Sich Sorgen um die Katze machen, Freunde pflegen und sich in der Welt seinen Platz suchen, ist eine Seite von ihm. Gleichzeitig ist Dose One aka Adam Drucker durch seine Verbindung zu den Labels Anticon und Mush zentrale Person im US-amerikanischen Underground-Hip Hop. Leftfield Hiphop, wie er es nennt.
Text: christian meyer | meyer@lebensaspekte.de aus De:Bug 48

Postmodern Crooner
Leftfield Hiphop mit Dose One

Ich treffe Adam Drucker vor seinem Kölner Konzert im Rahmen der Big Dada/Ninja Tune-Party, bei der er sein Credo der “human Music” anschaulich demonstriert: Das klassische Live-Hip Hop Animationsprogramm wird im Glauben an DAS Gute systematisch unterwandert. Statt monotoner Egomanie hört man die Aufforderung: “Now, I want everyone to say his own name… (euphorisches Stimmengewirr, dann:) wow, now we are friends!”. Dass diese gute Stimmung spätestens bei Adams Helge-Schneider-Einlage am Klavier von einigen Leuten aus dem Publikum erheblich gestört wird, liegt wie meist an deren unflexibler Haltung. Wenn man fette Beats und coole Typen erwartet, stattdessen aber fragile Soundscapes und offenherzige Menschen erlebt, kann man schon nervös werden. Als ich meine erste, zugegebenerweise recht einfallslose Frage nach dem Anfang seiner und cLOUDDEADs Geschichte stelle, hatte ich das alles noch nicht erleben dürfen…

Adam: Eigentlich beginnt die Geschichte von cLOUDDEAD mit Greenthink. ‘Why?’ und ich waren zusammen in einer Band (Apogee mit Mr.Dibbs/Anm.CM) und bemerkten schnell unsere Seelenverwandtschaft. Wir haben zuhause angefangen, zu zweit aufzunehmen und dabei Regeln zu verlernen und zu brechen. Wir hörten auf, zu reimen, ließen die Musik schmutzig und unfertig klingen und haben einfach gemacht, was wir wollten. So entwickelte sich unser Style. Nosdum benutzte den gleichen schrottigen Sampler wie wir, den SP202. Er kam vorbei und half bei den Greenthink-Stücken aus. Am Ende des Jahres haben wir entschieden, dass wir zusammen eine Platte machen müssen. Das war der Beginn von cLOUDDEAD. Mit cLOUDDEAD ist ein neuer Vibe entstanden. Es ist ein absolutes Vergnügen, mit den beiden zu arbeiten. Wir tragen auch Kämpfe aus, aber selbst das ist immer eine positive Erfahrung.

A sentimental Journey

De:Bug: Die 10″es sollen unter schweren privaten, emotionalen Bedingungen aufgenommen worden sein?

Adam: Von der ersten bis zur letzten 10″ war es ein Auseinanderdriften und wieder Zusammenkommen von uns dreien. Die erste Platte handelt vom Appartment A in Cincinnati, wo wir die Greenthink-Sachen aufgenommen haben. Es war eine Zeit des Neuanfangs. Ich war mit meinem Wirtschaftsstudium fertig und wollte nach Kalifornien, die beiden anderen studierten noch Kunst und blieben in Cincinnati. Die Platte handelt also davon, dieses Appartment zu verlassen, in dem wir uns alle kennen gelernt und selbst erfahren haben. Die zweite 10″ behandelt ein Konzert, das wir in der selben Woche gegeben haben. 200 Leute waren in diesem runtergekommenen Hip Hop Club, und wir haben den Laden komplett leergespielt. Wir haben zu Flying Saucer Attack gefreestyled, und sie haben uns gehasst. Diese Erfahrung spielte bei unsere Überlegungen mit, wegzugehen und unsere Musik zu verändern. ‘Pleasure-Music’ ist eine Auseinandersetzung mit dieser schlimmen Zeit, die wir hatten und die wir anderen beschert haben. Die dritte Platte habe ich gemacht, als Why? für zwei Monate in Spanien war und ich in Kalifornien ein Star werden wollte. Die nächste hat Why? gemacht, als ich in Kalifornien war. Er fühlte sich mit Nosdum in der Kunsthochschule zurückgelassen und war wirklich suizidal, fühlte sich vollkommen leer. Die fünfte ist von Nosdum. Er hat diese Fähigkeit, nur durch Musik weinen, lachen, schreien oder wimmern auszudrücken. Er ist ein sehr emotionaler Produzent – mit dem allerschlechtesten Equipment! Eine gequälte Seele, um das Klischee einmal zu bemühen. Die letzte 10″ ist entstanden, als die beiden mich in Kalifornien besucht haben, wir also nach langer Zeit wieder zusammen waren und diese 6 kurzen, sehr offenen Stücke machen konnten. So schließt sich der Kreis von der ersten zur letzten Platte, dazwischen liegen viele emotionale Ereignisse. Und wir waren die ganze Zeit in Bewegung: jede Platte ist deshalb auch von Zeitnot bestimmt.

Mit Hiphop durch Independent

De:Bug: Was sind deine musikalischen Einflüsse jenseits von Hip Hop?

Adam: Im Hip Hop die ganze Linie experimenteller Musik (er nennt Freestyle Fellowship und vor allem De La Soul/ Anm. d. Autors), außerhalb alles von den Beatles bis hin zu Pavement, Flying Saucer Attack, Pram, Broadcast oder Boards of Canada. Wir lassen in unserem Hip Hop-Appartment die Fenster offen und alles durchströmen.

De:Bug: Es scheint sich da um ein gegenseitiges Interesse zu handeln. Gerade hat WARP “Circle”, das Mush-Album mit Boom Bip, lizensiert, und es sind auch Kollaborationen mit Musikern aus diesem Umfeld angedacht. Deine Stimme klingt auf der “Object Beings” Single übrigens sehr nach Residents…

Adam: Die Residents sind großartig! Ich habe sie erst vor kurzem kennen gelernt, als jemand sagte: ‘Du kennst die Residents nicht? Du klingst genau wie sie!’ Dann habe ich sie mir angehört und dachte: Wow! Da arbeitet man wirklich hart an etwas und merkt dann, dass so etwas schon mal jemand gemacht hat. Das ist wie alte Knochen ausgraben! Trotzdem klingen wir natürlich nicht wie die Residents. Demnächst wollen wir auch eher was im Stevie Wonder-Style machen!

Lyrics

De:Bug: Deine Lyrics scheinen ein Stream of Consciousness zu sein. Wie entstehen die Texte?

Adam: Why? und ich schreiben sehr unterschiedlich – in unterschiedlichen Sprachen, aber mit dem selben Herzen. Ich bin manchmal etwas zu melodramatisch, er etwas zu albern. Oder ich mache eine abstrakte Strophe, er antwortet: “Das sehe ich nicht so” und arbeitet neu mit den Worten. Dazwischen setzen wir Zeilen aus unseren Lieblingsgedichten, aus dem Fernsehen oder Sätze, die wir auf der Straße aufgreifen. Obwohl es sich für den Hörer nach Stream of Consciousness anhört, ist es extrem zusammengesetzt – eine Collage aus persönlichen, aber auch allgemeinen popkulturellen Erfahrungen. Denn wir wollen zwar persönliche Musik machen, sie muss aber nachempfunden, gefühlt und verarbeitet werden können. Das ist etwas, was wir gerade lernen: persönliche Musik zu machen, nicht nur für uns selbst, sondern für die Leute. Früher waren wir eher unverständlich, die neue cLOUDDEAD Platte wird anders sein. Wir versuchen, eine Feel-Good-Platte zu machen, die man sich anhören kann, die aber einen riskanten Inhalt hat. Sie wird sehr zugänglich sein, denn wir behandeln ganz allgemeine Themen, z.B. dass wir alle in Käfigen leben. Alle haben diesen Cage-Lifestyle: they stuck on gravity! Die einzige Barriere zwischen dem Weltfrieden und unserer heutigen Welt sind Geheimnisse und Ängste. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie brilliant wir sind und wie wenig davon wir umsetzen. Dabei könnte es passieren, genau jetzt!

De:Bug: Du glaubst trotz Bush an das Gute?

Adam: Das ist fürchterlich, genauso wie die Wahl fürchterlich war. Aber dieser faschistische Diktator wird den Leuten zeigen, was sie NICHT wollen. Und Gore wäre auch nicht viel besser gewesen, wir hatten eh keine Wahl.

Me, myself and you
De:Bug: Ist Musik Selbsttherapie?

Adam: Naja, wenn man das drei Alben lang macht, reicht das. Bei vielen Künstlern heißt es nur IchIchIch, oder WirWirWir. Genau das war bisher bei cLOUDDEAD das Thema: Wie WIR als Künstler leben können. Art school is terrible, business school is worse, moving is ripping us apart, living in this appartment is ripping us apart… Was sollen wir tun, wie unsere Miete bezahlen, wie das Futter für meine Katze? Jetzt können wir als Musiker und Künstler arbeiten, wir können also das Ich aus unseren Lyrics streichen. Das ist etwas Neues, wir sind alle gespannt darauf, unsere Flügel auszubreiten.

De:Bug: Wie ist das Verhältnis zu anderen Hip Hop Aktivisten?

Dose One: Sehr gut. In den letzten 4 Jahren hat sich im Bereich von Abstract Hip Hop (er nennt es left-field Hip Hop/ Anm. des Autors) musikalisch unglaublich viel getan: mit Mike Ladd, Company Flow, Saul Williams, Anti Pop, Project Blowed, Living Legends, Quannum, Ozone, und uns – Anticon. Der Erfolg von Anticon war nur möglich durch Company Flow und Co. Das war erfolgreicher Independent Hip Hop, der es uns erlaubte, im Zeitalter des Internet doppelt so erfolgreich zu sein. Wir machen alle diese Art Musik, respektieren uns gegenseitig und teilen uns die gleichen Fans. Es ist wichtig für uns zusammenzuhalten, es ist wichtig, die Arbeit der anderen zu würdigen, denn sonst sind wir alle allein. Wir versuchen schließlich alle, ehrliche Musik zu machen, und das ist definitiv nicht einfach. In diesem Sinne ist die Bewegung nicht einfach Abstract Hip Hop: Wir sind die neue Energie im Hip Hop!

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Elektronische Lebensaspekte.