Der Franzose Liam Farrel folgt als elektronischer Downtempo-Songwriter Doctor L. den Paradoxien des Pariser Alltags. Zwischen Folk, House und der Größe X genießt er auch auf
Text: Oke Göttlich aus De:Bug 42

New Century – whats up guys?
Doctor L.

Die Erschließung surrealer Realitätsmuster wird in eigenen Parallelwelten vorgenommen. Zeitlich wie räumlich ergeben sich neue Parameter, die gespickt mit musikalischen Referenzmaterialen eine Symbiose aus natürlichem Hören warmer Sounds mit naturalistischer Erdung und hochtechnisierten Arbeitsweisen ergeben und eine multiple psychedelische Blaupause des in Paris lebenden Liam Farrel – Doctor L. – darstellen.

Sein neues Album “Temple On Every Street” ist so ein kleines kuscheliges, skurriles Wohnzimmer auf der Spitze des Trump-Towers, in dem nicht Sampler regieren, sondern viele kleine Klanginstrumente zum Anfassen und Losrumpeln einladen. Da verschieben sich die Rhythmen und rocken die Gitarren, während im ruhigen Funk eine Vocoderstimme ihr Zuhause findet. Die direkte Anbindung nach oben, in Richtung blühender Phantasie und abartigen, religiösen Wahnvorstellungen ist nicht die schlechteste, um größenwahnsinnige musikalische Bilder zu formen, die den zwanzig Stockwerke weiter unten liegenden, “streetwisen” musikalischen Ausprägungen aufgrund weniger spektakulärer Mitobjektsuche häufig verwehrt bleibt. Es geht um die grenzenlose Übertreibung, dem nicht dagewesenen Jesus, der reinstes Kokain liebte und trotzdem von den Menschen für seine Dienste geschätzt wurde, aber wer weiß? Wo HipHop draufsteht, ist nicht immer HipHop drin. Was ist noch mal Techno? “I don’t give a fuck”, ja richtig Liam, warum eigentlich nicht?

Mysterium, Labyrinth, Affen und tausende verschlungener Wege. “Eigentlich eine ganz weit offene Diskussion über das neue Jahrtausend. Was ist los, Jungs?” Auch Liam weiß es nicht. Die Verschwendung unserer Zeit mit Labeletiketten und Definitionsfindungsschwierigkeiten lässt nicht viel Raum für Inspiration oder gar Phantasie. Aber lasst uns lieber unser Leben ordnen und nach Feierabend in den Club gehen, da hab ich Spaß, da darf es sein. “New beat, new club, new money. Das ist doch der Weg, wie die Regierungen ihren Staat zusammenhalten”, sagt Doctor L. und sieht aus dem Fenster des siebten Stocks im artifiziellen Mediapark zu Köln und fühlt mit jedem Atemzug Bestätigung über seine musikalische Definition der Nicht-Kategorie, dem unendlich gefährlichen Spiel zwischen dem Nutzen der Elemente ihm sehr nah stehender Musiker wie Pink Floyd, Sun Ra, Miles Davis und seinen eigenen Konzepten. Er umschifft die Gefahr elegant. Denn Samples sind für ihn nur Muster, die er eigenhändig versucht nachzuspielen mit seinen wahnsinnigen, improvisierten Gitarren- und Bassparts. Instrumente, die ihm vor mehreren Monaten noch total fremd waren.

Der Mediapark hat es ihm angetan. “Meine Musik ist etwas, was auch mit diesem unwirklichen Ding hier zu tun hat. Ich werfe gerne Paradoxien auf, indem ich das hässliche Gebäude mag, aber zeitgleich von einem Haus auf dem Land träume”.

Nachvollziehbar, dass seine Platte möglicherweise mehr von Menschen gemocht wird, die mit Musik nichts zu tun haben, als von solchen, die Schönheit nicht mehr hören, weil sie zu tief nach dem wirklich neuen Hit diggen. Fern der Freiheit, die Doctor L. durch das ganze Album begleitet. Eine Projektionsfläche, die Offenheit suggeriert und alles möglich macht, was zwischen Folk, House oder Sonstigem liegt und deshalb immer gerne spacy genannt wird. Trippy würde es auch treffen, dann aber die eindeutigen Verweise auf die schwarze Kultur vernachlässigen, die Liam immer inspiriert haben und seine eigene Identität als ein Kind seiner irischen Mutter und seines englischem Vaters in einem konfliktschwangeren Glaubenskrieg viele Fragen besser verstehen ließen. Irgendwie scheint Space dann doch treffend zu sein, da es als Arbeitsweise und Identität die naheliegendste Erklärung bietet.

Dennoch sind Deformierung und Schicksal wichtige Säulen, die immer alles in Bewegung halten und seine Musik andersartig sein lassen. “Es ist alles ein Unfall, unfertige Arbeiten”, also Dinge, die sich erst nach einer Gewöhnungsphase zu einem neuen Konstrukt erschließen lassen, das sich so interessant durch die Gegend bewegt wie ein gequetschter Porsche, wenn er dürfte, oder ein viel schnellerer, aber behinderter 400m Läufer, der mit seiner Prothese jeden anderen 400m-Läufer abhängen würde. “Ich weiß nicht wie man komponiert”, erklärt Liam und lässt alles auf sich zukommen. Denn so schnell, wie Musik sich verändert, wird es keine neue Antworten mehr geben. “Stell dir vor, mein Album würde im Radio gespielt werden. Dann würde ich meine Musik doch auch ganz anders hören als jetzt”, ein Statement, das nach zahlreichen nicht verhandelten Alben auf artefact natürlich erst recht auf “Temple On Every Street” zutrifft, bei dem Liam erstmalig die Mechanismen eines Majors testet. “Auch hier werden wir die Realität wieder nicht fassen können, da ich einfach eine kleine Wurst für die Manager hier bin, die sonst die Backstreet Boys vermarkten.” Klare Definitionen wären bestimmt hilfreich, würden aber die Vorstellung von einer sich ständig bewegenden Musik konterkarieren. Bewegung und Veränderung sind dennoch nicht die Parameter menschlichen Interesses. “Jeder tut doch so, als ob er völlig ausgeflippt wäre, doch die sogennante intellektuelle Elite macht und hört doch den selben oberflächlichen Scheiß wie die anderen. Niemand ist individuell, weil alle Menschen die Gruppe suchen, bevor sie fallen.” So wird sich Doctor L. auch weiter abseits des giftigen Hypes bewegen, der Künstler in ihren Rahmen erstarren lässt, und wird gemeinsam mit Tony Allen, dem früheren Schlagzeuger von Fela Kuti, ein neues Album namens “Psycho On The Bus” rausbringen, auf dem die Musiker Allens im Bus während der USA-Tour direkt auf Liams Laptop gejammt haben. Mehr Bewegung innerhalb einer Produktion wird’s kaum mehr geben.

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Elektronische Lebensaspekte.