Das Detroit-Album, das alle immer schon machen wollten?
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 142

Donnacha Costello, der quer durch die Genres schillernde Ire, ist zurück mit einem Album auf Poker Flat. “Before We Say Goodbye” bringt ein ganzes Jahrzehnt Detroit auf einen längst überfälligen Nenner und markiert damit im hektischen, schnelllebigen Treiben der Release-Flut einen echten Ruhepol.

Donnacha Costello tauchte das erste Mal in unserem Universum auf, als er, nahezu zeitgleich mit der De:Bug, seine ersten Platten auf D1 veröffentlichte. Das war 1997. Damals fing Minimal an. Kein Wunder, dass er sein erstes Label Minimise nannte. Seitdem ist viel passiert, aber auf ein regelmäßiges Erscheinen neuer Costello-Releases konnte man sich immer verlassen.

Costello war Teil der ersten großen Welle von Detroit-Musik, die aus Irland kam und deren Herangehensweise ganz anders war, als die der UK-Nachbarn. In Irland ging man es materialistischer an, basierend auf dem Sound der Maschinen, dem Funk und dem Groove, die dort noch als Identitäten wahrgenommen wurden. Es ging weniger um den Effekt als um die Intensitäten, die Funktionalität der Begeisterung mit einem klaren Zentrum. Mehr um Masse und Erdung als um Mode.

Waffe Powerbook
Und dennoch war Costello immer auch jemand, der große Konzepte mit seinen Releases klar machte. Schon sein erstes Album, 2000 auf Force Inc., “Growing Up In Public”, ließ diesbezüglich keine Fragen offen. In Costellos Studio gibt es ein ständiges Kommen und Gehen der Maschinen. Immer neue Synthesizer wechseln sich ab und geben seinem Sound überraschende, neue Färbungen. Und auch wenn mancher von Costellos erstem Album kurz enttäuscht gewesen sein mag, weil das Digitale mehr und mehr Einzug hielt, bedeutete seine Vorliebe für MAX/MSP und ähnliches Nerd-Spielzeug nicht etwa eine Abkehr von den Detroit-Wurzeln, sondern vielmehr ein weiteres Feld musikalischer Konzepte. Kicken tat es so oder so. Und das Powerbook war damals noch kein Makel, sondern eine Waffe. Kein buntes Füllhorn, mit dem alles geht, sondern ein mächtiges Mittel, ein Versprechen, dem man seine Qualitäten erst noch langsam abringen musste.

Auf den Punkt
Es ist immer schwierig, konzeptuelle Musik zu fassen, und unsere erste Reaktion lautet meist: zu kopflastig. Diesen Reflex zu verstehen und die Funktionalität in das Konzept nicht nur einzubauen, sondern sie als Parameter für das Gelingen zu sehen, hat Donnacha Costello immer wie im Traum begriffen, selbst wenn Funktionalität nicht nur heißt, dass man sich auf dem Dancefloor die Seele aus dem Leib strampelt. Und dabei hat ihn das Wissen um die geschichtlichen Vordenker des Minimalismus nie gestört. Im Gegenteil. Der Gegensatz zwischen Musik zum Hören und Musik zum Tanzen war für Costello zwar immer klar, gleichzeitig aber immer auch Illusion. Genauso wie das Konzept für ihn immer schon punktuell war und zu einem Ergebnis führen muss, das nicht nur eine Lebenseinstellung verdeutlicht, sondern sich auch in freier Wildbahn beweisen muss.

Clicks mit Gefühl
Und auch spätere Projekte in die digitale Richtung, wie das grandiose Mille Plateaux- Album “Together Is The New Alone”, das die Dichte des Gefühls wieder in den Clicks&Cuts-Sound einführte, und sein Modul-Album, für das von Costello immer verehrte Raster Noton-Label, mit dem die Abstraktion des Grooves neue Kicks entwickelte, zeigten, dass Costello nicht zu fassen ist. Immer wieder taucht er überraschend auf, um eine Neudefinition zu geben, aber nicht um ein neues Genre auszurufen, sondern ein Dahinter neuer Grenzen aufzuzeigen. Und dennoch blitzt in diesen Projekten die ganz persönliche Art von Costello durch, das Organische im Abstrakten, der Wille, weiter zu gehen.

Maxis mit Fußnote
Manchen mag die Minimise-Farbserie, die Donnacha 2004 ins Leben rief, wie ein Nachruf auf die große Zeit von Minimal vorgekommen sein. Nicht zuletzt wegen der ideellen Nähe zu Vorläufer-Konzepten von Wolfgang Voigt mit Studio 1 oder Richie Hawtins Concept-Serie. Aber die Anfänge von Costello waren durchaus von Hawtins Plastikman inspiriert, der strikten Konzentration auf ein paar Instrumente, der Farbgebung durch Tonalitäten der Maschinen. Genau das fand man, fast wie eine Fußnote, auch in seiner Farb-Serie.

Schon bei den Namen war meist klar, dass hier keine durchgehende Strenge propagiert wird, die sich als ein durchgehendes Label-Konzept präsentiert, sondern schillernde Variationen, die getestet, geschmeckt werden mussten und eine Rückwendung auf analoge Produktion im digitalen Zeitalter ausdrückten. Senf, Pistazie, Traube, Olive. Hier liefen Konzeptualität und Geschmack, Nachgeschmack und der langsame Abgang auf eine wirklich überraschende Weise zusammen. Und dabei war Minimise nie retro, auch wenn nicht selten Acid oder Detroit sehr nah waren, manchmal sogar Ambient, sondern in dem Soundgewand fand man immer auch die extreme Klarheit des Designs, die seine Tracks bis in die experimentellsten Momente auszeichnen.

Harte Zeit zum Tanzen
Zur Zeit gibt es nicht selten eine Spaltung auf dem geraden Dancefloor. Die einen suchen nach immer neuen Effekten, nach einer schillernden Welt der digitalen, technischen Raffinesse und Verfeinerung, nach diesem fast virtuellen Sound. Andere blicken zurück, packen die echten oder virtuellen Maschinen aus dem Keller wieder aus und suchen nach der Wahrheit in Oldschool House, Deephouse, Detroit und schrecken notfalls nicht einmal davor zurück, noch mal alles auf Tonband zu mastern.

Eine Einigung, eine Brücke, ein Zusammen dieser beiden Szenen scheint nirgendwo in Sicht. Aber seit letztem Jahr hat Costello ein weiteres Label, Look Long, das sich dem Thema annimmt. Sein neues Album “Before We Say Goodbye”, Neuauflagen seiner D1-Tracks, irgendwie scheint er wieder angekommen. Einen Blick nach vorne zu geben, der gleichzeitig auch die Zeitspanne, die lange Zeit mit Techno zusammenfasst. Womit Costello brillant in die oben angedeutete Kluft passt. Die Reissue des Klassikers von 2003, “Pleite”, auf Look Long, klingt heute nicht nur so frisch wie am ersten Tag, sondern auch absolut zeitgemäß. Frischer fast. Der Monstertrack “Ten Thousand Hours” ist zeitlos.

Die Zeit im Jetzt als solches
Costellos aktuelles Album für Poker Flat ist durchzogen von dieser weit zurückblickenden Ästhetik, die dennoch im Jetzt verhaftet ist. Das Konzept: wie so oft eine Beschränkung der Mittel. 101, Prophet, Synclavier und Maschine. Was Costello daraus macht, ist Magie. Ein Album, das voller Referenzen an die Zeit als solche ist. Die Zeit des Verlassens auf “Leaving Berlin”, die Zeit, sich selber immer wieder zu finden auf “With Me Still”, die gedehnte Zeit, die immer im Jetzt ist, aber deshalb nie ganz sein kann auf “Stretching Time” und die Zeit, nach Hause zurückzukehren auf “Last Train Home”.

Auf seine Weise ist es ein tragisches Album, eines, das die ganze Bandbreite eines Lebens mit Techno zeigt, sich aber nicht geschlagen gibt, sondern in der Melancholie der Melodien immer wieder einen Optimismus ausstrahlt, der ungebrochen bis zu Costellos ersten Tracks zurückreicht. “Before We Say Goodbye” wirkt fast wie ein Testament. Wie das Detroit-Album, das alle immer schon machen wollten. Aber es weist auch über sich hinaus. Jetzt muss die nächste Epoche angegangen werden. Und wir werden auch dann wieder auf Donnacha Costello vertrauen. Und die Vocals von “It’s What We Do” zu unserem Motto machen: “When times are hard this is when you learn to sing, when times are hard, you dance to your hard times…”

“Before We Say Goodbye” ist erschienen auf Poker Flat.

http://www.minimise.com
http://www.looklong.com
http://www.pokerflat-recordings.com

About The Author

Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.