Jason Forrest ist einer von diesen wild gewordenen Cut-Up-Terroristen, die ihre Samples durch eine atemlose Achterbahnfahrt aus wütenden Breaks und schnellen Beats vor sich hertreiben. Nicht ohne einen gewissen Sinn für Aufklärung. Denn Jason Forrest ist Musikliebhaber, nicht nur Splatterfreund.
Text: Gerd Ribbeck aus De:Bug 80

Herzbube aus New York
Jason Forrest

Vor drei Jahren hat Jason Forrest alias Donna Summer den ersten Schwung CDRs verschickt. Prompt folgten Langspieler in Japan und England. Jetzt kommt er ganz groß bei Deutschlands Label Sonig raus. Zu Recht. Auf sein neues Album “The Unrelenting Songs Of The 1979 Post Disco Crash“ darf sich nämlich auch die Ü40-Riege freuen.

Auf der Bühne ist Jason Forrest eine Wildsau. Er ist laut, trägt Bauch und Halbglatze und zwingt seine unmittelbare Umgebung mit Armen, Beinen, Arsch und Stimme zu unvermeidlicher Interaktion. Kein Poser, es muss einfach aus ihm raus. Er dürfte der einzige Laptop-Act weltweit sein, der auf Rockfestivals gebucht wird. Als DJ seiner wöchentlichen Radioshow “Advanced D&D“ bei dem New Yorker Lokalsender WFMU, der auch ins WWW ausstrahlt, spielt er tonnenweise unveröffentlichte Demos aus aller Welt und bringt Specials über Yes, ELO oder Death-Metal. Als Musiker ist er der Big Daddy des Cock-Rock-Disco-Entertainments, komponiert aus geklauten Lieblingssamples von alten Metal-, Progrock- und Disco-Platten aus den 70er-Jahren mit der Energie des Breakcore neuartige Melodien voller Musikalität. “The Unrelenting Songs Of The 1979 Post Disco Crash“ ist allerdings ungewöhnlich splatterfrei. Musik-Memory für die ganze Familie.

Debug:
Wie war dein Konzert am Montag auf der Transmediale?
Jason Forrest:
Wie du hörst, bin ich ein bisschen heiser vom Schreien … das war mein drittes offizielles Konzert in Berlin und es war ziemlich groß dieses Mal. Es kamen viel mehr Leute, als ich erwartet hatte. Diesmal musste ich sie allerdings ein bisschen härter rannehmen, aber zum Schluss sind dann doch alle ausgerastet, viel Geschrei und Gebrüll …

Debug:
Vermisst du im Zusammenhang mit der Transmediale deine Karriere als bildender Künstler?
JF:
Überhaupt nicht, kein bisschen. Diese Kunstwelt bewegt sich doch immer auf einer Ebene, die keinen Bezug zu den Menschen mehr zulässt. Sie ist immer ein bisschen zu akademisch und zu ernsthaft. Aber was mir an diesem speziellen Berlin-Besuch so gut gefällt, ist einfach jeden Abend auf der Transmediale sein zu können. Wieviele Leute ich hier getroffen habe! Meine ganze Musik, die Live-Shows und all das, da geht es mir schon darum, direkte Verbindungen zu Leuten aufzubauen, egal ob Fan oder sonstwer. Dieses erweiterte Netzwerk von Freunden aus aller Welt fängt wirklich an, spannend zu werden. Damals in Atlanta war ich ein sehr ernsthafter Künstler, ich war Kunstkritiker und Kurator. Nach New York bin ich gegangen, weil ich es dort als Künstler richtig wissen wollte. Ich hab die ganzen Galerien dort abgeklappert und mit zig Leuten geredet, aber irgendwie ging es immer nur ums Geld. Die wollten alle immer nur wissen, wo man seine Sachen ausstellt und für wieviel man sie verkauft, bevor sie freundschaftlich mit einem umgehen, und das fand ich total schleimig. Ich war echt frustriert von dieser New Yorker Kunstszene. Dann habe ich andere Leute kennen gelernt, DJs und Musiker, die sagten, “Hey, du machst Musik? Lass uns mal zusammen auflegen”, oder “Komm doch mal zum Essen und wir hören dein Demo an”, man hat mich auch in Bands eingeladen. Da war eine Herzlichkeit, dieses Einbeziehen, nicht nur als Musiker oder Tonkünstler. Es ging darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein, und das fehlt der New Yorker Kunstszene komplett. Jetzt fühle ich mich wahrhaftig unterstützt und tue alles dafür, andere Leute zu unterstützen, denn darum geht’s.

Debug:
Wie kommt’s, dass auf deiner neuen Platte nicht Donna Summer draufsteht?
JF:
Naja, die echte Donna plant ihr Comeback in den USA. Sie hat gerade ein Buch geschrieben über die Siebziger und außerdem ist sie bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag. Ist aber auch egal, denn in allen Medien stand sowieso immer Donna Summer aka Jason Forrest, auch schon bei meinem ersten Album, also fühl ich mich jetzt ohne den Namen auch nicht unbedingt als jemand anderes.

Debug:
Hast du wegen deiner Musik schonmal Post vom Anwalt bekommen?
JF:
Noch nie, ich klopf auf Holz! Ich hab da eine Freundin in New York, die ist zugelassene Anwältin für Copyright-Fragen, die habe ich mal mit Fragen gelöchert, doch im Ergebnis kommt es immer aufs Gleiche heraus. Wenn mich die großen Plattenfirmen für irgendetwas verklagen wollen, werden sie auch gewinnen. Das ist deprimierend, traurig und total dumm, aber leider ist das die Welt, in der wir leben.

Debug:
Was ist der 1979 Post Disco Crash?
JF:
Die Idee und den Titel der “Unrelenting Songs Of The 1979 Post Disco Crash“ trage ich schon seit Jahren mit mir herum, noch bevor ich mein erstes Album veröffentlicht habe. Der Post Disco Crash ist für mich der Versuch, mit der neuen Version einer neuen Disco-Musik um die Ecke zu kommen, aus diesen ganzen Samples etwas ziemlich Menschliches und Fassbares neu zu schaffen. Ich mag das “unrelenting“, das Unbeugsame daran, dass du es nicht wirklich stoppen kannst und dass es vielleicht auch ein bisschen zuviel des Guten ist. 1979 gab es in diesem riesigen Baseball-Stadion in Chicago während der Pause diese Aktion, Discoplatten zu verbrennen und in die Luft zu jagen, um den Rock zu retten, nachdem der Markt damals mit Disco überschwemmt wurde. Das Lustige daran ist, dass ausgerechnet Kiss eine dieser Bands waren, die immer als Disco-Killer zitiert wurden, dabei wurden Kiss von Neil Bogart gemanaged, der sozusagen der Erschaffer von Donna Summer war, und Kiss waren ja auch auf seinem Label Casablanca. Neil Bogart hat also einerseits aus Disco ein musikalisches Phänomen gemacht, das er andererseits zugunsten von Kiss wieder getötet hat.

Debug:
Deine Platte kann man sich ja richtig anhören, wie kommt das?
JF:
(lacht) Ich dachte, es war an der Zeit, ein Album zu machen, das viele verschiedene Leute hinter sich bringt. Aber es ist definitiv kein Pop-Album. Ich habe viel von meinen Live-Shows ausgeschlachtet, wo es darum geht, diesen besonderen Moment und die große Verbindung zwischen mir als Künstler und den Leuten da draußen herzustellen. Viele Stücke habe ich mehrfach überarbeitet. Einige Songs habe ich zugunsten neuerer Stücke vom Album genommen, die erscheinen jetzt auf einer EP bei Sonig. Ganz ehrlich, für den Stil hab ich viel Pink Floyd gehört, ich wollte wirklich ein Album wie “The Wall” machen, mit dieser Idee des totalen Hörerlebnisses, das dich für die Dauer des Albums auf eine Reise von Punkt A nach Punkt B schickt. Eine Zeit lang war ich davon geradezu besessen, hab hart daran gearbeitet. Und ich glaube, dass es mir zu einem gewissen Grad gelungen ist, ein echtes Album zu schaffen, das über jede Sekunde ziemlich gut funktioniert. Dafür habe ich buchstäblich jede Millisekunde überarbeitet, immer mit dem Hintergedanken, ungeteilte Aufmerksamkeit für diese 45 Minuten zu bekommen und dabei hohe Qualität zu liefern.

Debug:
Was ist eigentlich zuerst da, die Idee eines Tracks oder der Track selbst?
JF:
Irgendwie beides, einigen Stücken liegt schon eine Idee zugrunde, nimm zum Beispiel “10 Amazing Years“, da wusste ich nur, dass ich ein Stück mit einem Schlagzeug-Solo machen wollte, also hab ich den Song so gebaut, dass ein Schlagzeug-Solo darin vorkommen kann, in dieser Hinsicht kann ich schon ein Stück voraussehen. Oder nimm “INKhUK“, da wollte ich einen echten Disco-Song versuchen, weil alles andere, was ich bislang gemacht hatte, nicht wirklich Disco war. Ich dachte, 140bpm, okay, ist schon schnell, aber gut, also hab ich aus 15 verschiedenen Disco-Tracks dieses Stück gebaut. Dann hörst du dir das zwei Monate später an und denkst, nein, das ist kein Disco-Song, sondern ein fürchterlicher Fehler. Aber nützt ja nichts.

Debug:
Was glaubst du, wo steckt der Spaß an deinen Stücken – im Wiedererkennungswert der Samples oder im Stück selbst?
JF:
Darüber denke ich oft nach. Das ist immer das interessante Spiel für mich, was wird enthüllt und was versteckt? Es gibt bestimmte Samples, die du hörst und sofort beim Namen nennen kannst. Und dann gibt es diese Samples, die dich verrückt machen, denn du hast sie bestimmt schon verdammte 15 Mal oder so gehört und kannst sie immer noch nicht zuordnen. Damit spiele ich gern und habe Spaß daran, die Leute raten zu lassen. Die Wahrheit ist, dass meine Frau der Schiedsrichter ist. Wenn sie nicht überzeugt ist, muss ich nochmal ran. Da bin ich schon auf Feedback angewiesen.

Debug:
Wo kriegst du deine Samples her?
JF:
Normalerweise kauf ich mir alte 1-Euro-Platten. Als ich vor zwei Wochen in Chicago war, habe ich diese Platte von dieser Band “Heart ” gefunden, das ist eine 70er-Jahre Rockband von so einem Schwesternpaar, die haben diesen Song “Magic Man“, wenn du den hörst, sagst du sofort, klar, das kenne ich. Das ist eigentlich ziemlich normaler klassischer Radio Rock, aber auch typisch für das, was ich suche. Ein neues Stück habe ich gerade gemacht, da ist Huey Lewis and the News drin, die Platte hatte ich mir davor gekauft. Aber die Band, die ich am meisten sample, ist Styx, die hatten dermaßen viele Hits …

Debug:
Hat die Bootleg-Hysterie dir irgendwie genützt?
JF:
Zu einem bestimmten Grad schon, was die Aufmerksamkeit betrifft. Bastard Pop war ein gutes Schlagwort, aber eigentlich habe ich nicht viel gemeinsam mit den Bootleg-Leuten, mal abgesehen von jemanden wie Osymyso vielleicht. Diese Mash-Geschichte ist glaube ich auch extrem kurzlebig, weil so vieles aus der Distanz heraus geschieht, sodass es eigentlich keinerlei Relevanz hat. Ich meine diese Leute, die Britney Spears zerhacken, um sie damit zu verletzen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Ich glaube, Bastard Pop ist mittlerweile schon wieder vorbei, zumindest höre ich nichts mehr davon. Obwohl, vom juristischen Standpunkt gesehen ist das natürlich schlecht, denn je mehr Leute Mashups machen, desto schwieriger ist es, einen davon festzunageln.

Debug:
Samplest du nur Sachen, die dir selbst gefallen?
JF:
Ja, es muss schon alles eine Bedeutung für mich haben. Ich bringe nur Sachen, die für die Bedeutung der Band und ihrer Arbeit stehen. Material, das ich selber liebe, zu dem ich eine besondere Beziehung habe. In gewisser Hinsicht sind meine Alben wie Liebesbriefe an diese Bands. Ich fühle mich manchmal wie deren Cheerleader und hoffe, dass andere Leute durch mich vielleicht auch auf den Geschmack von ELO oder Supertramp kommen. Ob das jemals funktioniert hat, weiß ich allerdings nicht …

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Unser Starschnitt des Monats, diesmal, das zweite Mal, aus New York: Von "I feel love" zu "To all Methods that calculate Power". Donna Summer setzt seit über 20 Jahren Maßstäbe. In der aktuellen Personifikation als Jason Forrest lässt sie Bastard-Pop wie den Schildbürger-Pfusch wirken, der er auch meistens ist. Musikalische Aufklärung mit Rumspring-Faktor 10, Donna Summer sei Dank.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 63

Cock Rock Disco
Donna Summer

Donna Summer hat wirklich eine besondere Vorliebe für Japan. Der Stream seiner letzten Radioshow auf WFMU/ New York beginnt mit einem japanischen Folklorestück, seine Homepage ist eine einzige Huldigung an Mangas (sein Favorit ist aktuell Superficial Dragon) und sein erster Release “To All Methods Which Calculate Power” erscheint auf dem neu gegründeten japanischen Label Omeko aus Osaka. Aber Verstrickungen in rundäugige Niedlichkeit sind in seiner Musik nicht zu finden; im Gegenteil. Donna Summer alias Jason Forrest umschreibt seinen Klang in einer Endlosaufzählung: Breakcore, Electro-Acoustics, Death Metal, Dirty 70’s Disco und Raw Satanism. Das bezieht sich sowohl auf seine Radioshow als auch auf die eigenen Produktionen genauso wie auf seine Fans. Und ja, sie tauschen heimlich die neusten Donna Summer-mp3s.

Sex your Label up

Der Weg zu Omeko ist bei Donna Summer durch Zufälle gepflastert, auch wenn die Faszination an experimenteller japanischer Musik klar vorhanden war. ”Vor ungefähr 8 Monaten startete ich den Versuch, meine Sachen rauszubringen. Irgendwie kam ich dann zur japanischen Electro-Violence Webseite, schickte eine ziemlich willkürliche Mail raus, bei der es um meine CDRs ging, da ich eigentlich unter meinem kleinen goofy halb-imaginären Label ’Cock Rock Disco’ veröffentlichen wollte. Zu meiner großen Überraschung haben sie sofort zurückgemailt und kauften vom Fleck weg 60 CDs. Anschließend habe ich dann eine andere CD rübergeschickt, mit einer Notiz dran in der Art wie ’Ich möchte das hier gerne veröffentlichen, bitte gebt das an jemanden, von dem ihr denkt ,dass er das mag’. Daraufhin bekam ich wieder sofort eine Mail, in der stand, dass sie gerade ein Label an den Start bringen und das direkt veröffentlichen wollen. Aus irgendeinem Grund habe ich dann viel neueres Material veröffentlicht, als ich eigentlich wollte. ‘To All Methods Which Calculate Power’ ist nun das Ergebnis. In den kommenden vier Monaten werde ich aber noch mehr Material für zwei weitere Alben zusammen haben. Eines wird echt heavy, schnell und dark; das andere wird leichter und ein bisschen mehr experimenteller, mit mehr alten Disco-Elementen. Labelmacher Masakatsu und mein guter Freund Joseph Nothing sagen, dass Omeko übersetzt so was wie ‘Pussy’ oder ‘Cunt’ heißt.” Passt doch bestens zu “Cock Rock Disco”.

Musikalisch ist Donna Summer eine unglaubliche Mischung aus Happy Hardcore, Breakbeats, Abstract, Electronica, Techno. Anstatt nur zu samplen, wird auch mal in die eigene Mülltonne geschaut. Trash transfers to Information.
“Ich habe versucht, alles an Signifikanzen zu mixen, was für mich kulturell wichtig ist. Die Leute sollen hören, meine Musik ist genau so eine Kollektion an Gefühlen wie an Genres. Ich bin sehr an der Reorganisation von musikalischer Information in den Kontexten von Zeit, Genre und Style interessiert. Ich versuche eine wieder-neu-informierende Wertgebung dessen, was ich mag – anstatt die Vergangenheit nur auszugraben, um sie in einem unreferentiellen Eklektizismus zu verwerten. Ich sample nur Musik, die ich wirklich schätze und genieße. Meistens fühle ich mich sogar regelrecht von dieser Musik eingeschüchtert!”

Seine Referenzen sind weit verstreut. “Ich war schon immer an fast allen Formen experimenteller elektronischer Musik interessiert. Musik aus der minimalen Ecke (Raster Noton) bis zu den extremsten Arten von Breakcore (Venetian Snares, Doormouse). Als Kind steckte ich wirklich tief in Rock, dann wurde ich aber total von Public Enemy fasziniert und fixiert. Auf dem College war ich Radio DJ mit einer ‘experimentellen’ Show, deren Fokus auf Sachen wie Current 93, Test Dept., Hafler Trio und solchen Sachen lag. Ich war auch mal an Heavy Metal interessiert und liebe es vielleicht aus diesem Grund, ‘to fuck shit up and play really fast hard stuff’.”

Gott ist ein Sample

“Samples sind allen anderen Sachen total übergeordnet. Ich denke zwar nicht, dass es jetzt ultimativ wichtig für Leute ist, genau zu wissen, wo jedes individuelle Sample herkommt. Aber es hilft. Ich genieße es wirklich, Leute raten zu sehen, wo die Ursprungssamples her sind. Ich habe ja nichts anders als einen Computer, so dass jeder Sound auf diesem Album entweder gesamplet, processed, aufgenommen (wie das Ende des Albums) oder von ein paar Quell-Files ist, die ich gesammelt habe. Es ist meistens definitiv ‘produzierte’ Musik anstatt ‘performter’.” Aber in die Nähe von Bastard Pop will er damit nicht geraten. “Mir fehlt der Respekt für Leute, die einfach nur ein Acapella über ein Instrumental legen. Das klingt zum Teil, als müsste man es nach einmal Anhören wegschmeißen, Einweg-Musik. Ansonsten ist das wie die runtergekommene Seite der Postmoderne. Ich hoffe, ich bin das totale Gegenteil davon.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Unser Starschnitt des Monats, diesmal, das zweite Mal, aus New York: Von "I feel love" zu "To all Methods that calculate Power". Donna Summer setzt seit über 20 Jahren Maßstäbe. In der aktuellen Personifikation als Jason Forrest lässt sie Bastard-Pop wie den Schildbürger-Pfusch wirken, der er auch meistens ist. Musikalische Aufklärung mit Rumspring-Faktor 10, Donna Summer sei Dank.
Text: kerstin schäfer aus De:Bug 63

jung oder unbekannt, aber super

Cock Rock Disco
Donna Summer

Donna Summer hat wirklich eine besondere Vorliebe für Japan. Der Stream seiner letzten Radioshow auf WFMU/ New York beginnt mit einem japanischen Folklorestück, seine Homepage ist eine einzige Huldigung an Mangas (sein Favorit ist aktuell Superficial Dragon) und sein erster Release “To All Methods Which Calculate Power” erscheint auf dem neu gegründeten japanischen Label Omeko aus Osaka. Aber Verstrickungen in rundäugige Niedlichkeit sind in seiner Musik nicht zu finden; im Gegenteil. Donna Summer alias Jason Forrest umschreibt seinen Klang in einer Endlosaufzählung: Breakcore, Electro-Acoustics, Death Metal, Dirty 70’s Disco und Raw Satanism. Das bezieht sich sowohl auf seine Radioshow als auch auf die eigenen Produktionen genauso wie auf seine Fans. Und ja, sie tauschen heimlich die neusten Donna Summer-mp3s.

Sex your Label up

Der Weg zu Omeko ist bei Donna Summer durch Zufälle gepflastert, auch wenn die Faszination an experimenteller japanischer Musik klar vorhanden war. ”Vor ungefähr 8 Monaten startete ich den Versuch, meine Sachen rauszubringen. Irgendwie kam ich dann zur japanischen Electro-Violence Webseite, schickte eine ziemlich willkürliche Mail raus, bei der es um meine CDRs ging, da ich eigentlich unter meinem kleinen goofy halb-imaginären Label ’Cock Rock Disco’ veröffentlichen wollte. Zu meiner großen Überraschung haben sie sofort zurückgemailt und kauften vom Fleck weg 60 CDs. Anschließend habe ich dann eine andere CD rübergeschickt, mit einer Notiz dran in der Art wie ’Ich möchte das hier gerne veröffentlichen, bitte gebt das an jemanden, von dem ihr denkt ,dass er das mag’. Daraufhin bekam ich wieder sofort eine Mail, in der stand, dass sie gerade ein Label an den Start bringen und das direkt veröffentlichen wollen. Aus irgendeinem Grund habe ich dann viel neueres Material veröffentlicht, als ich eigentlich wollte. ‘To All Methods Which Calculate Power’ ist nun das Ergebnis. In den kommenden vier Monaten werde ich aber noch mehr Material für zwei weitere Alben zusammen haben. Eines wird echt heavy, schnell und dark; das andere wird leichter und ein bisschen mehr experimenteller, mit mehr alten Disco-Elementen. Labelmacher Masakatsu und mein guter Freund Joseph Nothing sagen, dass Omeko übersetzt so was wie ‘Pussy’ oder ‘Cunt’ heißt.” Passt doch bestens zu “Cock Rock Disco”.

Musikalisch ist Donna Summer eine unglaubliche Mischung aus Happy Hardcore, Breakbeats, Abstract, Electronica, Techno. Anstatt nur zu samplen, wird auch mal in die eigene Mülltonne geschaut. Trash transfers to Information.
“Ich habe versucht, alles an Signifikanzen zu mixen, was für mich kulturell wichtig ist. Die Leute sollen hören, meine Musik ist genau so eine Kollektion an Gefühlen wie an Genres. Ich bin sehr an der Reorganisation von musikalischer Information in den Kontexten von Zeit, Genre und Style interessiert. Ich versuche eine wieder-neu-informierende Wertgebung dessen, was ich mag – anstatt die Vergangenheit nur auszugraben, um sie in einem unreferentiellen Eklektizismus zu verwerten. Ich sample nur Musik, die ich wirklich schätze und genieße. Meistens fühle ich mich sogar regelrecht von dieser Musik eingeschüchtert!”

Seine Referenzen sind weit verstreut. “Ich war schon immer an fast allen Formen experimenteller elektronischer Musik interessiert. Musik aus der minimalen Ecke (Raster Noton) bis zu den extremsten Arten von Breakcore (Venetian Snares, Doormouse). Als Kind steckte ich wirklich tief in Rock, dann wurde ich aber total von Public Enemy fasziniert und fixiert. Auf dem College war ich Radio DJ mit einer ‘experimentellen’ Show, deren Fokus auf Sachen wie Current 93, Test Dept., Hafler Trio und solchen Sachen lag. Ich war auch mal an Heavy Metal interessiert und liebe es vielleicht aus diesem Grund, ‘to fuck shit up and play really fast hard stuff’.”

Gott ist ein Sample

“Samples sind allen anderen Sachen total übergeordnet. Ich denke zwar nicht, dass es jetzt ultimativ wichtig für Leute ist, genau zu wissen, wo jedes individuelle Sample herkommt. Aber es hilft. Ich genieße es wirklich, Leute raten zu sehen, wo die Ursprungssamples her sind. Ich habe ja nichts anders als einen Computer, so dass jeder Sound auf diesem Album entweder gesamplet, processed, aufgenommen (wie das Ende des Albums) oder von ein paar Quell-Files ist, die ich gesammelt habe. Es ist meistens definitiv ‘produzierte’ Musik anstatt ‘performter’.” Aber in die Nähe von Bastard Pop will er damit nicht geraten. “Mir fehlt der Respekt für Leute, die einfach nur ein Acapella über ein Instrumental legen. Das klingt zum Teil, als müsste man es nach einmal Anhören wegschmeißen, Einweg-Musik. Ansonsten ist das wie die runtergekommene Seite der Postmoderne. Ich hoffe, ich bin das totale Gegenteil davon.”

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Elektronische Lebensaspekte.