaufe gehabt? ZITAT: WICHTIG, FETT IN DIE MITTE Können und wollen die heutigen Electroproduzenten dieser künstlerischen Sackgasse entgehen? Unsere luchsäugige General-Inquisition wird Aufklärung bringen. ZWEITE WAHL ZITAT, FALLS NOCH EINS NÖTIG Leichen werden exhuminiert und können wieder grinsen.

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Elektronische Lebensaspekte.