Und wieder wandert ein Medium langsam ins Archiv. Die traditionelle Papierkarte ist eine aussterbende Spezies, die digitale Karte ist ihr cleverer Nachfolger. Sie sieht alles, verbindet Räume und wird momentan mobil und modifizierbar.
Text: Clara Völker aus De:Bug 95

Doppelte Karten
Was passiert, wenn Karten ins Netz wandern?

Das waren Zeiten: Man segelte per Schiff durch die Weltmeere auf der Suche nach dem Abenteuer und mit der Mission der Welterschließung. Irgendwann lösten der Kompass und das Lot jedoch die Sterne als Orientierungshilfen ab, fortan wurden die wirklichen Abenteuer immer weniger, das Wissen über die Welt dafür umso detaillierter. Durchmessungen erfolgten nicht mehr per Fuß oder Pferd, sondern per Satellit und immer präzisere Karten entstanden, die Erde wurde in Form gebracht. Die große Aufgabe der Kartografie bestand fortan darin, die Informationen aus der 3D-Welt in einer 2D-Karte möglichst verständlich und vollständig visuell darzustellen. Karten wurden zum Kontroll- und Kriegsinstrument, Schatzkarten starben aus und faltbare Falk-Pläne wurden geboren.

Folgend waren Karten mehr oder weniger stimmige Abbilder der Welt und praktische Werzeuge, die hauptsächlich dann zum Einsatz kamen, wenn man entweder nicht wusste, wo man sich befand, oder den Weg zu seinem Ziel suchte. Zur Behebung dieser Probleme war abstraktes Denken erforderlich, denn Karten lösen den kontinuierlichen realen Raum in Punkte auf. Sie entsprechen nicht der Realität, sondern überziehen sie mit einem bezugnehmenden Raster und schrumpfen sie von einer externen Perspektive aus auf einen zweidimensionalen Faktenraum. Das Problem der Übertragung und der Aufstülpung einer Form durch die Karte bleibt dabei natürlich außen vor. Karten stehen als Wissensobjekte zwischen zwei Zuständen und instruieren räumliche Bewegungswechsel durch eine virtuelle Doppelbewegung der Übertragung, die erstaunlicherweise recht gut funktioniert.

Mittlerweile ist die Erde weitgehend erschlossen, nach räumlichen Informationen abgegrast und in geografische Koordinaten unterteilt. Karten sind schon seit fast zehn Jahren nicht mehr nur Papierpläne, sondern in digitaler Form im virtuellen Raum verfügbar. Mittels Satellitenbildern oder ihren simplifizierenden Visualisierungen kann man – wenn man dazu berechtigt ist – nun sehen, was sich wo auf der Welt befindet (oder befand, solchen Bildern haftet immer etwas Nachträgliches an), den Erdball virtuell drehen, sich an Objekte ranzoomen, nach Positionen suchen und dergleichen. Da man davon ausgeht, dass das, was man dort sieht, auch das ist, was man in der Realität vorfinden wird, wird es theoretisch möglich, sich immer präziser und in einem größeren Gesamtkontext im realen Raum zu bewegen. Die gewohnte Verbindung von Kartenraum und Realraum durchbrechen solche digitalen Karten jedoch nicht. Raum wird hier ausschließlich als etwas behandelt, das vorgefunden wird und abgebildet werden kann, und so, wie er abgebildet wird, ist er dann auch.

Informationsorte

Bei den momentan entstehenden Karten haben wir es mit einem Perspektivenwechsel und daraus folgend mit einem veränderten Blickwinkel auf Ort und Raum zu tun. Ein Ort hat nun nicht mehr primär einen festen Platz im realen Raum, eine eindeutig adressierbare Koordinate in einem Raster; sondern die Information selber wird zum Ort, dem ein oder auch mehrere Plätze zugeordnet werden können, sie kann verschiedene Koordinaten haben. Das steht unserem gängigen, durch Papierkarten geformten Verständis von Ort entgegen: Geografische Orte sind nun nicht mehr vorgängig und die davon abhängenden Informationen variabel, sondern die virtuellen Informationen werden durch die realen Orte supplementiert. Sie werden darstellbar und bekommen dadurch eine Bedeutungsaufwertung, da sie nun in breiterem Ausmaß kommunizierbar sind. Plätze im realen Raum können jetzt offensichtlich auf Stellen im virtuellem Raum, auf Informationsorte verweisen.

Kommunikationsbeziehungen sind bekanntlich Netze und keine Plätze, sie sind Geflechte und Verbindungen, die relativ kurzlebig sind und sich in einem konstanten Transformationsprozess befinden. Die Neuerung an den sich in Entwicklung befindenden Digitalkarten besteht nun darin, dass sie aufbauend auf den bisherigen geografischen Karten Bewegungen und Kommunikationsbeziehungen einzuschließen versuchen.

Während es bei traditionellen Karten nur einen Standort gibt, von dem aus gemessen und erfasst wird, ermöglichen es Kartenprogramme, die Karte zu einem individualisierten Tool werden zu lassen, das mehrere Perspektiven auf die vorgegebenen Koordinaten zulässt. Das übermächtige Außen der Karte, der Satellit, wird durch ein verbundenes und angeschlossenes Innen von seiner Primärposition enthoben. Es zählt nicht mehr so sehr, sehen zu können, wo welcher Punkt liegt, sondern zu wissen, was sich an diesem Punkt, in diesem Haus in dieser Straße in dieser Stadt befindet und vor allem, wie es ist. Koordinaten auf Karten können nun von ihren Benutzern mit Informationen belegt werden, Karten werden zu Anwendungen.

Kartografierte Menschen

Digitalkarten vermessen zudem nicht nur im Vorhinein das Territorium, sondern können durch Lokalisierungstechnologien konstant den Standort und die Bewegung des zum Benutzer gewordenen Bewohners erfassen, darstellen und weitergeben. Was früher die umsteckbaren Fähnchen auf der Polizisten-Pinnwand waren, sind nun Punkte oder Pfeile auf digitalen Karten, die man bestenfalls anklicken kann und erfahren, wer sich da eigentlich mit welchem vermutlichen Ziel wohin bewegt. Damit nicht mehr nur die Landschaft, sondern auch die Menschen kartografierbar werden können, sind funkbasierte Technologien wie RFID-Chips (in Haustieren und Saftpackungen) oder einfach das allgegenwärtigste Gerät schlechthin, das Handy, erforderlich.

Momentan können wir mittels Mobile einen WWW-Stadtplan konsultieren. Besonders häufig genutzt wird dieser Dienst wohl deswegen noch nicht, weil man der Karte noch mitteilen muss, wo man sich befindet. Das wird sich jedoch, analog zu Autos, schon bald ändern, denn durch entsprechende Mobiltechnologien sind wir im Regelfall permanent mit einem Netz verbunden, das uns im realen Raum orten und durch das wir uns (ver-)orten können, indem wir beispielsweise nach Wegbeschreibungen, Tipps oder unseren Freunden fragen. Denn wo die sich befinden, weiß die Hybridkarte ja ebenfalls, vorausgesetzt unsere Buddys wollen und können ihr das mitteilen. Durch solche Karten ist es möglich, über den virtuellen Informationsraum im realen Raum zu navigieren, während man sich an einem variablen Ort im Realraum befindet. Der Benutzer wird durch sein Mobile zum Ort und der geografische Ort zu einem temporären Platz, wie dynamische Sozialkarten verdeutlichen, die unsere Beziehungen zu den anderen visualisieren (beispielweise wie oft wir jemanden anrufen, wie häufig jemand in unserer Nähe ist usw.).

Karten stehen also nicht länger als Informationsobjekte außerhalb der Realität, sondern verdeutlichen durch ihre Vernetzung und Modifizierbarkeit, dass Realität schon immer von Karten und damit von Virtualität durchdrungen und geformt wurde. Damit wird die Konstruktionsleistung von Karten hinsichtlich Realität sichtbar und gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, die Bewegungen im realen Raum auf die Karten zurückfließen zu lassen. Karten werden dezentral editierbar und damit entsteht eine informationelle Dopplung von Landkarte und Wissenskarte, die sich mit der Bewegung im realen Raum verknüpft und durch diese modifiziert wird. Bleibt nur zu hoffen, dass sich haptische Hybridkarten, die in einen Schnürsenkel passen und mühelos veränderbar und durchschaubar sind, schon bald realisieren lassen.

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Elektronische Lebensaspekte.