Regina Janssen muss ihrem Günther immer wieder entfliegen. Und das ist viel romantischer, als es die Erklärung: Na, sie ist eben Stewardess! profanisieren könnte. Wie sehr schwerromantisch, dem kann man in klarster Form auf Donna Reginas neuem Album "Northern Classic" nachsinnen.
Text: kerstin schäfer aus De:Bug 56

Schneekönige
“Die Wände des Schlosses waren gebildet von dem treibenden Schnee und Fenster und Türen von den schneidenden Winden. Es waren über hundert Säle darin, alle wie sie der Schnee so zusammenwehte. Das starke Nordlicht beleuchtete sie alle, und sie waren so groß und leer, so eisig kalt, so glänzend! Nie gab es hier Lustbarkeiten, nicht einmal einen kleinen Bärenball, wozu der Sturm hätte aufspielen und wobei die Eisbären hätten auf den Hinterfüßen gehen und ihre feinen Manieren zeigen können. Die Nordlichter flammten so genau, dass man sie hätte zählen können, wann sie am höchsten und wann am niedrigsten sie standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaal war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke zersprungen, aber jedes Stück war dem anderen gleich, so dass es ein vollkommenes Kunstwerk war.”
(Aus “Die Schneekönigin” von Hans Christian Andersen)

Das neue Album “Northern Classic” von Donna Regina fügt sich so nahtlos in das Märchen über die Schneekönigin ein, dass man beim Hören förmlich den Film dazu visualisiert. Und zudem ist es auch das Lieblingsmärchen von Regina Janssen, die zusammen mit Günther Janssen Donna Regina ist und dem Duo die zärtliche, über den Beats schwebende und Zeit-einfrierende Stimme verleiht. Ich sehe sie meistens auf dem Scherben des gefrorenen Sees sitzen und singen.

Let’s Get Slow
Nach dem vorangegangen Longplayer von 1999 “A Quiet Week In The House”, ebenfalls auf Kölns sympathischsten Label Karaoke Kalk erschienen, sind Donna Regina nun dabei, mit ihrem siebenten Album zwanglos eine neue Definition der Kombination von sanfter Elektronik und analoger Akustik herbeizurufen. Eben “Northern Classic”. Das klingt dabei unglaublich europäisch. Der Titel und auch das gleichnamige Stück lassen das Herz vor Melancholie fließen und machen ihre Musik mit nichts anderem vergleichbar. Nicht nur wegen der Eigenständigkeit des Sounds sind Donna Regina nicht einfach in die Popschublade packbar, denn dafür besitzt ihre Musik einfach viel zu viel Tiefe und Seele und sind beide zu sehr Musiker aus dem Herzen. Immerhin produzieren sie seit zwölf Jahren gemeinsam und haben mit Veröffentlichungen auf den Labeln Our Choice (Debut LP “Lazing Anway” 1992), Strange Ways (LPs “Almaty” 1993, “Her Beautiful Heart” 1995, “Follow The Sea” 1997 und “Planet Me” 1998) und letztendlich Karaoke Kalk reichlich Spuren hinterlassen. Für Herberts Label Lowtech legten sie noch einmal “Follow The Sea” als 12″ auf – mit Remixen von Herbert und ihnen selbst. Das Einzigartige an Donna Regina mag sein, dass sie im Gesamten so harmonisch klingen, was sich als Universalrezept gegen schlechtes Wetter und Liebeskummer erweisen kann. So warm im Klang, was vielleicht auch daran liegen mag, dass die beiden seit Jahren ein glückliches Paar sind und ebenfalls beim Interview eine Einheit bilden können – selbst am Telefon.

Blue (Happy Without You)
Im Vergleich zum letzten Album “A Quiet Week In The House” klingt “Northern Classic” musikalisch abstrakter. Der Beat ist augenscheinlicher, Reginas Stimme ist nicht mehr ganz so fließend in den Sound eingebettet, hat mehr Platz zum Klingen und etabliert sie dabei zusätzlich als eigenständiges Instrument. Regina erklärt, dass dies eine Entwicklung über die letzten Jahre gewesen sei: “Die Befreiung von lästigem Soundballast ist in den Vordergrund gerückt, der Beat ist mehr hörbar, das ist wahrscheinlich das Auffälligste.” Günther entgegnet dazu, “dass diese Abstraktion eher als eine allgemeine Tendenz zu verstehen ist. Die Musik verändert sich über die Zeit, genau wie das eigene Aussehen. Man wird älter, bleibt aber im Grunde genommen immer noch erkennbar der selbe.” Reduktion fassen beide allerdings auch nicht als ästhetischen Zwang auf, eher als Tendenz – Donna Regina werden nie minimal klingen. “Was klingen soll, sind die Stücke im Gesamten, nicht nur die Struktur”, so Günther.

Why Do You Ask?
Man könnte meinen, Donna Regina fügen sich recht gut ein in das Bild von Köln, die Musik, das Leben in der Großstadt, die manchmal eher klein erscheint. Nach Kollaboration mit Matthias Schaffhäuser (“Lido Hotel – Desire” / Force Inc.), oder Donna Regina-Remixen von Sand 11 (“Yeah Yeah Yeah” / Ladomat), Charles Wilp Remix Compilation (“Michelangelo in Space” / Atatak) oder Decomposed Subsonic (“Blaue Löwen”/ Ware) könnte man meinen, sie sind sehr nah dabei. Doch vollzieht sich die Arbeit für sie eher in einem luftleeren Raum und ziemlich unabhängig von bestimmten Szenen. “Wir könnten die gleiche Musik machen, wenn wir in Hamburg, oder Berlin wohnen würden”, so Günther. Nur mit Karaoke Kalk haben sie einen ziemlichen Glücksgriff gemacht, meint Regina, lacht und beschreibt Labelinitiator Thorsten Lütz als musikalisch sehr offen, aber unglaublich geschmackssicher.

Favourite Human
Die spezielle Donna Regina-Mixtur von Text, Gesang, Elektronik und Akustischem macht sich ebenfalls im Undefinierbaren zwischen Lied- und Trackstruktur sichtbar. “Alles ist irgendwie eins: Lieder, aber nicht die rein elektronische Variante, oder dann Tracks mit Scratches und Hawaigitarre”, erklärt Günther, der auch alle Instrumente spielt und selbst eine sechs Minuten lange Bassline ohne die Spur eines Computers eben sechs Minuten lang spielt. Mit dem Mix von analogem Equipment – einem alten EMU-Sampler, einer alten Rhythmusmaschine und einer wahrscheinlich beträchtlichen Ansammlung von Instrumenten, bekommt der Klang von Donna Regina eine Qualität, die so unheimlich tief geht, weil sie auf schnelle Produktionen verzichtet und sich durch die eigenen Fehler filtert.

Who’s You Who’s Me
Die Texte stammen dabei zum größten Teil aus der Feder von Regina, die als Langstrecken-Stewardess ihre Eindrücke festhält, die dann später faktisch gesamplet werden. Und sie liebt das Reisen, da kann sie auch am besten schreiben, sagt sie, Der Text ist zudem häufig der Ausgang für die Stücke, die Melodien werden auf den Text rhythmisiert – aber es darf bloß nicht zu statisch werden, betonen beide immer wieder. Und das Lieblingsthema für Regina wird wahrscheinlich Günther aus der Ferne sein, wie eben bei “Northern Classic”. Die Texte müssen immer Hand in Hand mit der Musik gehen, beides soll nicht als voneinander losgelöst betrachtet werden. “Deswegen stehen die Texte auch nicht im Booklet, ich schreibe ja keine Gedichte, es soll eins mit der Musik sein”, meint Regina dazu.

When I Was Younger
Auch eine strikte Trennung zwischen reiner Elektronik und Gitarren haben Donna Regina nie mitgemacht. Warum sich dann auch dem Dogma des Innovationszwanges beugen? Günther liebt die Routine im Umgang mit seinem Equipment, der Entwicklung der Laptop- und Clicks’n’Cuts-Bewegung steht er bis auf wenige Ausnahmen wie Jan Jelinek, Wunder oder Bias 4 emotionslos gegenüber.

Sea People
Die Livepräsentation von Donna Regina gestaltet sich dann überraschend anders. Unterwegs mit DJ Steffen Irlinger und dem Donna Regina-Sound auf 8-Spuren im Gepäck, gibt es dann eine Art Live-Remix zu hören, der von Günther auf der Hawaigitarre und von Regina singend begleitet wird. Günther bevorzugt die “großen” Bühnen mit dem Abstand zum Publikum und dem perfekten Klang.

Drifting Around
Um den Abschluss zu finden: Selten hat mich Musik so an der Seele berührt wie die von Donna Regina. Und die Unvergleichbarkeit macht es wahrscheinlich für den ihnen zugeneigten Hörer noch einfacher, ein “Ja, ich bin ein Fan” auszurufen. Danke an Donna Regina für die schönen Stunden mit ihnen.

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Text: sven von thülen aus De:Bug 28

Donna Regina Eine freudige Überraschung Es gibt immer wieder Platten, die ganz plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen scheinen und deren Musik einen von da an überall hin begleitet, sei es nach dem Aufstehen, beim Einschlafen, als täglicher Soundtrack im Walkman oder als blosse Melodie im Kopf. Platten, bei denen man sich auch nach Ewigkeiten noch an den Tag erinnern kann, an dem man sie zum ersten Mal in den Händen gehalten und gehört hat, weil das Gehörte so grossartig und auf seltsame Art und Weise vertraut war. Das Auftauchen der Donna Regina Ten Inch “Pool” in unseren Redaktionsräumen war ein solcher Moment, eine solche Platte. Die Repeatfunktion des altehrwürdigen Büroghettoblasters war in Dauerbetrieb, und der sanfte Indiepop Donna Reginas, dessen plinkernde Melodien und der mal in Französisch, mal in Englisch gehauchte Gesang, der an Momente erinnert, in denen die Zeit stillstand und alles gut war, wurde für eine Weile zum unangefochtenen Soundtrack des Redaktionsalltags. Pop und Kitsch können so schön sein.Und dass auf dem Cover das Logo des Kölner Labels Karaoke Kalk zu finden war, überraschte nicht, hatte man in Köln doch mit der letztes Jahr erschienen Jörg Follert LP “Wunder” schonmal ein wunderschönes Electroindiepopalbum herausgebracht. Die Freude über “Pool” war noch sehr präsent, da folgte die Information, dass Karaoke Kalk auch schon einen fertigen Donna Regina Longplayer in der Hinterhand hätten, der zur Veröffentlichung bereitstehe. Ein Grund mehr, sich mit diesem (vermeintlich) neuen Projekt näher zu befassen und die eigene Neugierde, wer sich hinter Donna Regina verbergen mag, zu befriedigen. Oops! ”Wir machen Donna Regina seit etwa sieben, acht Jahren.Unsere erste LP kam 1992 auf Rough Trade /4AD raus, und danach haben wir noch vier Alben auf Strangeways veröffentlicht”, erzählt Regina Janssen, ihres Zeichens Sängerin und neben Günther Janssen die eine Hälfte von Donna Regina aus Köln, gut gelaunt, nachdem ich die Ten Inch auf Karaoke Kalk vorschnell als ihr “Debut” bezeichnet habe. Das Staunen ist gross, und während die Verbindung zu 4AD anno 92 noch ganz einfach herzustellen ist, will mir die zu Strangeways nicht so recht gelingen. Die kurzen, manchmal an Saint Etienne erinnernden Indiepopesongs Donna Reginas wirken im Umfeld dieses Hamburger Labels irgendwie verloren. Eine Einschätzung, mit der ich nicht ganz alleine dastehe. “Die beiden Platten auf Karaoke Kalk stellen für uns den Neuanfang dar, den wir brauchten, da die Chemie zwischen uns und Strangeways nicht mehr so recht gestimmt hat. Wir haben da Album auf Album produziert, die auch, vorallem in Japan, recht erfolgreich waren, aber dann war es auch irgendwie genug.Wir wollten gerne auf einem Label sein, bei dem die Wege nicht so weit sind, zu dem wir einen direkten Draht haben.Wir mussten ganz einfach feststellen, dass uns die Verbindung mit Strangeways nicht so recht genützt hat, da wir irgendwie gar nicht in deren musikalisches Programm gepasst haben.” Bezeichnenderweise war es dann auch die schon angesprochene Jörg Follert LP “Wunder”, durch die Regina und Günther auf Karaoke Kalk aufmerksam wurden. Aber mit dem Labelwechsel hat sich, obwohl sich die Musik und die Idee hinter Donna Regina nach eigenen Angaben kaum geändert hat, auch der Kontext verändert, indem sie wahrgenommen werden. Eine Entwicklung, die beide, da sie sich selbst sowieso immer eher im Kontext von elektronischer Musik und Club Kultur im weitesten Sinne zu Hause gefühlt haben, begrüssen. Nach zwei EP’s auf Matthew Herberts Low Life Label war der Wechsel zu Karaoke Kalk für sie dann auch ein logischer Schritt, mit dem sie sehr glücklich sind. Die Zukunftsplanung besteht vor allem darin, eine Liveshow zusammenzustellen und ein paar Konzerte zu geben. Ein Vergnügen, in dessen Genuss bis jetzt nur JapanerInnen gekommen sind. Dorthin wurden die beiden nämlich schon zu einer Tour eingeladen, da in Japan eine Nissan Werbung mit einem ihrer Songs verschönert wurde, der im Land der aufgehenden Sonne für soviel Aufsehen sorgte, dass man Donna Regina prombt direkt zujubeln wollte. Japaner sind uns halt immer noch einen Schritt voraus.

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