Irlands berühmtester Sohn heißt nicht mehr James Joyce, sondern Donnacha Costello. Von der hohen Literatur höher und höher zu Techno. Denn der Dubliner Costello arbeitet an minimalen Stimmungsbildern, die selbst Joyce nicht in den Schrank getrieben hätten.
Text: Sascha Kösch
aus De:Bug 43

MUSIC THAT WORKS
Donnacha Costello

Lange Zeit war Musik aus Dublin immer wieder nur ein Geheimtip. Man hörte vielleicht noch von sensationellen Clubs, sehr smoother Atmosphäre, aber darüber hinaus kannte man namentlich kaum jemanden. Das soll sich ändern, und die nächste Generation von Producern wie Donnacha Costello hat ganz andere Pläne, als nur ein Anhängsel in England geschriebener Geschichte von Dance Music zu bleiben. Seine Veröffentlichungen (zunächst als Jayrod, hinterher auf seinem eigenen Label Minimise und auch D1 Records, einem der am längsten operierenden Dubliner Label) wurden von Mal zu Mal immer minimaler, bis er zuletzt auf seinem Debut Album für Force Inc, “Growing Up In Public”, ein Gleichgewicht aus Abstraktion und Groove gefunden hat, dass die Clubs, wenn es nach ihm geht, verändern könnte. Minimalismus und Dub, klare transparente Sounds, strikte Sequenzen und dichte Intensität mischen sich in seinen Tracks immer mehr zu einem Sound, der die Brücke zwischen radikalen Reduktionisten wie SND und Powerbookdubacts aus den Staaten schlägt.

DeBug: Wo treffen sich die Konzepte von Minimise und anderen Costello Releases wie “Growing Up In Public” auf Force Inc, oder die D1 Releases. Gibt es für dich so etwas wie ein Zentrum?

Donnacha: Manchmal denke ich, Konzepte sind alles. Manchmal aber auch, dass die nichts sind.
Es kann vorkommen, dass ein Konzept Kreativität und Spontaneität verhindert, oder zumindest erschwert, aber es kann eben auch zu sehr starken Resultaten führen. Mein Release auf D1 hieß “Diversions”, weil sie aus Momenten stammen, in denen die Konzepte weglassen musste, die ich zu dieser Zeit bei anderen Projekten hatte, um zwischendurch etwas Anderes zu produzieren. Einfach so. Machmal auch wenn ich frustriert war und nicht weiterkam. Anstatt aufzuhören und das Studio zu verlassen, entstehen dann solche Tracks wie auf “Diversions”. Das amüsiert mich, und man lässt sich dann von dem Arbeiten an Musik einfach verschlingen. Ich dachte mir, vielleicht machen die Ergebnisse dann auch anderen Leuten Spaß.
Was so eine Art zentralen Punkt betrifft, würde ich sagen, dass es zwei Linien gibt. Der Wille zu experimentieren und der Wille zur Beschränkung. Wittgenstein würde sagen: “Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Architekten ist, dass der schlechte jeder Versuchung nachgibt, und der gute jeder widersteht.” Ich versuche an so etwas zu denken, wenn ich produziere.
Hinter “Growing Up In Public” stand ein Konzept crisper, klarer, präziser Musik mit einem organischen Gefühl. Ich glaube, Dub Techniken geben Musik dieses Gefühl oft. Hört man sich allerdings die zugrundeliegenden Sequenzen an, dann sind sie sehr strikt und formal.

DeBug: Wann und auf welchem Hintergrund hast du begonnen zu produzieren?

Costello: Obwohl ich seit 89 schon Musik komponiert habe und seit meinem sechsten Lebensjahr ein Instrument spiele, mache ich erst seit dem April 95 elektronische Musik. Es war für mich immer wichtig Musik zu machen. Seit ich 12 bin, würde ich es als einen Fokus in meinem Leben bezeichnen. Ich war auch eine Zeit lang Maler, aber seit längerem mache ich in keiner visuellen Form mehr etwas.
So um 94 war ich ziemlich gelangweilt, was Musik betrifft, und hab mich nach neuen Methoden umgesehen. Ich habe damals ein Interview mit Richie Hawtin gelesen, der über die Ideen und technischen Prozesse hinter dem Plastikman Album “Muzik” geredet hat. Selbst obwohl ich die Musik gar nicht kannte, fühlte ich mich dem nah. Als ich dann die Platte hatte, war ich komplett davon überzeugt. Ich habe mir sehr schnell eine Drummachine gekauft und mich an die Arbeit gemacht. Meine ersten musikalischen Erinnerungen sind Dinge wie Gary Newman, Human League, Ultravox, Depeche Mode, Kraftwerk usw. Also hatte ich wohl immer eine Vorliebe für elektronische Musik.

DeBug: Wie würdest du dein eigenes Label Minimise beschreiben?

Costello: Für Minimise gibt es zwei Ziele. Hauptsächlich natürlich minimale, räumlich weite Musik zu veröffentlichen. Aber auch Techno Tracks zu produzieren, die auf diese Weise das Nightclub Environment infiltrieren und unterlaufen.
Wenn es um Technotracks geht, dann versuche ich das im Blick zu behalten, was Eno über Ambient gesagt hat. Dass es so interessant wie überhörbar sein muss. Wenn jemand meine Musik im Club hört, dann muss man abschalten können, um dazu zu tanzen, aber auch wenn man nicht tanzt, soll man etwas davon haben.
Bislang ist eigentlich alles, was ich veröffentlicht habe, Techno. Was ich ja mag, und was wohl auch notwendig war, um eine Aufmerksamkeit für das Label zu bekommen. Wir werden auch in der Zukunft Techno releasen, aber es wird 2001 auch reine Listening Musik geben. Bislang sind zwei EPs von mir erschienen und eine von David Donohoe, von uns beiden wird auch jetzt je eine folgen.
David ist ein extrem talentierter Producer und hat grade ein Album für D1 Recordings fertig gemacht, das im März erscheint.

DeBug: Mir kommt es so vor, dass viele dich erst mit der Force Inc Veröffentlichung wahrgenommen haben.

Costello: Die Idee, dass man aus Musik so etwas wie eine Karriere machen könnte, beschäftigt mich ja schon ewig, und “Growing Up In Public” gibt einem dieses nervöse Gefühl, dass es vielleicht jetzt passieren könnte. Meine Lieblingstracks sind INT und MELAN. Das eine weil es, mir das Gefühl gab, dass man daraus ein größeres Projekt machen könnte, noch bevor ich überhaupt ein Album machen wollte, und MELAN, weil es einen Schlusspunkt gesetzt hat.

DeBug: Was glaubst du, warum Musik aus Dublin es immer noch schwer hat, auf dem Kontinent wahrgenommen zu werden, während nahezu jedes UK Label schnell einen Vertrieb findet?

Costello: Minimise z.B. wird ja erst mal von Dublin Distribution vertrieben. Wenn man von Dublin aus versucht, Releases nach Deutschland zu bekommen, dann hat man z.B. mit efa das Problem, dass sie das als englische Musik betrachten. Die wiederum wollen sie aber nur von einem englischen Distributor importieren, das wäre in unserem Fall Pinnacle gewesen, was die Sache natürlich erschwert, weil Pinnacle andere Schwerpunkte hat als Dublin. Jetzt haben wir aber Neuton als Vertrieb in Deutschland für die Releases von Dublin Distribution insgesamt, und Kompakt vertreibt Minimise. Also wird es wohl aufwärts gehen mit der Präsenz von Musik aus Dublin in Deutschland.

DeBug: Was für eine Szene gibt es in Dublin?

Costello: Ich glaube, es gibt wohl in Dublin mehr Musik pro Kopf als in jeder anderen Stadt der Welt, vielleicht mal Nashville in den Staaten ausgenommen. Was elektronische Musik betrifft, gibt es sehr gute Producer in allen Genres. Die bekannteren irischen Producer sind wohl: Rob Rowland, der seit 1995 auf D1 releast und nun ein neues eigenes Label Namens “Frestate” gegründet hat, Decal, die seit über 10 Jahren auf ihren eigenen Labeln “Trama” und “U:mack” sowie auf Leaf und Sbrette veröffentlicht haben. Dave Donohoe natürlich. Es gibt ein Drum and Bass Label namens Bassbin, von deren Artists jetzt auch etwas auf Reinforced erscheinen soll, eine phantastische experimentelle Szene rings um das Label “Front End Synthetics”, usw. usw. Mann muss sie nur finden.

DeBug: Wie würdest du die Entwicklung von minimaler Musik sehen und wohin kannst du dich noch entwickeln?

Costello: Das ist eine sehr schwierige Frage. Es wird wohl immer eine Tendenz zu Minimalismus, Präzision und Klarheit geben. Je härter man arbeitet und je mehr man es versucht, desto weniger Elemente braucht man für Musik. Ich versuche alles, was Klarheit behindern könnte, rauszuwerfen und die überbleibenden Elemente immer präziser zu machen. Es gibt so etwas wie einen Schlüssel für meine Art zu produzieren, der ist aber sehr allgemein: “Music that works”.
Vielleicht sollte man Carsten Nicolai zitieren: “Das Ergebnis ist die Priorität. Eines der Phänomene von Sound ist die Direktheit ohne intellektuelle Wahrnehmung. Wenn man Musik hört, weiß man sofort, ob man sie mag oder nicht.” (Steht auf http://www.plugin.org/nicolai/nicolai.html)
Der Prozess ist nie genug. Da muss ich ganz und gar zustimmen. Ich habe die besten Linernotes auf CDs gelesen, mit den spannendsten prozessualen Beschreibungen, wie Musik produziert wurde, aber dennoch kann die Musik einen einfach enttäuschen, wenn man sie hört.
Ich hoffe, dass ich Musik mache, die intensiv minimal ist, aber ich will nicht, dass der Hörer verstehen muss, wie es gemacht ist, oder die Geschichte des Minimalismus kennt, damit ihm die Musik etwas sagt. Es muss eine eher emotionale Reaktion sein. Manche Leute können Musik ja auf einer rein intellektuellen Ebene gut finden. Aber ich denke mir, je mehr Level es gibt, um Musik wahrzunehmen, desto intensiver wird die Musik auch. Viele Tracks von Brian Eno haben diese Qualität. Sehr präzise und klar, aber auch sehr repetitiv und locker. Es bewahrt diese emotionale Qualität, die Leute mit einem ganz verschiedenen Geschmack an sie zieht. So etwas wünsche ich mir auch für meine Musik.

DeBug: Trittst du auch live auf?

Costello: Ja, aber das letzte mal ist schon eine Weile her. Damals habe ich viel mit MPC gearbeitet, der drei Jahre lang sehr zentral in meinem Studio war. Für das Album habe ich immer ein paar Stunden an Sequenzen gearbeitet, immer mehr Elemente weggenommen, Sounds herumgeschoben, bis ich fand, dass alle Elemente gut zusammenpassten und alles sehr solide klang. Dann habe ich auf Aufnahme gedrückt und alles live auf DAT gezogen. Als ich das Album fast fertig hatte, habe ich mir ein Powerbook gekauft, mit dem ich die Tracks dann editiert habe. Jetzt konzentriere ich mich darauf, die Software so zu gestalten, dass ich sie als Ersatz für das ganze Equipment verwenden kann, dass ich immer mitgenommen habe. Max und MSP sind da meine Favoriten. Ich werde in Frankfurt diese Woche ein erstes reines Powerbook Set machen und bin höllisch nervös. In der Zukunft werde ich wohl auch mehr als DJ auftreten.

DeBug: Was hältst du von “ähnlichen” Leuten auf Force Inc wie z.B. Tomas Jirku und SND und den anderen Powerbook Leuten aus den Staaten wie Sutekh, Safety Scissors usw.?

Costello: Vor allem bei SND, die ich besonders gerne mag, würde ich eine Ähnlichkeit sehen. Aber viele der Acts auf Mille Plateaux sind Gründe, warum ich überhaupt erst an Achim herangetreten bin. SND sind aber so fokussiert in ihrem Sound und gehen so sehr in dieser besonderen Ästhetik auf, dass man sie nur bewundern kann.

DeBug: Wie stellst du dir deinen idealen Club vor?

Costello: Frei von Rauch, airconditioned, hell aber nicht zu hell, und es läuft Brian Eno, Noto/Alva Noto, SND, und die Leute relaxen und unterhalten sich leise.

Debug: Was arbeitest du nebenher?

Costello: Ich habe einen Fulltime Multimedia Job, den ich hoffentlich irgendwann vergessen kann. Ich werde wohl in Zukunft einige Soundinstallationen machen, und vielleicht gehe ich sogar wieder zur Uni, um Innenarchitektur zu studieren.

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Elektronische Lebensaspekte.