Wer dieses Jahr auf der Popkomm, Kölns großer Musikmesse war, dem dürfte vor allem eins aufgefallen sein: Die neuen großen Stände der Messe waren von Internet-StartUps wie Highfind.com oder Spray.net gebucht. Auch die Popkom selbst hat sich gesplittet und
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 40

DOTCOM AUF POPKOMM
Ralf Plaschke über Pop Online und Popkomm.de

Die Popkomm entwickelt sich trotz allem Widerwillen der Musikindustrie gegenüber dem Netz, der sich in allerhand Verschlafenheit in den letzten Jahren ausgedrückt hat, zu einem Dot.com-Country. Die größten Stände hatten dieses Jahr die Leute mit dem meisten Risikokapital. Und die wenigen Onlinefirmen, die wie “Moveabit” schon seit einigen Jahren dort waren, haben ihres meist verbrannt und fristeten auf 2×3 Meter großem Normplatz ein Nischendasein. Wenn auch das Angebot der meisten sich erst mal in Designwahn mit Flatscreenmonitorbergen oder Gogos in Käfigen ausdrückt, der Trend ist nicht zu übersehen. Musik und Netz, das weiß ja auch die Tagesschau, das gehört zusammen. Sicher nicht ganz unabhängig davon hat sich die Popkomm selber gesplittet, in ein reines Dot.com Unternehmen, Pop Online mit Popkomm.de, und den eigentlichen Messeveranstalter, die Musikkomm.
Wie beides unter einen Hut zu bringen ist, und ob sich aus diesen Parallelen von Online und Standwelt nicht vielleicht ein merkwürdiges Konkurrenzverhältnis ausbilden wird, welche Online-Strategien eine Messe verfolgen kann und wie man sich damit dann dennoch nicht als Portal unter anderen präsentieren will, darüber befragen wir den CEO von Pop Online, den ehemaligen Musikkomm-Mitarbeiter Ralf Plaschke.

De:Bug: Wie ist das Business Modell von Pop Online? Womit wollt ihr euer Geld verdienen?

Plaschke: Die Erlösquellen sind natürlich erstmal unspektakulär, weil sie nicht anders sind als bei anderen Inhalt getriebenen Internet-Angeboten: Im weitesten Sinne Werbung, wobei bei uns sicher Sponsoring eine weit größere Rolle spielen wird als klassische Banner, weil wir da die Beziehung zur Popkomm auch besser herstellen und Pakete für das ganze Jahr schnüren können. Also Contentsponsoring.
Langfristig sicher auch E-Commerce-Angebote, weil es die User vielleicht auch erwarten. So etwas wie einen Popkomm-Shop, der allerdings nicht von uns gemacht wird, sondern von Adori, die glücklicherweise ihre Marke nicht so nach vorne stellen, wie es die meisten anderen tun würden, sondern eher als Partner hinter einer Marke funktionieren. Sicher wollen wir auch die spezielleren Themen dort spiegeln, was heißen wird, auch mal ein Vinylangebot zusammenzustellen und nicht nur im Phononetkatalog zu blättern.
Der dritte Bereich dürfte sicherlich das sein, was die Popkomm mit diversen Showcases usw. ja auch schon leistet: sich Dinge für andere auszudenken, für die man dann bezahlt wird. Nicht direktes Agentur-Business, aber Events und Dinge, die dann genau mit dem Bereich von Popkomm.de zu tun haben.

Man hat ja auch gesehen, dass auf der Popkomm genug gelauncht worden ist, wie es so schön heißt. Ich habe zwar kein Angebot gesehen, dass dem von Popkomm.de nahe ist, aber für jemanden, der nicht allzu detailliert reinguckt, ist das ja hinterher alles eine Suppe. Tausend Internet- und Musikfirmen. In diese Welle wollten wir nicht reinrutschen.

De:Bug: Als Newsprovider, der Popkomm.de en gros ja erst mal ist, wird man nicht seinen eigenen Ausstellern irgendwann Konkurrenz machen? Bei der Präsenz von Webfirmen scheint mir ein Konflikt absehbar.

Plaschke: Ja, das ist eine berechtigte Frage. Es ist eine ganz klare Grundhaltung, dass man mit den Leuten besprechen muss, dass man nicht das Geschäft der Aussteller macht. Popkomm.de soll eher als Treffpunkt funktionieren, als Kommunikationsplattform, wie Dieter Gorny immer so schön gesagt hat. Wir bieten weiter die Möglichkeiten, News, Klatsch und Tratsch zu plazieren, nehmen uns das Recht raus, wie wir es bei der “realen” Veranstaltung ja auch tun, durch die Organisation von Eröffnungskonzerten oder Kongressprogrammen z.B., durch redaktionelle Auswahlen Dinge hervorzuheben. Und mit einem angeplanten Labelindex, Links zu Webevents und legalen Downloads der Künstler oder Plattencompanysites, leitet man auch wieder zu den Partnern und Ausstellern.

De:Bug: Was natürlich Portale in dem Sinne auch machen würden, weil es ja das Portalprinzip ist.

Plaschke: Ja, das ist, wie ich finde, das “echte” Portalprinzip. Zu sagen: “Wir kennen uns in einem Bereich besonders gut aus” und davon ausgehend zu sagen, wo man was findet. Yahoo oder T-Online versuchen dagegen eher, die User bei sich zu halten und sie nicht weiterzuleiten. Bei Yahoo kann man das gut beobachten. Sie haben mit der Finanzweltberichterstattung in Amerika, bei der viel Streaming Media eingesetzt wird, deutlich gemacht, in welche Richtung sie gehen: Immer noch eine Webvermittlungsmaschine, aber eine, die viele User auch mit eigenen Inhalten versorgt.
Wir nehmen für uns in Anspruch, als Special Interest-Anbieter KnowHow zu haben und in der Lage zu sein, Dinge herauszuheben. Im Moment hat man den Vorteil, dass es so ein Newsportal, so banal das vom Ansatz (nicht vom Machen) her auch ist, in Deutschland in der Form nicht gibt. Es geben zwar alle vor, News zu haben, aber wenn man draufguckt, ist es doch relativ dünn und oberflächlich.
Sicherlich wird es aber potentielle Aussteller geben, die sich als Konkurrent zur Popkomm-Website sehen, und da muss man dann abwarten, wie sie sich verhalten. Heutzutage arbeitet man aber auch mit Konkurrenten zusammen. Bei großen Firmen wird immer selbstverständlicher, dass das Prinzip der Abschottung gegenüber Konkurrenten im Internet nicht immer Sinn macht.
Ich war gerade in Hamburg bei klassischen Verlagshäusern. Die großen Verlage, die auch eigene Sites betreiben, oder die Zeitungen, die am Kiosk eine gewisse Verdrängungskraft entwickeln, sind in den Weiten des Internet offensichtlich nicht mehr der Meinung, dass sie alles gut genug im Griff haben und auf Kooperationen verzichten können.

De:Bug: Ganz clever an Popkomm.de erscheint mir, dass es den Weg eher über “qualifizierte”, professionelle Business-User geht.

Plaschke: Es ist an das Popkomm-Prinzip angelehnt. Unser Ding soll es sicher nicht sein, sich mit den Top 10 der Charts auseinanderzusetzen. Das ist etwas, das die VIVAs dieser Welt oder ein T-Online Jugendportal mit viel mehr Aufwand, Power und finanzieller Kraft besser und umfangreicher machen kann. Bei uns spielen Stars eine Rolle, aber eher in Umkehrung der Marktverhältnisse. Wenn 20% der Acts 80% des Musikmarkt-Umsatzes machen, dann ist Popkomm ja eher so, dass die restlichen 20% des Umsatzes, die bleiben, 80% des weitgestreuten Programms ausmachen. Das haben wir bei Popkomm.de aufgegriffen.
Andererseits: Mit 6% der Bevölkerung macht die Musikindustrie 50% ihres Umsatzes. Und diese 6% sind unsere Zielgruppe, weil sie sich viel intensiver für Musik interessieren als nur: Hey der neue Hit. Insofern hat man natürlich auch immer diese Nähe zu den Branchenthemen. Das Parallelbeispiel aus England, Dotmusic.co.uk, die auch aus einem Business to Business-Hintergrund kommen, haben ebenfalls irgendwann gemerkt, dass Musikfans sich für hintergründigere Dinge interessieren. Hier trifft das Business-to-Business-Prinzip wieder auf die Fans.

De:Bug: Ihr habt bis Mitte September unter dem Namen Phonokomm für 100 Tage zusammen mit der Musikindustrie ein Projekt im Netz gemacht. Auch dort gibt es News, Chats mit Musikern oder Liveübertragungen. Das doppelt sich ja doch sehr stark mit Popkomm.de, oder?

Plaschke: Da ist was dran. Ausgelöst wurde das Phonokomm-Projekt durch ein Missverständnis zur Copy Kills Music-Kampagne. In der Debatte, die ja teilweise in den Medien ganz schön hämisch geführt wurde, ging es eigentlich nicht so sehr um die CD-Kopiererei, sondern vor allem um’s Internet. Da haben wir dann gesagt, tja, wir sind ja alle nicht gegen das Internet, aber das scheint wohl nicht rüberzukommen. Also haben wir über einen begrenzten Zeitraum im Zusammenschluss mit den großen und kleineren Labeln ein gemeinsames Forum über einen bestimmten Zeitraum – 100 Tage – ausgedacht, Phonokomm.de, auf dem möglichst viel von den einzelnen Labeln im Netz gemacht wird. Es ist natürlich berechtigt zu sagen, dass macht die Popkomm auch.

De:Bug: Mir schwebte so die Vorstellung im Kopf, dass Phonokomm als ausgelagertes Testbed Formate durchspielen sollte, ohne gleich den direkten Popkomm-Link zu haben.

Plaschke: Es ist für uns als Partner sicherlich auch zu einem Test geworden, aber war doch eher als PR-Aktion und Testfall von der Musikbranche für die Musikbranche gedacht. Gibt es da Zugriffe, usw.

De:Bug: Bei wem liegt das? Pop Online?

Plaschke: Ja, es wird von uns produziert, liegt auf unseren Servern am berühmten Glasfaserknoten in Frankfurt und wird redaktionell von uns betreut. Die Firmen haben zwar ihre Events selber reingestellt, aber man braucht natürlich jemanden, der das redaktionell vereinheitlicht. Natürlich sitzen in den einzelnen Firmen oft auch etwas stiefmütterlich behandelte Websektionen, die sich gefreut haben. Es haben uns Leute aus einzelnen Firmen erzählt, dass sie bis zu 15% ihres Traffics auf ihrer eigenen Firmenseite von der Phonokomm bekommen haben. Was schon überraschend war. Und aufgrund der positiven Erfahrungen ist auf der Popkomm von den einzelnen Beteiligten beschlossen worden, das nächstes Jahr wieder zu machen.
Wir werden auf jeden Fall weiter am Ball bleiben als Popkomm.de, das ist auch für die User wichtig. Es kann ja auch nicht sein, dass man am 20ten auf die Seite geht und da steht nur: ‘Tschüß bis zum nächsten mal’. Das wäre ja doch ein wenig schade. Man sollte dann schon sagen, dass es ja weiter Angebote gibt und auf die Sites der einzelnen Companys verweisen.

De:Bug: Einen Abschied einer Seite im Netz habe ich so auch noch gar nicht gesehen.

Plaschke: Vielleicht wird das die nächste Erfahrung. So ein Festivalansatz auf verschiedenen Bühnen, der dann irgendwann schließt.

De:Bug: Phonokomm leidet nicht so unter dem Messezustrom, die User-Zahlen werden also auch weniger einbrechen. Es wäre ganz passend, das als Ausgleich dann auf die Popkomm umzuleiten.

Plaschke: (lacht) Da müssen wir natürlich erst mal mit unseren Partnern reden. Das ist ja schließlich eine Veranstaltung der Tonträgerbranche. Das können wir ja nicht einfach machen, aber wir reden natürlich mit denen darüber.

De:Bug: Da die Strukturen ja nicht unähnlich sind, wäre es nur eine Frage des Datenbankumlegens.

Plaschke: Ganz damit getan ist es ja nun nicht. Für die Mediaabteilungen einiger Firmen war das schon eine Sonderbelastung.

De:Bug: Wenn sie etwas gemacht haben.

Plaschke: Firmen wie Universal oder Warner haben natürlich irre viel gemacht, andere weniger. Je nachdem, wie sehr sich einzelne involvieren wollten.

De:Bug: Es gab eine Zeitlang sehr viele Nachrichten von Kooperationen des Kölner Nachtlebens mit Phonokomm bzw. Popkomm. Mit dem mittlerweile wieder geöffneten Liquid Sky z.B. oder mit Taktischklug.

Plaschke: Es gibt Einiges, was wir begleitet haben, wie z.B. Lesungen aus dem Studio 672. Das wollen wir auch ausbauen. Klar, wenn vor der Haustür etwas passiert, was auch über die Grenzen hinaus interessant wäre, wäre man ja bescheuert, da nicht etwas zu machen. Es wird auf jeden Fall erst mal noch mehr Streamformate geben, ob archiviert oder live. Die sind in Real Audio, weil es nicht den Ruf hat, ein böses Format zu sein wie z.B. MP3. Eine im Prinzip akzeptierte Technologie, die eben auch immer schon eine Affinität zu Entertainment und Musik hatte. Sicherlich hatten wir intern auch die Debatte, ob wir für mehrere Formate offen sein sollen. Die Reaktionen werden zeigen, ob wir das tun müssen, obwohl es z.B. einen nostalgischen Vorbehalt gegen die immer auf Welteroberungskurs steuernden Microsoft Produkte gibt.
Der Content und die Formate werden weiter erst mal auf Prinzip des Ausprobierens bleiben: mehr genrespezifische spezielle Sachen, nicht ein Ding möglichst toll und teuer und gut designt ins Netz bringen, sondern lieber vielschichtig und mit relativ kleinen Summen viel machen und sehen, was ankommt. Wir haben in Köln ja auch ein kleines Webcast-Studio aufgebaut, in das eigentlich jeder sehr kurzfristig kommen kann. Das gibt uns eine gewisse Flexibilität, Dinge auch ad hoc auszuprobieren. Weg von der radioaffinen-Geschichte versuchen wir natürlich auch zu sehen, was man in ein Format bringen kann, das auch als Berichterstattung funktionieren könnte. Mir fehlen hier die konkreten Beispiele, weil ich natürlich auch noch keine habe.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.